Eine ist erleuchtet

Wieder eine Fernsehserie? Klar. Denn «Enlightened» ist das Meisterwerk des letzten Jahres. Die HBO-Serie führt ins gefrorene Herz der kapitalistischen Arbeitswelt.

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Amy Jellicoe hat ein Problem. Nein, sie hat mehrere Probleme, und alle haben zwei Beine und weichen ihr aus. Die Kaderfrau hatte einen Nervenzusammenbruch, aber dann kam ihr die Erleuchtung in einer Klinik für Ganzheitsmedizin. Nun kehrt sie zurück in ihre Firma, vollgetankt mit New-Age-Ideen und dem unbedingten Willen zum Guten. Amy Jellicoe ist wie neugeboren. Sie versteht sich als Agentin des Wandels. Folgt mir, flüstert sie, zusammen schaffen wir Gutes.

Niemand folgt ihr, nicht einmal auf Twitter. Alle halten sie für wahnsinnig. «You’re acting crazy, Amy» ist ein sehr häufiger Satz. Abaddonn Industries, der dubiose Pharmakonzern, verstaut Amy in der IT-Abteilung im Keller, in einer Art Gefrierraum mit Servern und Nerds. Ihr schmieriger Chef verkörpert in vollendeter Weise den Aufsteigeridioten, der für immer auf der mittleren Führungsebene stecken bleiben wird. Amy gibt Tag für Tag Daten ein – in ein Programm zur Effizienzsteigerung der Mitarbeiter, aber so genau weiss sie es selbst nicht.

Sie singt unser Lied

Der Fernsehautor Mike White schrieb die ätzende Bürokomödie «Enlightened», nachdem er selbst einen Zusammenbruch im Filmgeschäft erlitten hat. In die Figur der Amy Jellicoe hat sich aber auch die Schauspielerin Laura Dern eingebracht, die dank ihren Filmen mit David Lynch gut geübt ist im Wahnhaften. Sie spielt diese Amy als Wirbelwind aus guten Absichten. Hier kommt ein Störenfried auf Mission, gekleidet in Signalfarben und stets balancierend auf dem schmalen Grat zwischen Engagement und Irrsinn.

Und wirklich: Es ist kein Zusehen, wenn Amy Jellicoe Unstimmigkeiten im Konzern aufdeckt und darauf von den Mächtigen grausam blossgestellt wird. Wenn sie ihren verhuschten Bürokollegen (gespielt von Mike White selbst) eigennützig für ihren Kampf einspannt. Es verkrampfen sich uns alle Muskeln, wenn Amy mit irre leuchtendem Blick Moral einfordert von einem Megakonzern, der als geschmeidiges System die Moral nicht braucht und mit einer Aufrührerin fertig wird, wie er mit allem fertig wird: Indem er alles, was den Profit behindert, als nutzloses Rauschen in den Hintergrund blendet.

Welt, du bist ganz einfach

Aber das ist das Schlimme, das unerträglich Schlimme: Amy hat recht. Aus ihren Dringlichkeitsauftritten spricht das Unbehagen, das jeder spürt, der im polierten Grossraumbüro des Spätkapitalismus arbeitet. Jedoch: Amy präsentiert keine lösungsorientierten Vorschläge. Ihre Kritik trägt sie vor ohne reflexive Absicht. Sie ist ein Nervenbündel aus naivster Naivität, eine Weltverbesserin auf der Suche nach einer verlorenen Utopie. Sie entwaffnet eine vertrackte Welt, indem sie sagt: Welt, du bist ganz einfach. Das hier ist schlecht und das hier ist gut, und jetzt gilt es zu handeln. Für die anderen aber wirkt ihr Klarblick wie eine Psychose, und so schrill, wie sie redet, quietscht es in den Ohren.

Amy Jellicoe vergreift sich im Ton, aber sie singt unser Lied. Sie ist unerträglich und phänomenal. Diese Fernsehserie ist unerträglich und phänomenal. Die erste Staffel legt die Fährten aus, und in der zweiten (und letzten) Staffel brennt Amy ein ganzes System nieder. Wir erleben die Revolution einer Erleuchteten. Sie besiegt ein Königreich, während die Engel trompeten, und man möchte aufstehen und ihr hinterherrennen. Sonst tut es ja keiner. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2014, 15:41 Uhr

Trailer

«Enlightened»: Trailer zur ersten Staffel, die eben auf DVD bei Warner Home Video erschienen ist (ca. 35 Fr.)

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