Ein etwas holpriger Samba

Bei der Eröffnungsfeier der WM fehlten Leitungen, die Akustik und das kritische Gewissen – dafür tauchte Jennifer Lopez tatsächlich auf.

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WM-Eröffnungsfeiern sind eine undankbare Angelegenheit. Im Unterschied zu den Zeremonien an olympischen Spielen gibt es keine mythologisch aufgeladene Fackel zu entzünden. Ausserdem wartet die ganze Welt gespannt auf den Anpfiff des ersten Spiels, das kurz nach der Eröffnungsfeier stattfindet. Vielleicht hat man deshalb mit Jennifer Lopez einen Megastar engagiert – auf dass die Milliarde TV-Zuschauer nicht wegzappt.

Allerdings hat die Diva die Bedeutung ihres WM-Songs «We Are One» nicht verinnerlicht. Jedenfalls sagte sie ihren Auftritt vor ein paar Tagen aus «Produktionsgründen» ab – nur um gestern wieder zuzusagen. Man war also gespannt, ob Lopez wirklich erscheinen würde. Zuerst aber liefen Menschen in die Stadion-Mitte, die als Bäume verkleidet waren. Das Ganze sah herzig-chaotisch aus, wie an einer Kindergartenaufführung. Aber es müssen ja nicht immer marschierende Menschenblöcke wie bei den olympischen Spielen sein - das kriegen totalitär regierte Staaten sowieso besser hin.

Fast interessanter als der farbige Firlefanz im Stadion ist bei Eröffnungsfeiern ohnehin der Kommentar dazu. Auf SRF kommentierte Yann Billeter. Nota bene aus dem Studio heraus, weil die Leitungen aus dem Stadion nicht funktionierten. Er sah sich in der ungemütlichen Lage, einen Spagat zwischen kritischer Berichterstattung und authentischer Vorfreude hinlegen zu müssen. Denn selten war eine Fussball-WM so brisant: Die teuerste WM aller Zeiten löst im Gastgeberland Proteste aus. Und noch nie sind die Schwachstellen einer globalen Sportorganisation wie der Fifa so deutlich hervorgetreten. Was ist, wenn die WM in Brasilien im Chaos versinkt?

Hopsende Jennifer Lopez

Doch natürlich war die Strategie auf SRF dieselbe wie immer. Vor dem Anlass bringt man kritische Berichte, um dann während der Eröffnungszeremonie und der WM die tollen Darbietungen abzufeiern. Und so staunte Billeter über die 120 Kilometer Stoff, die für die Kostüme der Tänzer verarbeitet wurden. Aber auch diese Zahl vermochte nicht darüber hinweg zu täuschen, dass die Feier ziemlich lahm war - und aus Angst vor Pfiffen keine Ansprachen gehalten wurden.

Gewiss, man bekam Tanz geboten. Nicht nur Samba, sondern allerlei andere aufgeregte Rhythmen - für einen World-Music-Fan war es sicher der Höhepunkt der WM. Aber alle anderen warteten ungeduldig auf den Anpfiff oder Jennifer Lopez. Zum Schluss der Zeremonie entstieg diese denn auch einer Art Fruchtschale, zusammen mit Rapper Pitbull und der brasilianischen Sängerin Claudia Leitte, die wie ein Klon von Lopez aussieht. Die drei hopsten tapfer herum und animierten das Publikum, doch die Akustik war so mies, dass man am TV nicht wusste, ob sie das Playback vermasselten oder die Leitungen wieder aussetzten.

Nun ja, es kann nur besser kommen. Und wir wollen uns nicht beklagen: Im Glotzblog schreiben wir in den nächsten Wochen über just solche Pannen – und hoffentlich auch Highlights – der TV-WM.

Erstellt: 12.06.2014, 21:29 Uhr

WM-Glotzblog

Sportgrossanlässe sind immer auch Fernsehgrossanlässe. Im WM-Glotzblog schauen wir auf die Berichterstattung der Fussballweltmeisterschaft: Wie schlagen sich die Kommentatoren? Welches Studio überzeugt? Wer hat den besten Experten? Beteiligen Sie sich an den Diskussionen! Bereits erschienene Beiträge finden Sie oben im Dossier unter dem Stichwort «WM-Glotzblog».

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