Die Bürgerwehr als digitale Hetzmeute

Der Hamburger «Tatort» lässt Gut- zu Wutbürgern werden. Schnelle Schnitte machen die moralische Eskalation perfekt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bürgerwehr-«Tatorte» gabs schon einige, aber wohl noch keinen so guten wie «Treibjagd». Die Bundespolizisten Falke und Grosz (Wotan Wilke Möhring, Franziska Weisz) müssen diesmal bei einer Soko Einbruch aushelfen, eine frustrierende Sache, weil man die Verdächtigen meist wieder laufen lassen muss. So wie diesen Kolja, der auf die Frage, warum er mit einem Schraubenzieher erwischt wurde, die kecke Antwort gibt: «In Deutschland ist es kalt und immer eine Schraube locker.»

Schon beim nächsten Einsatz begegnen die beiden ihm wieder: als Leiche. Der Gutbürger Dieter Kranzbühler hat ihn in flagranti ertappt und erschossen, weil er selbst mit einer Waffe bedroht wurde. Die war aber aus Plastik, und Kranzbühler Teil einer Gruppe, die gegen die Wohnungseinbrüche in ihrem Viertel zur Selbsthilfe greift. Über ein Internetforum hetzt Dieters Bruder Bernd auch gegen die an der Notwehr-Version zweifelnden Ermittler, bringt Privatadressen und Familienfotos in Umlauf.

Aus einer Alltagskatastrophe – so ein Einbruch kann einem die Wohnung unerträglich machen und Familien zerstören – und der digitalen Hetzmeute, die Gut- zu Wutbürgern macht, haben Florian Oeller und Benjamin Hessler eine packende Handlung gestrickt, die Regisseurin Samira Radsi («Deutschland 83») rasant umsetzt. Die titelgebende Treibjagd gilt Maja (Michelle Barthel), der Freundin und angeschossenen Komplizin des Einbrechers, die verletzt durch ein Waldstück irrt.

In schnellen Schnitten folgt die Kamera ihr, den Kommissaren (immer zu spät!) und den Freunden des Schützen, die die Zeugin verschwinden lassen wollen. Der filmischen Beschleunigung entspricht dabei die moralische Eskalation, auf allen Seiten. Das ist gespenstisch anzusehen, und so bleibt man – trotz winziger logischer Patzer – bis zum Schluss gefesselt.

Erstellt: 18.11.2018, 21:45 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie stets nach dem «Tatort»-Film die Kritik und das Rating der Kulturredaktion – und beurteilen Sie den Film selbst.

Rating

«Tatort»-Folge: «Treibjagd»

Gesellschaftsrelevanz
Blutzoll
Spannung
Humor
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient diese Folge?







Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Die Polizisten als Randfiguren

TV-Kritik Alles verkehrt im Stuttgarter «Tatort»: Im Zentrum von «Der Mann, der lügt» stand für einmal der Verdächtige. Spannend war es trotzdem. Mehr...

Halloweengrusel mit Mehrwert

TV-Kritik Im Bremer «Tatort» mit dem Titel «Blut» geht ein Vampir um. Es ist die fantastische Lilith Stangenberg – und wir gehen mit. Mehr...

Gefährliche Gemütlichkeit

TV-Kritik Im Wien-«Tatort» geht es um einen Überfall auf zwei Geldkuriere. Doch eigentlich dreht sich alles um die Verschlingungen einer Liebe. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Mamablog Eine warme Mahlzeit als Zeichen der Anteilnahme
Sweet Home Willkommen im «Nouveau Boudoir»
Geldblog Fürstliche Anlagen mit Potenzial

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...