Porträt

Die Fans der Fans

Als Hinchas Fútbol Club drehen Raphael Brugger und Marcos Aurelio Ramírez Videos über Kultur und Rituale europäischer Fussballanhänger – für einen grossen lateinamerikanischen TV-Sender.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als der letzte Beitrag der Teleclub-Dokumentation «Being Liverpool» zu Ende war, ging dem Schreibenden vor Glück und Rausch das Augenwasser über. Im jüngst en suite ausgestrahlten Sechsteiler war er nämlich bei der Vertragsverlängerung von Stürmerstar Luis Suárez mit am Tisch gesessen, am legendären «This is Anfield»-Schild im Spielertunnel vorbeigegangen – und gar in der Kabine gewesen, als Coach Brendan Rogers die Matchphilosophie dozierte!

Menschen ohne Fussballgen dürften an dieser Stelle leicht besorgt die Stirn runzeln. Alle andern jedoch werden verstehen – verstehen, was sich im Gefühlshaushalt des Vernarrten abspielt, wenn er plötzlich Einblicke ins mythische Heilige einer Fussballdynastie wie jener des grossen Liverpool F. C. erhält.

Zwei Männer, die solche Hormonschübe auch schon mehrfach gewärtigen durften, sind Raphael Brugger und Marcos Aurelio Ramírez.

Den Grossteil ihres Lebens haben die Mittdreissiger in Mexiko verbracht – in jenem Land also, das nicht nur die Erfindung der Stadionwelle La Ola für sich reklamiert, sondern den Fussball mystifiziert wie Italien seine Blut weinenden Madonnen oder England den AfternoonTea. Irgendwann hat es die beiden dann in die Schweiz verschlagen; Informatiker Brugger des Berufes und Journalist Ramírez der Liebe wegen. Und so kam es, dass sie eines Abends zufällig in der gleichen Zürcher Bar sassen, Fussball schauten – und feststellten, dass sie beide eine mexikanische Vergangenheit hatten.

Obwohl ihre Herzen für verschiedene Clubs schlagen – Bruggers Teams sind Chivas Guadalajara und Atlético Madrid, Ramírez’ jubelt und leidet mit León und dem FC Barcelona –, merkten sie rasch, dass es auf neutralem Terrain etwas gab, was sie verbindet: die Faszination für unterschiedliche Fankulturen. Und dieses Thema bringt die Kumpel auch gleich mächtig ins Erzählen.

In Mexiko, bekanntlich nicht gerade das Vorzeigemodell des Pazifismus, existierten bis heute kaum Hooligan-Gruppierungen, berichtet Ramírez. In den USA komme man sich dagegen oft vor wie in der Oper: Während des Spiels sei es verblüffend still, in der Pause und nach Spielschluss gebe es dann höflichen Applaus oder vereinzelte Buhrufe. «Und aufwendige Choreografien, wie sie in deutschen und Schweizer Stadien zu bewundern sind, kennt man in Lateinamerika überhaupt nicht», ergänzt Brugger.

Der freche Coup

Die gemeinsame Passion führte sie fortan regelmässig in Arenen und Clubmuseen; oft hatten sie eine Videokamera im Gepäck, mit der sie Eindrücke sammelten, wie es andere Menschen mit Rotweinen oder Schallplatten handhaben – «aus reiner Freude an der Sache», wie Brugger lachend sagt.

2011 reisten sie dann nach Marseille (wo mit Olympique einer der berüchtigtsten Vereine Europas zu Hause ist) und gaben sich gegenüber den Clubverantwortlichen aus Jux als Reporter einer mexikanischen TV-Station aus. Der Coup gelang. Den Frechdachsen wurden Tür und Tor geöffnet, sie filmten, was das Zeug hielt – und nach der Sichtung des tollen Materials war aus der Freude an der Sache unversehens heiliger Ernst geworden: Brugger und Ramírez entschieden, eine Firma zu gründen, die professionelle Fankulturbeiträge fürs Fernsehen herstellt.

Besagtes Unternehmen heisst Hinchas Fútbol Club. «Hincha» sei in Mexiko, Uruguay und Argentinien der Begriff für «Vollblutanhänger», sagt Ramírez, er sei deutlich stärker als das in Europa geläufige «Aficionado». Weshalb aber Fútbol Club? «Wie in jedem richtigen Verein soll auch bei uns ein FanTreffpunkt entstehen, zumindest auf der virtuellen Ebene des Internets», erklärt Brugger. Seinen Sitz hat der Hinchas F. C. in einem Bürogebäude im Zürcher Kreis 3. Brugger kümmert sich um die Geldbelange und die Logistik, Ramírez verantwortet die Storyboards und die Technik, für Bereiche wie die Synchronisation zieht man professionelle Freelancer bei. Fix zum Team gehört inzwischen auch Gérardine Dellsperger, sie gestaltet den Webauftritt und die Bildgrafiken. Finanziert werden die Löhne und die Produktion durch Infrastruktursponsoring und Werbung – und natürlich durch den Verkauf der Beiträge an interessierte Sendestationen.

Das Projekt ist vorderhand auf drei Staffeln à je 13 Beiträge ausgerichtet. Im Fokus der ersten Staffel stünden aussergewöhnliche europäische Fankulturen, erzählt Ramírez. In der zweiten (die anlässlich der WM 2014 in Brasilien realisiert wird) werden dann Anhänger von Nationalmannschaften porträtiert, und in der dritten will man das «exotische» Treiben von afrikanischen, asiatischen, arabischen Supportern einfangen.

Auf die Nachfrage, was man bei Hinchas mit «aussergewöhnlich» meine, erklärt Brugger, es gehe dabei um Kreativität, Leidenschaft, Tradition – und um besondere Merkmale. «Die Südkurve des FCZ haben wir vor allem wegen der Choreografien ausgewählt, die europaweit zu den besten gehören. Eintracht Frankfurt machen wir, weil die letzte Saison als erster Verein alle Saisonkarten verkauft hatten, obwohl man in die 2. Bundesliga abgestiegen war. Bei St. Pauli wiederum wollen wir herausfinden, was den Kult begründet, der diesen Club umgibt.» Diese Namen machen bereits klar, dass das kleine Hinchas-Team die Entdeckung von tendenziell unbekannten Supporterkulturen höher gewichtet als das Renommee der Topvereine.

Strukturell folgen alle Sendungen dem gleichen Schema: Zum Auftakt wird die Heimatstadt des Vereins vorgestellt, Teil zwei ist dem Club und seiner Historie gewidmet, und im zentralen dritten Teil wird die Fankultur abgehandelt – inklusive der Rivalität mit dem «Erzfeind», der bewegendsten Momente sowie der Spielstätte, in der all die Dramen und Heldenepen geschrieben wurden.

Die zwei Hinchas-Gründer machen kein Geheimnis daraus, dass sie zu Beginn auch Lehrgeld zahlen mussten. So hatten sie gemeint, sie könnten einfach mit laufender Kamera spontan auf Fans zugehen, und diese würden ihnen dann voller Enthusiasmus grossartige Statements ins Mikrofon diktieren. «Das war doch arg naiv», sagt Ramírez und muss lachen. Als Folge davon wurde das Zeitkontingent für Recherchen und Vorgespräche deutlich nach oben korrigiert. Am Credo «möglichst authentisch, positiv und realitätsnah» habe man aber festgehalten, sagt Brugger: «Wir wollen mittendrin statt nur dabei sein, um einen berühmten Slogan zu zitieren. Aus diesem Grund arbeiten wir mit einer Kameraführung, die man als ‹dirty› bezeichnet, es ist jene Technik, die auch MTV gerne verwendet.»

Hoffen auf europäische Sender

Nachdem man nun die emotionsgeladenen Aufnahmen aus Marseille und der Südkurve (die genauso unter die Haut gehen wie die erwähnten «Being Liverpool»-Bilder) fixfertig im Kasten sind, gehts im Mai nach Frankfurt und Hamburg. Zum Start der kommenden Saison folgen dann Glasgow, Fulham, Lüttich, Istanbul, Sevilla oder Eindhoven. Wann man diese Episoden in unseren Breitengraden sehen kann, ist noch offen – die Erstausstrahlung ab Oktober hat sich nämlich der lateinamerikanische Ableger des US-Senders Fox Sports gesichert, der ein gigantisches Gebiet zwischen Feuerland und dem Süden der USA abdeckt; zustande kam der Deal dank Kontakten, die auf Ramírez’ Zeit als Journalist in Mexiko zurückgehen.

Man hoffe aber sehr, dass in absehbarer Zeit auch europäische Sender Interesse bekunden würden, sagt Brugger. «Obwohl man um den Stellenwert des Fussballs in westlichen Gesellschaften weiss, ist die soziale, volkskulturelle und politische Bedeutung der Fans bis heute nicht vollends akzeptiert. Vielleicht können unsere Videofilme ja mit dazu beitragen, dass sich diese Situation verbessert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 09:52 Uhr

Trailer FCZ

Artikel zum Thema

Kurdische Waisenknaben und Fussballrebellen

Das 27. Internationale Filmfestival in Freiburg wartet mit einem breiten Programm und Stargästen wie Eric Cantona und Charles Aznavour auf. Mehr...

«Die Momente neben dem Fussballplatz sind spannender»

Interview Besondere Momente auf dem Rasen, Emotionen neben dem Platz: Reinaldo Coddou H. präsentiert im Bildband «Kunstschuss» den Fussball aus einer besonderen Perspektive. Der Fotograf über Spieler, die den Pokal mit ins Bett nehmen, und die heutige Scheinwelt bei den Profis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...