«Die Berninalinie ist meine Lieblingsstrecke»

Seit 25 Jahren begeistert die Sendung «Eisenbahn-Romantik» nicht nur Bähnler. Der Moderator Hagen von Ortloff über die Faszination Dampflok, Stuttgart 21 und seine Pensionierung.

Oft in der Schweiz zu Besuch: «Eisenbahn-Romantik»-Sendung von 2014. (Quelle: Youtube/Bahn Zentrale)


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Herr von Ortloff, die Sendung «Eisenbahn-Romantik» feiert am kommenden Wochenende ihren 25. Geburtstag. Gleichzeitig ist das Fest auch das letzte Mal, dass Sie als Gesicht der Sendung auftreten. Wie fühlt sich das an?
Ich finde es gar nicht so schlimm, irgendwann muss man aufhören. Es passt ja ganz gut, dass ich mit dem Geburtstag der Sendung vom Führerstand steigen darf. Zudem bleibe ich für die nächsten paar Jahre noch das Gesicht von «Eisenbahn-Romantik». Denn all die alten Folgen laufen ja im SWR derzeit dreimal am Tag.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Sendung?
«Eisenbahn-Romantik» ist so etwas wie eine Oase. Wir machen keinen Enthüllungsjournalismus; der Zuschauer soll sich wohlfühlen. Wir haben immer versucht, den Menschen die Schönheit der Eisenbahn und der Landschaften unterhaltsam und manchmal mit einem Augenzwinkern nahezubringen. Unterdessen haben wir Fans auf der ganzen Welt. Als wir zum 10-Jahr-Jubiläum die Zuschauer aufriefen, uns aus ihrem Land zu schreiben, bekamen wir Zusendungen aus 21 europäischen Ländern. Von Nordirland bis Rumänien.

Dabei fing alles als Lückenfüller an.
Der Ursprung war tatsächlich atypisch. Der Sender brauchte für die Festtage kurze Filme, also bot ich meine Eisenbahnfilme an. Nach dem ersten Jahr und den ersten elf Folgen «Eisenbahn-Romantik» stellte sich heraus, dass der Pausenfüller bessere Einschaltquoten hatte als die Filme davor und danach. Die Zuschauer haben mit der Fernbedienung entschieden.

Heute spricht man vor allem von verspäteten ICE, vom Ende der Nachtzüge, von nüchternen Neubaustrecken. Ihre Sendung zelebriert konsequent ein romantisiertes Bild des Bahnreisens.
Die Romantisierung war immer ein Bestandteil der Sendung. Und natürlich sieht die Realität oft anders aus. Deshalb nannten wir die Sendung auch «Eisenbahn-Romantik». Aber die Eisenbahn ist noch immer ein unverzichtbares Verkehrsmittel.

Als solches steht sie in der Konkurrenz zu Fernbussen und Billigfliegern. Sehen Sie eine Zukunft für das gemütliche, romantische Bahnfahren?
Die Romantik lebt vor allem in den Museumsbahnen weiter. Von denen gibt es ja in ganz Europa sehr viele. Aber man vergisst gerne, dass zum Beispiel auch in Deutschland noch regelmässig Dampfzüge verkehren. Im Harz finden Sie mit 150 Kilometern das längste Schmalspurdampfnetz Europas. Dort fahren jeden Tag elf Züge auf den Brocken. Hier kann man die Romantik also noch tagtäglich erleben.

Ihnen ist auch Verkehrspolitik eine Herzensangelegenheit, Sie engagierten sich gegen Stuttgart 21. Weshalb?
Die Idee dieses unterirdischen Durchgangsbahnhofes kam nie vonseiten der Bahn.

Sondern?
Einige Politiker sahen einfach die Grösse des Bahngeländes in Stuttgart und dachten an den Platz für Immobilien. Das Projekt ist aber aus mehreren Gründen problematisch: Es bedingt den Bau eines Tunnels von der Länge des eben eröffneten Gotthard-Basistunnels; unter Wohngebieten. Die Kosten dafür wurden ursprünglich auf etwa viereinhalb Milliarden Euro geschätzt. Mittlerweile ist man bei sechseinhalb Milliarden. Ich bin überzeugt, dass dann auch bei zehn Milliarden nicht Halt sein wird.

Dafür wird der neue Bahnhof grösser.
Der Tiefbahnhof wird weniger Leistungsfähig sein, als der jetzige Kopfbahnhof. Wäre es wirklich um die Kapazität gegangen, hätte man einfach nach Zürich schauen müssen: Man belässt den Kopfbahnhof und baut einen zusätzlichen Durchgangsbahnhof. Ich hoffe nun einfach, dass sich Bundeskanzlerin Merkel nach der Energiewende auf Stuttgart konzentrieren kann – für eine «Bahnhofwende».

Weshalb fasziniert die Eisenbahn so viele Menschen?
Für Menschen aus meiner Generation waren wohl die Dampflokomotiven ein wesentlicher Grund. Das sind gewissermassen Lebewesen: Man gibt ihnen zu trinken und zu essen, und dann setzen sie sich in Bewegung. Einer Dampflok sieht man an, wenn sie ihre Kraft entfaltet. Es strömt Dampf aus Zylindern, die Treibstangen setzen die Räder in Bewegung. Ein weiterer Aspekt ist das Reisen mit der Eisenbahn. Man schwebt fast durch die Landschaft, hat Begegnungen in der Bahn.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Bahn?
Ich liebe das Eisenbahnfahren. Ich liebe die kleine und die grosse Eisenbahn. Sie war schon immer ein Teil meines Lebens. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass ich mit zwei Jahren in einem Spielwarengeschäft etwas aussuchen durfte. Ich entschied mich für einen Zug aus Holz. Der war so klein, dass er genau in meine Hand passte. Den gab ich dann nicht mehr her; nicht einmal, als ich abends ins Bett musste. Das war wohl die Initialzündung.

Sie haben unzählige Strecken befahren. Welches ist Ihre Lieblingsbahn?
Dafür brauchen Sie gar nicht weit zu fahren. Die führt von St. Moritz nach Tirano. Die Berninabahn. Das ist für mich die Bahn schlechthin.

Weshalb?
Wenn Sie im März in St. Moritz losfahren, ist dort ausgehender Winter. Auf dem Berninapass liegen drei, vier Meter Schnee. Und eineinhalb Stunden später sitzen Sie in Tirano in einem Strassencafé und geniessen draussen einen Cappuccino. Zudem ist die Strecke einfach faszinierend: Von der Passhöhe nach Tirano legt die Bahn innert kürzester Zeit 1800 Höhenmeter zurück.

Werden Sie die Besuche all dieser Strecken nicht vermissen?
Ich bleibe der Szene erhalten: Ich gehe weiterhin auf Sonderfahrten und an Messen. Einmal Eisenbahn-Romantiker, immer Eisenbahn-Romantiker. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2016, 10:04 Uhr

Begann seine Karriere 1977 als Fernseh-Journalist beim Süddeutschen Rundfunk (SDR): Hagen von Ortloff. (Bild:swr.de)

Eisenbahn-Romantik

Die Sendung «Eisenbahn-Romantik» entstand sozusagen aus Zufall: TV-Journalist und Eisenbahn-Enthusiast Hagen von Ortloff produzierte für den SDR elf Eisenbahnfilme als Pausen-Füller. Die waren bei den Zuschauern so beliebt, dass der Sender «Eisenbahn-Romantik» zum halbstündigen Format machte. Heute gilt die Sendung als Kult: Millionen von Zuschauern auf der ganzen Welt schauen sich das Programm an.

Vom 22. bis 24. Juli feiert die Sendung am Sauschwänzle-Fest im Südschwarzwald ihr 25.Jahre-Jubiläum. (kpn)

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