Hintergrund

Die Philosophie ermittelt im «Tatort»

Im sonntäglichen Krimi werden in der Regel Verbrecher gejagt. Ein neues Buch nähert sich der TV-Serie mit den Mitteln der Philosophie. Aber: Geht das überhaupt?

Gerade weil der «Tatort» eine solche Strahlkraft besitzt, braucht es immer wieder kritische Analysen: Motiv aus dem Vorspann.

Gerade weil der «Tatort» eine solche Strahlkraft besitzt, braucht es immer wieder kritische Analysen: Motiv aus dem Vorspann. Bild: ARD

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Der «Tatort» ist Kult. Die TV-Krimiserie gehört für viele zum Sonntagabend wie früher der Kirchenbesuch zum Sonntagmorgen. Der «Tatort» ist auch ein kollektives Ritual: Denn er wird nicht mehr nur privat geschaut, sondern etwa auch in Bars, und das auch hierzulande – nicht erst, seit die Schweiz mit einem eigenen Ermittlerteam seit 2011 wieder dabei ist. Und der «Tatort» ist vielseitig: Mit derzeit 22 Ermittlerteams zeigt die seit 1970 bestehende Reihe von ARD, ORF und SRF innerhalb des Krimi-Genres eine Bandbreite an Formaten: Es gibt lustige, langsame, schnelle, spannende, actiongeladene, brutale, psychologische, ironische, emotionale und ­liebliche Folgen. Aber ist der «Tatort» auch Philosophie? Kann man sich mit ihm philosophisch auseinandersetzen?

Manch Vertreter der philosophischen Profession mag sich angesichts eines solchen Anspruchs wegen des scheinbaren Niveauverlusts die Haare raufen. Wird doch die Philosophie als Königsdisziplin der Geisteswissenschaften und somit als etwas Höheres und Ernsteres betrachtet, als dass man sie in den Dienst eines Massenmediums stellen dürfte. In der Philosophie geht es um Wahrheit und Begreifen – und nicht um Waffen und ­Ergreifen.

Unbestrittenes Kulturgut

Wer so denkt, übersieht zweierlei: Erstens, dass sich die Philosophie auch mit dem alltäglichen Leben befassen sollte und damit, wie wir es verstehen und uns in ihm bewegen. Zweitens, dass die Philosophie damit auch einen Auftrag erhält, gesellschaftliche Strömungen und Tendenzen aufzugreifen und zu hinterfragen. Indem der «Tatort» in den letzten 40 Jahren zu einem kaum mehr wegzudenkenden Kulturgut geworden ist, kann und soll die Philosophie also auch ruhig fragen dürfen, welche Bedeutung er für unser Leben hat und wie die wichtigen Aspekte dieses Lebens vor dem Hintergrund der Serie diskutiert werden können – selbst oder gerade, wenn es sich bloss um Popkultur handelt. Über Triviales zu diskutieren, muss ja nicht heissen, trivial zu philosophieren.

In den USA haben Publikationen, die Populärkultur als illustrative Quelle zur Philosophieermittlung verwenden, seit langem Konjunktur. Die Verlage Open Court, Blackwell und University Press of Kentucky veröffentlichen regelmässig Bücher zu beliebten Serien und intensiv diskutierten Filmen, darunter Titel wie «The Simpsons and Philosophy», «The Wire and Philosophy», «The Matrix and Philosophy», «Superman and Philosophy», «The Philosophy of Ang Lee» oder «The Philosophy of Sherlock Holmes». Im deutschsprachigen Raum erscheint nun der Sammelband «Der Tatort und die Philosophie». Wie bei den amerikanischen Vorbildern werden anhand von Film und Fernsehen prägnante philosophische Theorien diskutiert. Stoff dafür gibt es beim «Tatort» reichlich.

Die Krisen unseres Alltags

In der meist nach dem Schema ­«Whodunit?» inszenierten Krimiserie, in der zu Beginn ein Mord geschieht, der in den 90 Filmminuten aufgeklärt wird, werden Fragen aufgeworfen zu Gerechtigkeit, Autonomie, Freiheit, Vertrauen, Liebe, Freundschaft, Aufrichtigkeit, Schuld, Vergeltung, aber auch konkreter zur Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft, zu psychischem Verfall, zu Entfremdung, Korruption, Missbrauch, Drogenhandel, technologischem Fortschritt oder Einwanderung. Dabei ist der ­«Tatort» auch zeitdiagnostisches Abbild, bei dem mit viel Lokalkolorit aktuelle, sozialpolitisch relevante Themen verhandelt werden. Das Räuber-Gendarm-Schema ist nur der Rahmen, innerhalb dessen Krisen unseres Alltags durch­gespielt werden. Philosophen ebenso wie Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen sind dazu da, diese Darstellungen entweder inhaltlich oder auf einer Metaebene zu analysieren.

Doch bei aller Euphorie: Der «Tatort» philosophiert in den seltensten Fällen selbst. Er ist in erster Linie Unterhaltung, Entspannung zum Ausklang des Sonntags. Meist kann man beruhigt ins Bett gehen, nachdem das Böse gefasst und die gesellschaftliche Ordnung wieder hergestellt ist. Wie kritisch eine damit verbundene Konsumierbarkeit von Verbrechen und Strafen zu beur­teilen ist, darüber machen sich verschiedene Autoren zunehmend Gedanken: Müssen wir nicht medienkritisch im Sinne ­Adornos von der Serie ablassen? Oder sind Anspruch und Unterhaltung heute keine Gegensätze mehr? Wird das Böse des Bösen verklärt, indem der «Tatort» nach einfachen Kausalzusammen­hängen sucht, die es aber oft nicht gibt?

Mitgefühl mit dem Täter

Auch wie sich Beschleunigung und Entfremdung als die dominierenden Modi unserer Gegenwart in der Serie zeigen, wird unter Philosophen diskutiert. Oder wie das «Angesicht» des Verbrechens eigentlich zu verstehen ist. Und welche Arten von Empathie der «Tatort» uns ­eröffnet. Wenn auch in der Mehrzahl der Fälle die Gut-Böse-Zuteilung klar ist, so erleben wir als Zuschauer auch immer wieder, dass es mit dieser Kategori­sierung nicht immer so einfach ist: Manchmal fühlen wir mit den Verbrechern mit. So liess schon manches Team einen Kriminellen, wenn er selbst Opfer wurde, entkommen.

In dieser Weise ermöglichen Fiktionen ein Fremdverstehen, über das wir auch etwas über uns selbst lernen, denn so erholsam die Serie sein mag, so ­fordert sie uns doch auch auf, darüber nachdenken, wie und warum wir rea­gieren. Wie affirmativ und naiv oder horizonterweiternd und blickverändernd das für den Zuschauer ist, hängt freilich stark von der Qualität der jeweiligen Episode ab: Jeder «Tatort», der schnöde Stereotypen zementiert, ist ein Ärger-nis – nicht nur für Philosophen. Oft kommen Familien von Einwanderern oder bestimmte soziale Niveaus unverhältnismässig und einseitig schlecht weg. ­Gerade weil der «Tatort» eine solche Strahlkraft besitzt – in der Schweiz hat er durchschnittlich eine halbe Million Zuschauer –, braucht es immer wieder kritische Analysen.

Mal surrealistisch, mal nervig

Dafür bieten sich die anspruchsvolleren Folgen in der Regel mehr an: In der letzten Zeit gibt es zunehmend Ermittlerteams und Fälle, die uns ästhetisch und ethisch herausfordern. Jüngste ­Beispiele sind die fast schon surrealistischen Episoden mit Kommissar Murot (Ulrich Tukur), die an die Nerven ­ge­henden Folgen mit dem traumatisierten Peter Faber (Jörg Hartmann) oder die komischen Fälle mit dem sinnent­fremdeten Frank Steier (Joachim Król). (Den nervenden Umstand, dass immer Männer die interessanteren Figuren sind, lassen wir hier einmal beiseite.) Würde es allerdings nur diese eher durchgeknallten Charaktere geben, hätte die Serie bald schon nicht mehr so viel Erfolg. Die hohen Einschaltquoten erreichen nicht sie, sondern die kla­maukigen «Thiele und Boerne»-Fälle (Axel Prahl und Jan Josef Liefers) oder die neuen, actiongeladenen Episoden mit Nick Tschiller (Til Schweiger).

Aber wie man sich theoretisch mit der Serie befasst, hat letztlich nichts mit ihrer Qualität zu tun. Die Herausforderung hängt ab von den Fragen, die man stellt, und den Theorien, die man hinzuzieht, nicht von einer gelungenen oder misslungenen Folge. In den Dialog treten, wie der Philosoph Stanley Cavell das nennt, kann man mit vielem – es ist nur eine Frage der Offenheit.

Erstellt: 25.03.2014, 11:19 Uhr

Der Tatort und die Philosophie. Schlauer werden mit der beliebtesten Fernsehserie. Mit Essays von Adam Soboczynski, Ariadne von Schirach, Fritz Breithaupt, Svenja Flasspöhler, Gert Scobel usw. Tropen-Verlag, Stuttgart 2014. 220 S., ca. 27 Fr.

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