Interview

«Die ARD hat noch nicht entschieden»

Gestern lief der skandalumwitterte Schweizer «Tatort» am Fernsehen. SF-Filmchef Peter Studhalter über die Negativpresse, die Kommissare und Spielfilme aus dem Leutschenbach.

«Alle Aspekte, die die Schweiz ausmachen, auf kleinstem Raum komprimiert»: SF-Filmchef Peter Studhalter über den Luzerner «Tatort».

«Alle Aspekte, die die Schweiz ausmachen, auf kleinstem Raum komprimiert»: SF-Filmchef Peter Studhalter über den Luzerner «Tatort».

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Herr Studhalter, sind Sie zufrieden mit dem Schweizer «Tatort»?
Sehr, nach wie vor.

Die erste Fassung war von Ihrer neuen Chefin als ungenügend bezeichnet worden.
Es ist nicht so, dass wir bisher schlechte Filme gemacht haben. Die neue Geschäftsleitung störte sich an einzelnen Elementen, und diese haben wir überarbeitet.

Hat Sie die Negativpresse im Vorfeld getroffen?
Nein. Wenn sie zehn Leuten denselben Film zeigen, kriegen sie zehn unterschiedliche Bewertungen. Damit muss jeder Redaktor leben.

War die negative Presse PR-technisch letztlich sogar ein Vorteil?
In diesem Ausmass? Auf keinen Fall.

Was man mit ein paar zusätzlichen Schnitten nicht hat retten können, ist das meiner Meinung nach schwache Konzept: Die Figur des Kommissars wird im Film nicht etabliert. Im Gegensatz zu anderen «Tatort»-Kommissaren bleibt er blass.
Das trifft so nicht zu. Die Figur des Kommissars Flückiger ist ja bereits etabliert, weil er in mehreren Bodensee-«Tatort»-Folgen vorkam.

Und was ist mit Flückigers Partnerin, der US-Polizistin? Die ist in der nächsten Folge nicht mehr dabei. Macht das Sinn?
Es gibt bei den «Tatort»-Krimis die unterschiedlichsten Figuren-Konstellationen. Manchmal ermittelt ein Kommissar allein, manchmal sind sie zu zweit. Die Figur der Abby Laning war von Beginn an als Austauschpolizistin angelegt. Dementsprechend bekommt Flückiger in der nächsten Folge eine neue Partnerin.

Wieso hat man die nicht schon in der ersten Folge eingebaut? So hätte man von Beginn weg ein schlagkräftiges Duo etabliert.
In der ersten Folge ging es bewusst darum, die Figur des Kommissars Flückiger in Luzern einzuführen.

Apropos Luzern. Während des Interviews höre ich bei Ihnen einen Luzerner Akzent heraus – hatten Sie Einfluss auf die Wahl der Schweizer «Tatort»-Stadt?
Das war eine Entscheidung der Redaktion. Dass ich Luzerner bin, hatte keinen Einfluss.

Wie und von wem wurde Luzern als «Tatort»-Stadt erkoren? Und was genau erhoffen Sie sich von Luzern?
Der Schweizer «Tatort» muss auch im 80-Millionen-Markt Deutschland funktionieren. Und wir wollten einen Drehort, der alle Aspekte der Schweiz widerspiegelt. Luzern hat eine wunderschöne Altstadt und auch sehr moderne, urbane Bereiche, dazu kommt dieser grossartige See und die Berge, die direkt vor der Haustür stehen. Damit haben wir ein Setting, das praktisch alle Aspekte, die die Schweiz ausmachen, auf kleinstem Raum komprimiert.

Die ARD muss den Film gutheissen, damit es zu weiteren Schweizer Folgen kommt. Hat sie schon entschieden?
Nein, die ARD entscheidet erst nach der Ausstrahlung. Und der Senderverbund wird sich für diese Entscheidung die Zeit nehmen, die er dafür braucht.

Wie viele weitere Folgen sind geplant?
Das ist Gegenstand von Gesprächen. Dazu kann ich im Moment nicht mehr sagen.

Bei Ihrem Antritt vor zwei Jahren sagten Sie: «Überrascht hat mich, wie konfektioniert und wie schweizerisch SF-Filme sein müssen, damit sie erfolgreich sind.» Hat sich das unter Ihnen geändert?
Es wäre in diesem Geschäft komplett falsch, über Nacht alles anders zu machen. Was aber neu ist: Wir sind grössere und aufwendigere Koproduktionen eingegangen, etwa «Der letzte Weynfeldt». Ausserdem haben wir das Spektrum erweitert. «Vater, unser Wille geschehe» – eine schwarze Komödie – oder eben die Literaturverfilmung «Weynfeldt» sind keine typischen Fernsehfilme.

«Verstrickt und zugenäht», «Charlys Comeback» aber schon. Typische SF-Komödien: harmlos, ländlich, gefällig.
Beide Filme sind bei unserem Publikum sehr gut angekommen. Filme benötigen sehr lange Vorlaufzeiten. Beide Komödien wurden tatsächlich vor meiner Amtszeit entwickelt.

Dann ist die Idee, dass man vom Komödiantischen wegkommt?
Nicht unbedingt. Mit «Hunkeler» und «Tatort» haben wir das Genre Krimi abgedeckt. Also müssen wir weiter denken. Natürlich an Komödien, aber beispielsweise auch an ein Bio-Pix, an historische Stoffe oder sogar an Eventfilme. Und mit «Die Käserei von Goldingen» hatten wir ein anspruchsvolles, stilles Drama auf dem Schirm.

Wieder ein ländliches Setting…
Die Forderung nach mehr urbanen Stoffen hören wir immer wieder, gerade von Journalisten und Branchenleuten. Klar, die leben ja auch nicht auf dem Land. Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung lebt aber in einem eher ländlichen Umfeld. Wenn wir einen Film im Emmental statt in Zürich ansiedeln, kommt er erfahrungsgemäss deutlich besser an.

Haben Sie denn Quotenvorgaben?
Für jeden Sendeplatz gibt es Quotenvorgaben.

Wie hoch ist die für TV-Filme? Man spricht von 20 Prozent, nicht?
Das sind interne Zahlen. Und sie sind anspruchsvoll, was auch richtig ist. Denn Fernsehfilme sind hochpreisige Formate, die müssen auch eine gewisse Publikumsresonanz generieren. Wir freuen uns, dass wir die Marktanteile in den letzten zwei Jahren um fast fünf Prozent steigern konnten. Das ist ein enormer aussagekräftiger Wert.

Wie entsteht eigentlich die Idee zu einem SF-Film?
Entweder kommen die Ideen von der Redaktion oder von einem Autoren oder Produzenten. Das kann eine blosse Logline sein oder schon ein fertiges Drehbuch.

Haben die Redakteure so nicht zu viel Macht über die Filmemacher?
In der Regel finanziert das SRF zwischen 70 und 100 Prozent eines Fernsehfilmes. Aus welchem Grund sollten wir da nicht mitreden?

Die gleichen Redakteure treten auch als Redakteure bei Kinofilmen, die oft in Zusammenarbeit mit dem SF entstehen, auf. Ist dort nicht ganz anderes filmisches Know-how gefragt? Hat das SF so nicht zu viel Einfluss auf das Schweizer Filmschaffen?
Seit diesem Jahr werden Fernsehfilme und Kinofilme von zwei unterschiedlichen Redaktionen betreut. Wir wissen sehr genau, dass wir bei diesen unterschiedlichen Formaten jeweils andere Rollen einnehmen. Bei Kinofilmen treten wir als Koproduzent auf und begleiten die Produktion beratend. Bei TV-Filmen mischen wir uns viel stärker ein, was unserer Aufgabe entspricht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.08.2011, 14:14 Uhr

Gute Quoten

6,8 Millionen Deutsche und 723'000 Schweizer haben sich den gestrigen Schweizer «Tatort» angesehen. Damit erreicht er bei SF 1 einen Marktanteil von 39,7 Prozent, bei der ARD immerhin einen von 21,1 Prozent. Vor allem bei den 14- bis 49-Jährigen schnitt der Krimi für ARD-Verhältnisse besonders gut ab. Nach diesem Start besteht laut «Spiegel» die Chance, dass zukünftig jährlich zwei «Tatort»-Folgen aus der Schweiz kommen. Der nächste Luzerner Fall von Kommissar Flückiger mit dem Titel «Skalpell» ist bereits abgedreht. Ausgestrahlt wird er voraussichtlich im nächsten Jahr.

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Der «Tatort» und die Schweiz

Der «Tatort» und die Schweiz Bilder der Folge 'Wunschdenken'

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