Die Berge, ein Käfig aus Stein

Wer hat Dreck am Stecken im Dorf? Tagesanzeiger.ch/Newsnet bespricht die neue SRF-Krimiserie «Wilder». Heute: Folge 2 «Schlüssel».

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«Wieso leben Menschen in den Bergen?» Der ägyptische Bodyguard stellt diese Frage, beim Blick durchs Fenster auf die einengende Schneelandschaft. Und bezeichnet den Handlungsort der neuen SRF-Serie dann so, wie es das wohl nur ein Fremder aus der Wüste tun kann: «Ein grosser Käfig aus Stein.»

Er hätte auch «Grab aus Stein» sagen können, das schwingt irgendwie mit. Allerdings gab es in der zweiten «Wilder»-Folge keinen weiteren Toten, aber auch kein Lebenszeichen von der verschwundenen ägyptischen Prinzessin – pardon, Investorentochter – Amina. Aber mit dem Garagisten Urs Glutz geriet ein erster ernsthafter Verdächtiger ins Visier der einheimischen Polizistin Rosa Wilder (Sarah Spale) und des Bundespolizisten Manfred Kägi (Marcus Signer).

Glutz, gut gespielt von Ernst C. Sigrist, ist ein Übeltäter wie aus dem Bilderbuch: Er hat handfeste wirtschaftliche Interessen (das Projekt des Investors brächte eine Umfahrungsstrasse mit neuer Garage ins Dorf). Er spart nicht mit wüsten Kraftausdrücken, bezeichnet die verschwundene Amina als «Schlampe» und spricht vom «Araber-Bimbo». Und der Amerika-Fan – seine Garage ist vollgestopft mit Memorabilien – ist im Besitz eines Schals der Gesuchten.

Das beweist zwei Dinge: Erstens kann der schmierige Glutz nicht der Täter sein, schliesslich gibt es noch vier weitere Folgen, und ein ehernes Seriengesetz sagt: Der Mörder ist niemals der offensichtliche. Und zweitens: «Wilder» ist nicht nur stimmungsvoll inszeniert, sondern auch sorgfältig ausgestattet: In der Garage möchte man, zum Beispiel, noch viel länger verweilen, um sich in Ruhe anzusehen, was dort alles rumsteht.

Macht sich verdächtig: Ernst C. Sigrist als Urs Glutz.

Der Polizei hilft dieser zweite Punkt natürlich wenig. Resultate müssen her, und zwar sofort. In dieser Hinsicht bilden die einheimische Wilder und der eidgenössische Kägi (noch?) kein Traumpaar. Sie tasten sich erst mal vorsichtig ab: Wer hat welche Kompetenzen? Ermitteln sie miteinander oder gegeneinander? Wie weit können sie gehen? Deswegen hatte diese zweite «Wilder»-Folge zwar weniger Drive als die erste. Aber sie wirkte auch weniger überladen, liess sich mehr Zeit für Details.

Eines fällt erst auf, nachdem man sich die Sache nochmals in Ruhe durch den Kopf gehen lässt: Die Bundespolizei – oder wenigstens dieser Kägi – greift zu unlauteren Mitteln. Den Schlüssel zum titelgebenden «Schlüssel» prügelt er nämlich aus dem Garagisten heraus. Das ist zwar dezent inszeniert. Könnte aber noch weitreichende Folgen haben.

Schönster berndeutscher Satz:
«Träum süess, vo Suurchabis und Stinkfüess» (Einschlafspruch)

Die grosse Politik im kleinen Bergdorf:
Einmal wird angetönt, Bohrungen der Nagra könnten am Felssturz und damit am fatalen Busunglück schuld sein, unter dem die Gemeinde immer noch leidet.

Bitte nicht!
Die Busfahrerin von damals irrt als Verrückte durch die Serie. In grossen Dosen serviert, wie in dieser 2. Folge, wirkt das aber lächerlich.

Wie persönlich wird es für die Polizistin?
Selbstverständlich ist Rosa Wilder mehr verstrickt in den Fall, als sie denkt. Hier findet sie heraus, dass ausgerechnet ihre Mutter die Geliebte des verdächtigen Garagisten ist.

Noch ein Detail:
Kochlehrling Jakob löscht auf seinem Computer brisantes Filmmaterial. Dieser Ordner trägt den Namen 19.11.2017, also das Datum vom nächsten Sonntag. Wieso? Spielt die Serie in der Zukunft? Ist es ein versteckter Hinweis? (Fortsetzung folgt) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 21:45 Uhr

Das Schweizer Serien-Ereignis

Der Auftakt ist geglückt. Die erste Folge der neuen SRF-Krimiserie «Wilder» sahen 681'000 Personen, was einem Marktanteil von 41.9 Prozent entspricht. Dieser liegt damit gar ein wenig über demjenigen des «Bestatters», der in den letzten fünf Staffeln 40,7 Prozent erreichte. «Wilder» gehörte zu den drei Siegerprojekten eines Wettbewerbs, der 2013 vom Schweizer Fernsehen ausgeschrieben wurde. SRF wollte damals neben dem «Bestatter» eine zweite Serie im Programm haben, mit einem «gesellschaftlich relevanten Thema». In mehreren Jahren Entwicklung entstand daraus jetzt die von Béla Batthyany und Alexander Szombath geschriebene Krimiserie, die von Pierre Monnard inszeniert wurde. Ausgestrahlt werden die Folgen jeweils am Dienstag um 20.05 Uhr auf SRF 1.

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