Die geistig Behinderten in der Badi

Das Schweizer Fernsehen zeigt mit «Üsi Badi» zur Hauptsendezeit eine Doku-Serie über Menschen mit geistiger Behinderung.Dokusoaps, Kinofilme, Bücher – steht echtes Interesse dahinter, oder geht es primär um die Quote?

Betreuer Markus mit Toni, einem der geistig Behinderten in «Üsi Badi».

Betreuer Markus mit Toni, einem der geistig Behinderten in «Üsi Badi».

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Und plötzlich stehen Menschen mit geistiger Behinderung im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Das Schweizer Fernsehen SF zeigt ab heute Montag die siebenteilige Dokuserie «Üsi Badi». Drei Frauen und drei Männer mit geistiger Behinderung arbeiten mit im Strandbad Bruggerhorn in St. Margrethen: helfen am Kiosk und im Restaurant, putzen und grillieren.

Bisher traten kaum Menschen mit geistiger Behinderung am Fernsehen auf. Das Projekt ist eine Kooperation mit der Produktionsfirma B & B Endemol und soll, so Urs Fitze, Initiant von «Üsi Badi», «die Realität der Behinderten abbilden, weder beschönigen noch banalisieren» und damit «relevante Unterhaltung» bieten, ohne Experten zu Wort kommen zu lassen. Endemol ist Produzent von bekannten Reality-TV-Gefässen wie «Big Brother».

Gefahr des positiven Vorurteils

Und prompt kam schon früh Kritik: Das Fernsehen wolle Quote machen auf Kosten von Behinderten, die der Lächerlichkeit preisgegeben würden. SF wehrt – selbstredend – ab. Man habe bewusst nie über Einschaltquoten geredet, entgegnet Toni Wachter, Redaktionsleiter SF. Programmentwickler Urs Fitze betont, er wolle «diesen Leuten auf gleicher Augenhöhe begegnen, sie nicht inszenieren, sondern ganz normal zeigen».

Nach anfänglichen Bedenken liessen sich auch Fachleute auf das Konzept ein; «Üsi Badi» wurde zusammen mit den Behindertenorganisationen Pro Infirmis und Insieme realisiert – und mithilfe der Arwo Wettingen, einer Wohn- und Arbeitsstätte für Behinderte. Alfred Isch, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Arwo Wettingen, wo fünf der sechs Protagonisten herkommen: «Ich finde es wichtig, wenn man den Leuten zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit geistiger Behinderung sind und dass man keine Berührungsängste haben muss.»

Bloss: Vermag ein TV-Format tatsächlich helfen, das Zusammenleben zu verbessern? Heidi Lauper von Insieme ist diesbezüglich skeptisch und freut sich dennoch über das Projekt. «Bisher hielt sich die Medienpräsenz von Menschen mit geistiger Behinderung sehr in Grenzen.» Dass sich dies nun exakt zum 50-Jahr-Jubiläum der Organisation ändert, sei «ein glücklicher Zufall».

Nicht repräsentiv

Und doch birgt das Projekt Gefahren; etwa, dass positive Vorurteile – alle Menschen mit geistiger Behinderung seien nette, fröhliche Down-Syndrömler – zementiert werden. Heidi Lauper meint dazu, die «Üsi Badi»-Protagonisten seien nicht repräsentativ. «Es gibt bedeutend stärker beeinträchtigte Personen, gerade im Bereich der Kommunikation.»

In der Schweiz leben schätzungsweise 60 000 Menschen mit geistiger Behinderung. Nur ein kleiner Teil der Behinderungen sind genetisch veranlagt; die meisten sind Folgen von Sauerstoffmangel während der Geburt, Unfällen oder postnatalen Fehlentwicklungen im Gehirn. Es wird denn auch – trotz pränataler Diagnostik – immer Menschen mit geistiger Behinderung geben.

Im Alltag begegnet man ihnen allerdings relativ selten. Umso bemerkenswerter, dass sie nun in den Fokus des medialen Interesses rücken. Nebst der «Üsi-Badi»-Doku, die zur Hauptsendezeit ausgestrahlt wird, zeigt SF ab Herbst in der Reihe «SF bi de Lüt» eine Wohngemeinschaft mit geistig Behinderten; parallel zur Strandbad-Serie widmet sich DRS 1 ausserdem in verschiedenen Beiträgen geistigen Behinderungen.

Lieber ohne «Jö-Effekt»

Ein zu viel des Guten? «Sicher nicht», findet Giancarlo Marinucci, Geschäftsleiter des Theaters Hora, der einzigen Organisation in der Schweiz, die mit behinderten Schauspielern arbeitet. Er ist enttäuscht, nicht in das «Üsi Badi»-Projekt miteinbezogen worden zu sein. Als Konkurrenz sieht er die TV-Serie aber nicht. Im Gegenteil: «Es fehlen in der Schweiz Plattformen, wo die Fähigkeiten dieser Menschen gezeigt und gefördert werden.»

Die Choreografin Anna Röthlisberger sieht das genauso. Sie arbeitet seit Jahren auch mit ausgebildeten Tänzern mit Behinderung. Im Rahmen des Tanzfestivals Steps wurde ihre Kreation «Pez y Pescado» diesen Frühling gezeigt; dabei treten professionelle Tänzer mit und ohne Behinderung auf, unter anderem mit Down-Syndrom. «Es steht jedoch die künstlerische Linie im Vordergrund und nicht Integrationsarbeit für Behinderte», sagt sie – und stört sich am «Jö-Effekt», den Menschen mit geistiger Behinderung oft auslösen. Es sei an der Zeit, sie aus der «sozialen Ecke» herauszuholen. «Besser wäre es, einfach ihr Potenzial anzuschauen und gezielt ihre spezifischen Talente zu fördern.» Diesbezüglich besteht hierzulande noch Nachholbedarf.

«Üsi Badi» auf SF 1 ab heute Montag, 21 Uhr.

Verschiedene Sendungen auf DRS 1,z. B. «Treffpunkt»: Menschen mit geistiger Behinderung im Arbeitsleben: am Di, 13. Juli, 9 Uhr.

Erstellt: 04.07.2010, 20:18 Uhr

Den Beteiligten hat das Projekt Spass gemacht.

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