Kopf des Tages

Deutschlands klügster Quassler

Der 32-jährige Moderator Jan Böhmermann zeigt, wie man gutes Fernsehen macht.

«Jetzt kommt die gute Nachricht»: Jan Böhmermann über sein «Neo Magazin». (Quelle: Youtube)


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Jan Böhmermann ist 32 und reif fürs Fernsehen. Aber ist das Fernsehen reif für ihn? Man müsse halt warten, bis die Alten wegsterben, sagt er. Und meint damit Gottschalk, Jauch, Lanz, Pflaume, Pilawa – die Moderationsdinosaurier. «Mal sehen, wen es zuerst trifft», fügt er mit einem Grinsen zwischen Spott und Unschuld an. Lächeln und dabei dem Gegenüber auf den Schlips treten – das dürfte auch in seiner neuen Sendung aufgehen. Das «Neo Magazin», von Böhmermann selbst als das «wohl dümmste TV-Format» bezeichnet, startet heute Abend um 23 Uhr auf ZDFneo. Einmal mehr muss sich Böhmermann mit einem Spartensender begnügen, während die Dinosaurier im Hauptprogramm zu sehen sind.

Dabei hat Böhmermann längst gezeigt, was er kann. Erstmals als 15-Jähriger im Regionalfernsehen. Schon damals nahm er den Mund ziemlich voll: Bei einem Zuckerwatte-Wettessen belegte er den ersten Platz und zeigte gleich, was ihn ausmacht: Böhmermann ist ehrgeizig und sich für nichts zu schade, solange es der Unterhaltung dient. Als Nachrichtensprecher bei Radio Bremen half ihm aber aller Ehrgeiz nichts. Sein Problem: Alles, was er sagte, klang ironisch.

Nach einer Meldung über den Nahostkrieg war Schluss mit dem seriösen Journalismus. Er wechselte zum Westdeutschen Rundfunk, als Komödiant. Seine Parodie von Lukas Podolski – er las aus dem erfundenen Tagebuch des Fussballers – erregte Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt bei Podolski selbst, der Böhmermann verklagte. Dieser stand da schon mit einem Bein auf der grossen Bühne: Für die Satire-Show «TV-Helden» auf RTL erhielt er 2009 den Deutschen Fernsehpreis. Kurz darauf wurde er von Harald Schmidt engagiert. Doch Böhmermann wollte selber Fernsehen machen und versuchte sich mit Charlotte Roche in einer Talkshow auf ZDFkultur. Die Gäste durften vor der Kamera rauchen, Whisky trinken und waren viel gelöster als sonst. Böhmermann scherte sich dabei weder um Rang noch Ruf seiner Gesprächspartner und setzte auf Transparenz. Als die Politikerin Sahra Wagenknecht kurzfristig absagte, wurde kein Ersatz gesucht, sondern ihr Platz in der Sendung leer gelassen.

Nach Ende des Talk-Experiments trauerte Böhmermann nicht lange. Seit einem Jahr moderiert er mit dem Entertainer Olli Schulz jeden Sonntag zwei Stunden auf Radioeins. Die beiden diskutieren ebenso euphorisch über ihre liebsten Raststätten-Snacks wie über die besten Bundeskanzler der Geschichte. Polizistensohn Böhmermann ist nicht unpolitisch. Auf Twitter, wo er über 50'000 Follower hat, enerviert er sich regelmässig über die Ausweichmanöver der Kanzlerin – etwa bei der Frage, ob homosexuelle Paare adoptieren dürfen. Und wenn er von seinem Ehrenamt als Laienrichter erzählt, lässt Böhmermann sogar für einen Augenblick die Ironie beiseite.

Meist bedient er sich ihrer aber gerne, um Doppelmoral zu entlarven und alles und jeden auf die Schippe zu nehmen: Politiker, Hipster, Journalisten. Er selbst ist auch Journalist, aber einer mit Narrenfreiheit. Er sei ein «Arschloch mit Herz», sagt er über sich selbst. Und mit Hirn, muss man anfügen. Denn Böhmermann ist witzig, weil er nicht nur frech, sondern auch intelligent und gut informiert ist. Und deshalb oft smarter als die anderen. Schon damals mit 15: Beim Wettessen war er der Schnellste, weil er als Einziger auf die Idee kam, die Zuckerwatte vor dem Essen zu mundgerechten Klümpchen zusammenzudrücken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2013, 11:54 Uhr

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