Dominanz am Bildschirm

Mann oder Frau: Eine Studie fragte, wer im TV häufiger zu sehen ist. Der Befund ist eindeutig. Und das Missverhältnis wird nicht so schnell verschwinden.

Experte und Sprecher: «Tagesschau»-Moderator Florian Inhauser.

Experte und Sprecher: «Tagesschau»-Moderator Florian Inhauser. Bild: SRF

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So spontan würde man ja meinen, Fernsehen sei doch relativ weiblich. Da ist zum Beispiel der «Bachelor», der bis zur letzten Sendung mehr oder weniger krass in der Minderzahl ist inmitten all der Ladys. Da ist «Germany’s Next Topmodel» – abgesehen von zwei Männern in der Jury und ein paar Fotografen: ausschliesslich Frauen vor der Kamera. Nachmittags im deutschen Privatfernsehen: Brautkleidshows, Hochzeitshows, Shoppingshows – überall Frauen im Mittelpunkt.

Doch der Eindruck täuscht. Männer sind im deutschen Fernsehen in der Überzahl. Je nach Alter und Rolle sogar deutlich. Zwei Forscherinnen der Uni Rostock haben für ihre Studie über 3000 Stunden lang ferngesehen und dabei jeden Mann und jede Frau gezählt und analysiert mit dem Ziel, mehr über die Geschlechterrollen in deutschsprachigen Filmen und Fernsehsendungen zu erfahren.

Doppelt so viele Männer wie Frauen

Neben allen deutschen Kinofilmen, die zwischen 2011 und 2016 im Kino liefen – fast 900 an der Zahl –, nahmen sie insgesamt 21 Fernsehsender ins Visier, darunter ARD, Pro 7, RTL und vier Kindersender. Am Ende war die Liste mit den Männern doppelt so lang wie jene mit den Frauen. Bei den 50 plus stand es sogar drei zu eins für die Männer, und bei den über 60-Jährigen war die Überzahl am Fernsehen noch ausgeprägter: Von fünf Personen über 60 war nur gerade eine weiblich. Insgesamt kam etwa jede dritte Sendung im Programm sogar ganz ohne Protagonistin aus. Bloss bei den unter 30-Jährigen konnten die Männer nicht mithalten: Bei jungen (schönen) Frauen ist man offenbar eher bereit, ihnen die Mehrheit an Bildschirmpräsenz zu überlassen.

Von allen untersuchten Programmen entpuppte sich nur ein einziges Genre nicht als rückständig: In Telenovelas und Soaps wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» oder «Rote Rosen» ist das Geschlechterverhältnis tatsächlich repräsentativ zur tatsächlichen Bevölkerung. Also nicht etwa in Nachrichtensendungen, Dokumentationen oder Informationsprogrammen, die allgemein als seriös gelten, sondern ausgerechnet in den fiktionalen Serien, die nicht selten als seicht belächelt werden.

Die Männer reden über die Welt

Die beiden Forscherinnen haben es aber nicht nur mit dem Zählen belassen, sie haben auch noch analysiert, welche Rollen oder Funktionen die Männer und Frauen jeweils hatten. Und da wird die Studie noch (Brust)haarsträubender. Zusammenfassend kann man sagen: Männer erklären im Fernsehen als Experten, Sprecher und Journalisten mehrheitlich die Welt, Frauen kommen meist im Zusammenhang mit Beziehungen und Partnerschaft vor.

Entlarvend in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Bechdel-Test, der aus folgenden vier Fragen besteht: Gibt es zwei Frauen? Haben diese erkennbare Namen? Sprechen diese miteinander? Über etwas anderes als Männer/Beziehung? Nur in 57 Prozent der Filme gab es viermal ein Ja, in allen anderen Fällen fehlt mindestens ein Kriterium. Münzt man den Test hingegen auf Männer um, kommt man auf 87 Prozent.

Rückständige Kindersendungen

Als Optimistin könnte man nun immerhin die Tatsache, dass bei den unter 30-Jährigen immerhin die Frauen in der Mehrheit sind, als vielversprechendes Zeichen für eine gleichberechtigte Fernsehzukunft deuten. Analysiert man jedoch das, was das jüngste Fernsehpublikum vor Augen geführt bekommt, präsentiert sich das rückständigste Bild von allen: Von zehn fiktionalen Tierfiguren, Pflanzen und Objekten in Kindersendungen sind neun männlich und nur eine weiblich, bei den Monstern steht das Verhältnis sieben zu drei und bei den fiktionalen Menschen sechs zu vier.

«Es ist wichtig, zu verstehen, welches Geschlechterbild mit der enormen Wirkungsmacht des Fernsehens und Kinos transportiert wird», sagte die Schauspielerin Maria Furtwängler bei der Pressekonferenz, an der die Studie am Mittwoch vorgestellt wurde. Ihre Stiftung MaLisa hat diese in Auftrag gegeben. Noch wichtiger wäre es, dass auf die Erkenntnisse nun Taten folgten, um das Missverhältnis zu korrigieren.

Genau wie das die BBC laut einem «Welt»-Artikel seit 1995 versucht. Ein sogenanntes Gender Monitoring halte regelmässig fest, wie es um die Gleichberechtigung bestellt sei. Und tatsächlich, in den vergangenen 22 Jahren habe sich die Situation ein wenig verbessert: Die Zahl der interviewten Frauen auf dem Sender sei von 17 auf 24 Prozent gestiegen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2017, 18:28 Uhr

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