Meinung

Die Verrisse kamen zu früh

Heute Abend strahlt SRF die 100. Ausgabe von «Schawinski» aus. Die Sendung hat nur einen Fehler: Sie ist eine halbe Stunde zu kurz.

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Wann immer Roger Schawinski etwas Neues anfing, überboten sich die Medienkritiker mit Vorschussverrissen. Tele 24? Keine Chance. TeleZüri? Amateur-TV. Geschäftsführer von Sat 1? Selbstmordkommando. Radio 1? Gutes Konzept, 30 Jahre zu spät. Diesem Muster blieb die Medienkritik auch im Fall von «Schawinski» treu. Eine Talkshow im Schweizer Fernsehen? Verrat an Schawinskis lebenslanger Anti-SRG-Haltung. Und bereits nach der ersten Sendung lautete das Verdikt: «Gescheitert!»

Der häufigste Vorwurf, den Zuschauer und Kritiker Schawinski machten, war derjenige des Nichtausredenlassens. Der Egomane Schawinski wolle gar nicht wissen, was seine Talkgäste sagen, er wolle nur sich selber reden hören. Deshalb, so die fast einhellige Meinung der Medienkritik, werde Schawinskis Talk der Bedeutungslosigkeit anheim und die Quoten über kurz oder lang ins Bodenlose fallen. Ja, gar eine «Bankrotterklärung» sei das für einen Sender, einen Pensionär wie Schawinski einzustellen, schrieb der Medienkritiker der NZZ.

Wahr ist das Gegenteil. Schawinski hat seine Quote über die ersten 100 Sendungen halten können. Mit bis zu 33 Prozent Marktanteil (Rekordmarke) erzielt er montagabends nach 23 Uhr sogar Spitzenwerte. Diejenigen, die ihm sofortigen Untergang prophezeiten, stutzten. Die Vulgärfeministinnen der Schweizer Medienlandschaft kamen nicht umhin, festzustellen, «Chauvinski» lade zu wenig Frauen ein. Als er sie einlud, sagten sie ab. Der Medienkritiker der NZZ relativierte die guten Quoten mit der Spektakel-Keule und gab Interview-Tipps. Schawinski solle weniger schreien und einen psychoanalytischeren Ansatz wählen. Eine Einladung erhielt er nie. Überhaupt ist die Einladung die schärfste Waffe Schawinskis in der Demütigung seiner Kritiker. Die, die nicht eingeladen werden wollen, lädt er ein und bezichtigt sie öffentlich und zu Recht der Feigheit, wenn sie nicht kommen. Und denen, die unbedingt eingeladen werden wollen, raunt er zwischen Canapé und Zweierli, den Blick gelangweilt an die Decke gerichtet, zu: «Dich würd ich auch nicht einladen, weisch.»

Schawinski kann es sich leisten, so mit seinen Kritikern umzugehen, denn sie alle können ihm das Wasser nicht reichen. Ihre Kritik gründet auf Neid und Missgunst, nie ist er ihren verfrühten Untergangsfanalen gefolgt, stets hat er sie Lügen gestraft. Schawinski war mit allem, was er angepackt hat, erfolgreich und muss niemandem mehr etwas beweisen. Er ruht in sich selbst, und das macht ihn zum besten Talkmaster und Interviewer des Landes. Er kann aus seinem Interview-Repertoire immer das schöpfen, was gerade von Nöten ist: ein wenig Hochmut, um den Manager in die Schranken zu weisen. Ein wenig Härte, um den Politiker aus der Reserve zu locken. Ein wenig Charme, um den Promi zu knacken.

Selbst ernannte Grill-Interviewer

So sind seine Sendungen das Beste, was das Schweizer Fernsehen zu bieten hat, und zwar in den Abteilungen Information und Unterhaltung gleichzeitig. Unschlagbar fies seine Abmoderation des eben entlassenen Christoph Mörgeli («Morgen um diese Zeit kommt der ‹Club› zum Thema Hausmänner, das ist vielleicht auch interessant für Sie?»). Unvergessen peinlich Christoph Blochers zerbissene Lippen nach Schawinskis Verhör über seine «Basler Zeitung»-Lügen. Und unerreicht unterhaltsam die väterlich-humorvolle Demontage Mike Shivas, an dem sich zuvor Dutzende selbst ernannte Grill-Interviewer erfolglos abgearbeitet hatten.

Nur ein Mann mit der Lebensgeschichte und vom Format Schawinskis kann im Sinne eines umfassenden Service public in der einen Sendung glaubwürdig einen Blocher blossstellen, in der nächsten mit Carsten Schloter über Scheidungsschicksale sprechen und in der Woche darauf Hausi Leutenegger seine Depressionen gestehen lassen.

Womit die Kritiker recht behalten haben, ist, dass Schawinski oft hetzen und unterbrechen muss, um alle vorbereiteten Themen anzusprechen. Und so hat die Sendung «Schawinski» in der Bilanz nach der 100. Sendung nur einen Fehler: Sie ist eine halbe Stunde zu kurz.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2013, 14:12 Uhr

Fernsehen

SRF 1, 22.55 Uhr: Sandro Brotz fühlt Roger Schawinski heute in der 100. Sendung von «Schawinski» auf den Zahn. Die TV-Kritik dazu lesen Sie morgen ca. 10 Uhr auf Newsnet.

Quoten

Die einzelnen Quoten der Sendungen entnehmen Sie den Infografiken im Text. Die erste «Schawinski»-Sendung hatte einen Marktanteil von gut 18 Prozent. Im Jahr 2011 betrug der durchschnittliche Marktanteil 16.9 Prozent, 2012 war es 16.1 Prozent und heuer 17.1 Prozent.

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