Die neuen Freundinnen der «Friends»

Die 90er-Jahre-Serie ist Kult. Fünf Gründe, weshalb «Friends» noch heute ankommt – bei Nostalgikern und auch Teenagern.

Feiern in Joeys Küche: Matt Le Blanc, Courteney Cox, Jennifer Aniston und Lisa Kudrow (v.l.). Foto: Getty Images

Feiern in Joeys Küche: Matt Le Blanc, Courteney Cox, Jennifer Aniston und Lisa Kudrow (v.l.). Foto: Getty Images

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Im New Yorker Viertel West Village drängeln sich die Touristen vor der Fassade an der Bedford Street, hinter der sich in der Serie «Friends» jenes Appartement befindet, das in der Realität nur in den Studios von Warner Bros existierte. In Zürich erzählt die Coiffeuse, dass in letzter Zeit häufig Teenager-Mädchen mit Fotos von Jennifer Aniston aufkreuzen, deren Serienfrisur damals in den 90ern ikonisch wurde. Im Mailänder Bahnhof stehen die zehn «Friends»-Staffeln gut positioniert in der Feltrinelli-DVD-Abteilung.

Und eben hat der Streamingdienst Netflix, der im vergangenen Dezember noch 100 Millionen Dollar für die Rechte an der Serie bezahlt hat, diese an einen künftigen Konkurrenten verloren: Im kommenden Frühling wird Warner mit HBO Max in den Markt drängen – und hat «Friends» in der Medienmitteilung als ersten Titel des Programms aufgeführt.

Es ist nicht zu übersehen: Die von David Crane und Marta Kauffman geschaffene Serie um sechs Twentysomethings ist Kult. Nicht nur bei den Nostalgikern, die zwischen 1994 und 2004 die Erstausstrahlung der 236 Folgen sahen. Sondern auch bei ihren Teenager-Kindern, für die diese «Friends» altersmässig noch die Zukunft bedeuten. Warum eigentlich?

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Vielleicht, so die erste Vermutung, weil die Serie technikmässig in die Vergangenheit führt. Es gibt darin kein Instagram, keine Smartphones, kein Internet, und manche Episoden würden ganz anders respektive überhaupt nicht ohne die guten alten Anrufbeantworter funktionieren. Für heutige Teenager sind das prähistorische Zustände, aber offenbar im positiven Sinn. Fragt man sie nach den Gründen, warum sie «Friends» mögen, haben die Antworten jedenfalls meist damit zu tun, dass die sechs ständig zusammensitzen. Dass sie, ganz entsprechend dem «I’ll be there for you» im Titelsong, selbst im Gegeneinander füreinander da sind, nicht per Whatsapp, sondern live im Café Central Perk.

Der dreissigste Geburtstag ist ein ziemliches Trauma für die «Friends». Aber dennoch lustig, natürlich.


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Damit wäre bereits ein zweiter Grund für den anhaltenden Erfolg der Serie genannt: die Ästhetik. Vintage ist cool, und die Teenies würden sich nur zu gern in dieses Central Perk setzen, wo der Kaffee billig ist und der Platz auf dem Sofa immer frei. Sie hätten dann nicht nur Rachels Frisur, sondern auch ihre Kleider oder jene von Monica oder jene von Phoebe; die Kostümbildnerinnen haben gleich drei Looks kreiert, die derzeit wieder angesagt sind.


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Auch die Dialoge – Grund Nummer drei – sind bemerkenswert frisch geblieben. Die vielen Zwei- und Eindeutigkeiten mögen zwar harmloser wirken als einst (was zuschauertechnisch den Vorteil hat, dass die Teenies die Serie nun mit ihren Eltern gucken). Aber ansonsten ist da kein Wort zu viel und keines zu spät, floskelfrei und hemmungslos wird gezickt und getröstet, und das «Pivot!» von David Schwimmers Ross eignet sich ebenso als Running Gag wie Phoebes «Smelly Cat», das Lisa Kudrow so katzfalsch zu singen versteht.


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Grund Nummer vier: Die Charaktere der Serie sind perfekt kombiniert und perfekt besetzt. Matt Le Blanc ist höchst begabt in seiner Darstellung des unbegabten Schauspielers Joey, Courteney Cox’ Monica glaubt man ihren Kontrollwahn sofort, und Matthew Perry serviert Chandlers ironische Sprüche, als wären es seine eigenen. Ihre Macken wirken so echt wie ihre Liebenswürdigkeiten; entsprechend leicht ist es, sich mit ihnen zu identifizieren (oder über sich selbst zu lachen, wenn man über sie lacht). Dass sie alle weiss und heterosexuell sind, hat der Serie zwar schon früh Kritik eingetragen; aber es mag ihr auch in der Diversity-bewussten Gegenwart nicht wirklich zu schaden.


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Denn, und dies ist der fünfte und wichtigste Grund für den Langzeiterfolg: «Friends» erzählt von Sehnsüchten und Krisen, die kein Ablaufdatum haben. Von Freundschaft, Liebe, Sex. Vom Erwachsenwerden, Karrieremachen und Kinderkriegen (oder auch nicht). Und von Gefühlen und Beziehungen, die bleiben, wenn alles andere sich verändert – sogar über die letzte Staffel hinaus: Jedenfalls hat Courteney Cox ihren 55. Geburtstag kürzlich zusammen mit Jennifer Aniston und Lisa Kudrow gefeiert. Die Fotos davon teilte sie auf Instagram mit der «Friends»-Community: ein Stilbruch sozusagen. Aber einer, der notwendig ist, um den Kult am Köcheln zu halten.

Erstellt: 15.07.2019, 19:30 Uhr

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