TV-Kritik

Die wahren Abgründe lauern im Znüniraum

Mit der Doku-Sitcom «Güsel» lanciert das SRF seine erste TV-Serie, die exklusiv im Web zu sehen ist. Die Crew um den Slam-Poeten Gabriel Vetter wühlt im Abfall und fühlt sich in hiesige Mülldetektive hinein.

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Der Gebissabdruck auf dem Stück Toastbrot verrät den Täter. «Das ist ein Beweisstück», erklärt Mülldetektiv Gabriel in die Kamera, versiegelt das leichte Gebäck in einen Plastikbeutel und will es dem Gerichtsmediziner übergeben. Danach reisst er noch einen kleinen Witz, doch dem Zuschauer wird klar: Mit den Kehrichtfahndern von Herblingen ist nicht zu spassen.

Das Ermittlerteam, das man in der als Dokumentation getarnten Serie «Güsel» bei der Arbeit begleitet, besteht aus drei Personen. An der Spitze steht Gabriel, der überambitionierte, beamtenhaft korrekte Chef, der seinen Beruf ebenso leidenschaftlich ausübt wie die Spurenermittler von «CSI». Mehr oder weniger tatkräftig unterstützen ihn dabei der Zyniker Olifr, der zuvor in der Tierkadaver-Verwertung tätig war, und der umgeschulte Kindergärtner Michel, ein etwas einfach gestrickter Gutmensch. Gemeinsam fahnden sie nach Abfallsündern.

«Ein klarer Fall für die Tierkadaver-Beseitigung!»

Ihre Arbeit beginnen die drei Detektive jeweils im «Operationssaal», wo sie einen illegal deponierten Kehrichtsack aufschneiden, um dessen Inhalt zu analysieren und anschliessend mittels ausgeklügelter Methoden den Täter zu ermitteln. Das gelingt ihnen allerdings nicht wirklich, da sie sich bei der anschliessenden Pause im Znüniraum in existenziellen Diskussionen verheddern. Da geht es dann zum Beispiel um die grosse Frage, wie man einen Fleischvogel fachgerecht entsorgt («Ein klarer Fall für die Tierkadaver-Beseitigung!»), was genau eine Zeitung ist («Der dünnste Baum der Welt!») oder darum, ab welchem Abschleckstatus man ein Sugus per Toilettenschüssel entsorgen darf. Ein cleveres Meisterwerk: «Güsel» ist die erste Web-only-Serie des Schweizer Fernsehens. Konzipiert und geschrieben hat sie der Slam-Poet und Theaterautor Gabriel Vetter, der auch gleich mitproduziert hat und die Rolle des Chefs spielt.

An seiner Seite agieren der Schauspieler Michael von Burg und der Aeronauten-Sänger Olifr M. Guz. Mit einem Minimal-Budget von knapp 100'000 Franken haben sie neun zehnminütige Folgen rausgehauen und damit ein – man darf das schon so sagen – unaufgeregtes kleines Meisterwerk geschaffen, das mit den Mitteln des Dokumentarfilms und cleverem Humor die Spiessigkeit persifliert.

Das wird ein ziemlicher Abräumer

«Mich hat der Beruf des Mülldetektivs von Anfang an fasziniert», erklärt Autor Gabriel Vetter. «Erst glaubte ich gar nicht, dass es das gibt. Ich habe Freunden im Ausland irgendwann mal von diesen Abfalldetektiven erzählt, und die fanden nur schon die Tatsache absolut absurd und skurril, dass jemand den ganzen Tag lang Abfall durchwühlt und dann Ermittlungsarbeiten durchführt. Das Setting ist schön skurril, Müll als Thema jedem vertraut, und doch ist der Mikrokosmos Abfall nicht überaus bekannt.» Also hat er sich an die Recherche gemacht.

Er hat in Basel und Schaffhausen Werkhöfe besucht, Rundgänge gemacht, Interviews geführt und ist als Müllmann hinten auf dem Wagen mitgefahren. «Ich habe Abfall entsorgt, Znünipausen gemacht und durfte in Basel auch mehrmals mit den Abfalldetektiven auf Tour», erklärt Vetter, der sich für die Dreharbeiten extra einen Schnauz hat stehen lassen. «Das sind übrigens sehr angenehme und sehr tolle Typen mit einem guten Sinn für Humor.» Bis Mittwoch werden nun täglich drei neue «Güsel»-Folgen auf der SRF-Website aufgeschaltet. Und bereits jetzt ist klar: Das wird ein ziemlicher Abräumer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2014, 08:53 Uhr

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