«Ein perfekter Thriller»

Der gestrige Kölner «Tatort» zeigte, wie eine Bewährungshelferin ihren guten Willen mit dem Leben bezahlen musste. Zu brutal, befanden die Macher und verschoben den Film in die Nacht. Viel Lob gabs dennoch.

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Mit einer spektakulären Folge verabschiedete sich Franziska Lüttgenjohann (gespielt von Tessa Mittelstaedt), die Assistentin des Kölner Kommissaren-Duos Ballauf und Schenk. Als Bewährungshelferin wurde sie von einem Sexualstraftäter gekidnappt. Ballauf und Schenk mussten also all ihre detektivischen Fähigkeiten aufbieten, um nicht bloss einen Fall zu lösen, sondern Franziskas Leben zu retten – doch vergeblich. Franziska wurde brutal gemeuchelt.

Die Programmverantwortlichen hatten grosse Bedenken, verschoben den Film mehrmals und griffen zu einer aussergewöhnlichen Massnahme: Sie verlegten den «Tatort» aus Jugendschutzgründen auf eine spätere Stunde. Auf den Frankfurter «Tatort» «Der Eskimo» (hier unsere Kritik) folgte gestern umgehend «Franziska».

«Aufgrund der besonderen Bedrohungssituation der als Geisel genommenen Assistentin Franziska und der Tatsache, dass der Film – entgegen der eingeübten Erwartungshaltung – nicht gut endet, entsteht auch ohne vordergründig brutale Bilder eine sehr hohe Spannung», erklärte der Programmverantwortliche des WDR, Gebhard Henke, gegenüber der FAZ.

«Bester Abgang»

Die Brutalität lag also nicht allein in der Drastik der Bilder, sondern auch in der Aussage: Hier musste eine Frau für ihren guten Willen mit dem Leben bezahlen. Der Franziska zugeteilte Straftäter «kann nur und müsste unbedingt weggesperrt werden», schrieb Sylvia Staude in der «Frankfurter Rundschau». «Ja, es gibt Kindheitsgründe, seine Mutter hat ihn misshandelt. Aber ja, es ist bei ihm alles verloren.»

Auch für Christian Buss vom «Spiegel» stand diese Aussage im Mittelpunkt des Films: «Die zwischen Helfersyndrom und Überlebensinstinkt hin- und hergerissene Polizistin wird radikal mit der eigenen Gesellschaftsvorstellung konfrontiert.»

Markus Bäcker von der «Berliner Zeitung» bezeichnete «Franziska» als «Kammerspiel» mit glänzend agierenden Schauspielern. Auch «Welt»-Redaktorin Miriam Hollstein war voll des Lobes und sprach vom «besten Abgang, den die Figur bekommen konnte».

Marina Antonioni stellte auf «Focus online» fest, dass sich die «vor allem in der zweiten Hälfte des Films immer weiter zuspitzende Anspannung auf den Zuschauer überträgt». Sie hielt die Versetzung für angebracht: «Das ist nichts für Zwölfjährige. Es war die richtige Entscheidung, diesen Film zu verlegen.» Fast alle Kritiker teilten die Meinung von Thomas Gehringer («Zeit»), der «Franziska» als einen «beängstigend guten Krimi» bezeichnete. Michael Hanfeld von der FAZ wagte gar den Superlativ: «Ein perfekter Thriller».

Zweifelsohne: Mit «Franziska» wurde das «Tatort»-Jahr 2014 mit grosser Wucht lanciert. Und so stellte Dieter Hoss vom «Stern» fest: «Es ist erst der 5. Januar, doch es wird für die folgenden ‹Tatorte› des Jahres schwer werden, diese Kölner Episode an Intensität und Spannung zu übertreffen.»

(lsch)

Erstellt: 06.01.2014, 10:56 Uhr

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