Ferien an gruseligen Orten

Vom Tagestrip in radioaktiv verseuchte Zonen bis zum illegalen Grenzübertritt: Die Netflix-Dokuserie «Dark Tourist» entlarvt Kick suchende Abenteurer als naive Warmduscher.

Selfies mit mumifizierten Grossmüttern: Die Netflix-Dokuserie «Dark Tourist» bietet einige makabre Highlights. (Video: Youtube/Netflix)


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Badeferien auf Hawaii? Langweilig. Eisklettern in Island? Mainstream. Wer mit seinen Ferienerlebnissen bluffen will, muss schon etwas mehr bieten als Traumstrände oder Naturabenteuer. Für ein Facebook-Like braucht es heutzutage echte Grenzerfahrungen oder zumindest einen Ausflug mit makabrem Touch. Wie das aussieht? Man kann zum Beispiel in Kambodscha Raketen abfeuern und gegen einen kleinen Aufpreis auch Schweine erschiessen. Oder in Indonesien Leichen ausgraben. Oder in einem nuklear verseuchten See in Kasachstan baden.

Dies und mehr hat der neuseeländische Journalist David Farrier für die neue Netflix-Dokuserie «Dark Tourist» auf sich genommen. Als Katastrophenjunkie erkundet er in acht Folgen die halbe Welt auf der Suche nach den gruseligsten und skurrilsten Attraktionen, die fremde Länder zu bieten haben. Farrier entdeckt dabei nicht nur ungeahnte Bräuche und Sitten, er entlarvt vor allem sich selbst – quasi stellvertretend für den Kick suchenden Wohlstandstouristen, der sich angesichts von Tod und echter Gefahr als Warmduscher entpuppt.

Naive Nuklear-Touristen in Fukushima

So beginnt etwa ein Tagesausflug in die radioaktiv verseuchte Zone um Fukushima ganz harmlos mit ein paar lockeren Sprüchen des ansässigen Guides («Keine Angst, mir wachsen noch keine Hörner»). Easy, schliesslich sind die Nuklear-Touristen alle mit Geigerzählern ausgerüstet, die bei Gefahr warnen. Doch als dann die Werte erwartungsgemäss steigen, sind plötzlich alle alarmiert. Erst beschweren sie sich beim Guide wegen der viel zu hohen Radioaktivität, irgendwann ziehen sie dann alle einen Mundschutz an, was völlig grotesk wirkt, weil es bei Radioaktivität nichts nützt, und als die Werte 50-mal höher klettern als erlaubt, bricht im Tourbus Panik aus. Zu viel des Nervenkitzels. Die Tour wird abgebrochen. Alle wollen nur noch ins Hotel. Auf der Rückfahrt geht ihnen beschämt ein Licht auf: Das war nicht Disneyland, das war ernst.

Ähnlich naiv wirkt eine Truppe von Touristen, die sich als Migranten fühlen wollen und für diesen emotionalen Thrill einen illegalen Grenzübertritt in Mexiko gebucht haben. Die zynische Show, angeführt von einem schauspielernden Menschenschmuggler, kostet 50 Dollar. Echte Migranten zahlen Tausende. Unterwegs wird die Gruppe von schauspielernden Banditen überfallen, mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt und mit dem Tod bedroht. Das Schmierentheater verfehlt seine Wirkung nicht. Eine Touristin gibt ihren 3000-Dollar-Ring her, und nach sechs Stunden Marsch in der Wildnis sind körperlich und mental alle am Ende. Was sie daraus gelernt haben? Dass sie froh sind, war es nicht real. Hauptsache, die Sensationslust wurde befriedigt. Farriers lakonischer Kommentar dazu: «Ich fühlte mich wie ein Statist in einem B-Movie.»

Zwischen Fremdschämen und Selbsterkenntnis

Dank Farriers ironischer Distanz, gepaart mit aufgesetzter Unbeholfenheit, kommt die Absurdität des Katastrophentourismus so richtig zur Geltung. Etwa, als er bei der Reinszenierung einer Schlacht im Zweiten Weltkrieg mitmacht, für die sich Engländer während eines Wochenendes als Amerikaner und Deutsche «verkleiden». Das allein ist schon skurril genug. Doch Farrier bohrt noch weiter. Er will unbedingt herausfinden, warum das Wort «Nazi» auf dem Hobby-Schlachtfeld tabu ist, obwohl die Hälfte dort Naziuniformen trägt. Die scheinheilige Antwort: Wir sind alle Kumpel, mit Nazis wollen wir nichts zu tun haben. Dass da etwas nicht aufgeht, stört offenbar nur den neuseeländischen Journalisten.

Am besten ist die Dokuserie dann, wenn Farrier nicht primär als Katastrophentourist, sondern als investigativer Reisereporter unterwegs ist. Zum Beispiel im autoritär regierten Turkmenistan, wo sich der Präsident eine protzige Hauptstadt aus weissem Marmor gebaut hat, die jedoch menschenleer scheint. Oder wenn Farrier in Indonesien den alljährlichen Leichenausgrabungen beiwohnt und angeekelt merken muss, wie bedrohlich der Tod für ihn als properen Westler ist. Während die Dorfbewohner freudig die mumifizierte Grossmutter aus dem Grab hieven und mit ihr Selfies machen, erstarrt Farrier in seinem Unbehagen. Fassungslos fragt er sich: «Kommen die Selfies dann auf Facebook?»

Nach acht Folgen «Dark Tourist» schwankt auch der Zuschauer zwischen Irritation und Faszination, zwischen Fremdschämen und Selbsterkenntnis. Und das ist gut so. Denn diese seltsame Mischung führt einem gnadenlos vor Augen, wie sonderbar die Menschen tatsächlich sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 20:07 Uhr

Dunkle Orte in der Schweiz

Natürlich hat die Schweiz keine Extremtouren für Katastrophenjunkies zu bieten, wie dies in der Dokuserie «Dark Tourist» der Fall ist. Aber auch bei uns gibt es die eine oder andere Sehenswürdigkeit abseits des Postkartenidylls. Einige Tipps:


  • Das Anna-Göldi-Museum in Ennenda (GL), das sich mit dem Schicksal der letzten Schweizer Hexe befasst.

  • Tagestouren durch die ehemalige Gotthardfestung, in der man heute auch heiraten kann.

  • Das Bergsturzmuseum Goldau (SZ), in dem die Katastrophe vom 2. September 1806 mit über 400 Toten dokumentiert wird.

  • Die militärhistorische Wanderung im Stelvio-Umbrail Gebiet (GR), die Einblicke ins Soldatenleben während des 1. Weltkriegs bietet.

  • Das Hexenmuseum in Gränichen (AG).


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