Ein Busen am Sonntagabend

Silvia Jost ist Schauspielerin. Als Gouvernante in der TV-Serie «Motel» wurde sie 1984 zur nationalen Berühmtheit. Und zur Hauptfigur in einem Fernsehskandal.

«Die Zeit mit Jürg Schneider war sehr schön und intensiv»: Silvia Jost über Motels, ihre Arbeit und Schauspielkollegen.
Video: Sabina Bobst, Lea Koch

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Es war nur ein Augenblick, aber der Augenblick reichte für einen Skandal: ein Bett, darin Erika Brunner und Koni Frei, darüber eine Bettdecke. Die Decke verrutschte, und für einen Moment war Brunners linke Brust zu sehen. Die Szene war in Abertausenden von Wohnzimmern zu sehen, am Sonntagabend im Schweizer Fernsehen, zur besten Sendezeit. 1984, als nackte Brüste noch tabu waren.

Es geschah in Folge 17 von «Motel», der Serie, mit der die Fernsehmacher eine Pioniertat wagten. «Motel»: Das war eine Revolution im Schweizer Unterhaltungsfernsehen. Unter der Woche wurde gefilmt und geschnitten, am Sonntag gesendet. Woche für Woche. Ein ganzes Jahr lang. Kulisse war das Motel beim Autobahnkreuz Egerkingen.

Ein paar Regeln

Die Serie wurde zum Publikumsmagneten – durchschnittlich 820'000 wollten dabei sein, wenn Silvia Jost als Gouvernante Erika Brunner, Jörg Schneider als Küchenchef Koni Frei oder Dani Levy als Kochlehrling Peperoni ihre Auftritte hatten. Mit dabei war auch der «Blick»: Er begleitete «Motel» mit einer Intensivberichterstattung, wobei die wohlwol­lende Kritik der ersten Folge bald ins Gegenteil kippte – und dort verharrte. Es war ein veritables Trommelfeuer, mit dem der «Blick» die Serie traktierte. In der zweiten Jahreshälfte liess der Beschuss zwar etwas nach, was freilich nicht aus Milde geschah. «Warum schreibt ‹Blick› nicht mehr über die TV-Serie ‹Motel›?», fragte im Spätherbst die Zeitung rhetorisch an die eigene Adresse. Und gab die Antwort: «‹Blick› hat zu ‹Motel› alles gesagt, was zu sagen war: Es ist eine Endlos-Langeweile-Serie.»

30 Jahre später sitzt Silvia Jost am Wirtshaustisch im Löwen und trinkt Orangensaft. Hier, im solothurnischen Messen, lebt sie mit ihrem Mann Andreas Berger, ebenfalls Schauspieler, dazu Autor und Regisseur. Die gemeinsame Tochter beendet soeben das Studium der Theaterwissenschaft.

«Heute kann ich darüber lachen»

Jost (69) ist Theaterfrau aus Leidenschaft. Nach wie vor spielt sie in diversen Produktionen, teils im Familienverbund, mit Mann und Tochter. Die «Blick»-Schlagzeilen – «‹Motel›-Star in Sex-Szene» oder «Silvia kann auch sexy sein» – liegen weit weg. «Heute kann ich darüber lachen», sagt sie. «Aber damals traf mich das tief. Ich fand diese Kampagne unter der Gürtellinie.»

Bei Silvia Jost mündete die Erfahrung in ein paar Regeln. Zum Beispiel: zu Journalisten Distanz halten. Über «Motel» und die Zeit danach reden? Okay, aber nicht bei ihr zu Hause: «Ich bin für klare Grenzen.» Oder: die Selbstbestimmung verteidigen. Sie habe sich nicht bewusst von der grossen Bühne verabschiedet, sagt Jost. Aber sie habe nach «Motel» eben auch nicht gezielt nach neuen Rollen mit Prestige Ausschau gehalten. «Ich wollte mich bleiben, wollte vielseitig bleiben und besonders das leise, poetische Theater pflegen.» Es sei gut, so wie es gekommen sei, sagt die Schauspielerin. «Ich bin glücklich. Ich hadere nicht.» Aber Silvia Jost weiss, dass sie einen Preis bezahlt hat: «Irgendwann gehört man nicht mehr so dazu und wird dann auch nicht mehr wahrgenommen.»

Musical und Drama

Im Berner Länggassquartier aufgewachsen, kam sie 21-jährig zu ihrem ersten und einzigen festen Engagement. Die junge Frau, im damaligen Duktus noch ein «Fräulein», ging ans Stadttheater St. Gallen. Und erlebte dort symbolhaft die Verheissung der eigenen Emanzipation. «Als es zum ersten Mal hiess: ‹Frau Jost, bitte auf die Bühne›, war das eine Wucht: Erstmals war ich eine Frau.»

Silvia Jost spielte alles, Musical und Drama, «My Fair Lady» und «Woyzeck» – und verliess mit 28 Jahren das Ensemble wieder. Sie gestaltete eigene Programme, in denen sie ihre literarischen Fixsterne ehrte, allen voran Kurt Tucholsky. Sie spielte auf Bühnen in der Schweiz und in Deutschland, und sie trat zusammen mit Hanns Dieter Hüsch auf, dem grossen deutschen Kabarettisten.

Auf dem roten Teppich

Jost und Hüsch trafen in den 70er-Jahren in der Garderobe der St. Galler Kellerbühne aufeinander. Die Theaterleute baten die Schauspielerin, den Künstler während der Pause in seiner Garderobe zu besuchen – Hüsch mochte es nicht, wenn er die Pause allein verbringen musste. Jost und Hüsch fanden zusammen und blieben jahrelang ein Paar, auch privat. Das Programm «Fauxpas de deux», das sie gemeinsam aufgeführt hatten, gilt als eine von Hüschs feinsten und tiefsinnigsten Produktionen.

Es folgten die ersten Filmrollen – Josts erste war ein Kurzauftritt im «Dällenbach Kari» von Kurt Früh. In Kurt Gloors «Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner» übernahm sie eine Hauptrolle – der Film eröffnete 1975 die Berlinale. Mit Silvia Jost auf dem roten Teppich.

Eine Art «Schweizerspiegel»

Und dann: «Motel». Dass die Serie in der Schweiz derartige Wogen zu werfen vermochte, lag freilich nicht allein an der Szene in Folge 17 – in jenem Fall bemühte sich Jörg Schneider um die Beruhigung der Volksseele, indem er nachträglich via «Blick» versicherte: «Wir behielten die Unterhosen an.» Die Medienkampagne hatte vielmehr das Grundsätzliche im Fokus, nämlich die Idee, dass «wir mit der Serie die Schweiz so zeigen wollten, wie sie wirklich ist», sagt Silvia Jost. Möglichst differenziert und authentisch. Für die Umsetzung dieser Ambition war ein angesehenes Drehbuchautorentrio zuständig, bestehend aus den Schriftstellern Lukas Hartmann, Klaus Merz und Hanspeter Gschwend.

Ein eigentlicher «Schweizerspiegel» hätte aus «Motel» werden sollen, sagt Silvia Jost. Sie selbst habe dazu beizutragen versucht, indem sie die Gouvernante als Frau dargestellt habe, die anfangs verkniffen und verhärmt gewirkt, sich dann aber entwickelt und geöffnet habe – eine exemplarische Frauenbiografie. Dem Realismusanspruch war auch die Szene in Folge 15 geschuldet – sie war neben der Bettszene der zweite «Motel»-Skandal: Der schwule Chef de Service küsst Kochlehrling Peperoni.

«Völlig harmlos»

«Was wir zeigten, war alles völlig harmlos», sagt Schauspielerin Jost. «Mein Gott, ich bin eine 68erin. Das war ja zum Lachen. Aber die Wirkung war wahnsinnig. Es kam vor, dass wir irgendwo drehten und der Kameramann aus einem vorbeifahrenden Auto heraus mit Gegenständen beworfen wurde.» Für den «Blick» und insbesondere für dessen damaligen Chefredaktor Peter Uebersax verkörperte «Motel» das pure Gegenteil der Realo-Schweiz. In einem offenen Brief an die damalige SRG-Chef­etage schrieb Uebersax: «Wir erkennen unsere Schweiz in dieser Serie kaum: Der Schweizer Alltag ist nie und nimmer ausschliesslich traurig, grau und problembeladen.»

Zehn Jahre später – 1994 – zog Uebersax, inzwischen nicht mehr «Blick»-Chef, Bilanz: «‹Motel› war der grösste Hosenlupf, den sich die Mediengiganten SRG und ‹Blick› je geliefert haben. ‹Blick› feuerte aus allen Rohren, und das Schweizer TV schoss ebenso heftig zurück. Als damaliger Chefredaktor des ‹Blick› kritisierte ich an ‹Motel›, dass es von unserer Schweiz das Bild eines problembeladenen Jammertals voller geplagter Minderheiten entwerfe. Schöne Menschen kamen in der Serie nicht vor. Aber es wurde viel geweint.»

Stattliches «Motel»-Fanpublikum

Dass Silvia Jost schon damals und bis heute regelmässig auf «Motel» angesprochen wird, zeigt allerdings: Die ansehnlichen Quoten, die «Motel» erzielte, entstanden nicht aus einer kollektiven Lust heraus, sich im «Blick»-Schlepptau vor dem Fernseher zu langweilen. Vielmehr gab und gibt es ein stattliches «Motel»-Fanpublikum. Wobei auch dieses seine Kehrseite hat: «Ich habe es nicht so gern, wenn mir Unbekannte kumpelhaft auf die Schultern hauen oder wenn getuschelt wird, sobald ich auftauche. Auch darum habe ich mich nach ‹Motel› diesem ganzen Betrieb verweigert.»

Wenn Silvia Jost von ihrem Leben nach der Schlagzeile erzählt, sagt sie: «Da ist kein Schmerz herum.» Mehr als der Satz selbst überzeugt einen die gelassene Zufriedenheit, mit der sie ihn sagt. Silvia Jost ist eine authentische Person. Keine, die das kleine Leben neben den grossen Scheinwerfern schönredet und verklärt. Dafür weiss sie zu genau, was alles mit diesem Leben verbunden ist. Nicht nur in materieller Hinsicht. «Manchmal, wenn wir irgendwo mit einer Produktion auftreten und in der Zeitung nicht einmal eine Ankündigung erscheint, dann denke ich: Wie schön, wenn ich ein bisschen prominenter wäre. Dann würden wir nicht einfach totgeschwiegen.»

Gemeinsamkeit mit Charles Clerc

Doch rasch dränge dann wieder die Freude über die eigene Vielseitigkeit durch: Bühnenengagements, Lesungen, Auftritte mit eigenen Programmen – etwa einer Loriot-Produktion mit ihrem Mann oder dem Stück «Der ferne Planet» mit Mann und Tochter. Jahrelange Mitarbeit bei Radio-, Film- und Fernsehproduktionen. Und nach wie vor der Einsatz als Hörbuchsprecherin bei der Bibliothek für Seh- und Lesebehinderte in Zürich.

Sie liebe diese Arbeit ausserordentlich, sagt sie. Und manchmal, zwischen den Aufnahmeblöcken, geht sie mit anderen Sprechern einen Kaffee trinken – zum Beispiel mit dem ehemaligen «Tagesschau»-Moderator Charles Clerc. Jenem Charles Clerc, der für einen anderen denkwürdigen Fernsehmoment verantwortlich ist. 1987, zum Start der ersten Stopp-Aids-Kampagne, rollte er vor laufender «Tagesschau»-Kamera ein Kondom über den Finger. «Wir sagten uns kürzlich: Sein Finger und mein Busen werden gewiss noch unsere Grabsteine zieren. Ist ja eigentlich furchtbar. Aber wir mussten sehr lachen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2014, 22:55 Uhr

Sommerserie

Das Leben nach der Schlagzeile

Für die einen gab es Applaus, andere lösten Befremden aus – gemeinsam ist ihnen: Sie machten Schlagzeilen. Und was kam danach? Im TA erzählen sechs Menschen vom Leben nach den grossen Buchstaben.

Nächste Folgen:

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Bernard Rappaz Hanfbauer

Regina Kempf Fernsehansagerin

Kurt Maloo Double-Musiker

Silvia Jost heute mit einem Bild der legendären «Motel»-Szene. Foto: Sabina Bobst; Archivbild: Candid Lang («Blick»); Montage: TA

«Motel»: Erinnerungen an die Kultuserie (SRF Archiv)

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