TV-Kritik

Dr Expert bin ig

Schriftsteller Pedro Lenz amtet bei SRF als WM-Gastexperte. Er ist ein absolutes Highlight.

Niveauvolles über Shaqiri und Hrubesch: Schriftsteller Pedro Lenz im SRF-WM-Studio.

Niveauvolles über Shaqiri und Hrubesch: Schriftsteller Pedro Lenz im SRF-WM-Studio.

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Ohne Resilienz gehts nicht. Wer einen nicht zu unterschätzenden Teil seines Lebens vor dem Fernseher Fussball guckend verbringt, muss gegenüber Plattitüden und schiefen Satzstellungen eine gewisse seelische Widerstandsfähigkeit entwickeln. Denn sie lauern überall, vor dem Spiel, in den Halbzeitpausen, danach und während des Matchs. Tausendmal Gehörtes strömt aus Kommentatoren- und Expertenmündern und schleicht sich wie unsichtbares Gift in die Gehirnwindungen jener Menschen, die zu schwach waren, den Ton des Fernsehers stumm zu schalten – oder sich zu spät zum Tessiner Fernsehen retten konnten. Tod durch Überdosis Plattitüde. Würde mich nicht wundern, wenns mal einen erwischen würde.

Doch Rettung naht in Person von Pedro Lenz. Der Schriftsteller zeigte vergangenen Donnerstag auf SRF im Rahmen der Sendung «Viva Brasil», dass man durchaus niveauvoll über das simple Spiel diskutieren kann. Man hörte dem Mann gerne zu, wenn er über Shaqiris Trotz-Interview nach dem Frankreich-Spiel räsonierte («Er ist 22, das Herz kommt noch vor der Vernunft, mir als Zuschauer gefällt das») und dann stringent eine Parallele zu Arjen Robben zog, der bei seinem Aufstieg zum absoluten Weltklassespieler ebenfalls viel verbale Prügel beziehen musste. «Um ein richtiger Held werden zu können, muss er vorher unten gewesen sein.» Das sind keine neuen Erkenntnisse, klar. Aber es tut der Fussballfanseele trotzdem gut, Dinge eingeordnet, das profane Geschehen auf dem Rasen mal in einen etwas grösseren Rahmen gestellt zu bekommen.

Abgesang auf technisch limitierte Holzhacker

Mit Lenz, der sich mit seiner Sportkolumne in der WOZ als Kenner der Materie bewiesen hat, denken wir über den Spielfeldrand hinaus – ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Denn was der Langenthaler in seinem breiten Berner Dialekt von sich gibt, ist alles andere als verkopft. Wenn die für einmal von Matthias Hüppi flott geführte Diskussion die Durchsetzungskraft von klein gewachsenen Spielern thematisiert und einen Abgesang auf technisch limitierte Holzhacker anstimmt, erwähnt Pedro Lenz den deutschen Hünen Horst Hrubesch und zitiert ihn mit «Mein linkes Bein brauchte ich nur, um Bier zu holen». Alle lachen, Hüppi besonders engagiert. Er wird den Literaten am Schluss der Sendung auffallend herzlich verabschieden. Endlich einer, der einen Steilpass mal kreativ verwerten kann, wird er sich wohl gedacht haben. Mit diesem Gast kann man arbeiten.

Heute Montagabend ist Pedro Lenz zum letzten Mal Gast im WM-Studio. Auch mit dabei: die belgische Goalielegende Jean-Marie Pfaff.

Erstellt: 30.06.2014, 11:02 Uhr

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