«Für mich sind das keine Proleten»

3+-Senderchef Dominik Kaiser über die Dokusoap «Jung, wild & sexy», die gestern Premiere hatte.

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Herr Kaiser, im Vorfeld von «Jung, wild & sexy» wurde betont, die Dokusoap komme «echt und unverblümt» daher. Dieses Versprechen hat die Premiere nicht bestätigt, man hatte vielmehr den Eindruck, die meisten Girls und Boys würden sich auf möglichst schrille Art vor der Kamera inszenieren wollen.
Jugendlich sein heisst auch schrill sein, heisst sich austoben. Wir haben viel mehr Zeit mit diesen Protagonisten verbracht, als nun in den drei Sendungen zu sehen ist, und dabei traten sie immer genauso auf, wie sie auch am Bildschirm zu sehen sind. Ich denke nicht, dass sich jemand so lange verstellen oder in eine Rolle schlüpfen kann, es sind ja keine Schauspieler. Zudem sind Jugendliche heute deutlich extrovertierter als früher, das haben wir schon in den Vorrecherche ohne Kamera festgestellt.

Wenn man am Anfang einen jungen Basler sagen hört, er trinke jeden Tag ein wenig Alkohol, weil er gehört habe, das sei gut für die Leber, taucht unweigerlich die Frage nach dem Sinn dieser Sendung auf.
Wir wollen dem Zuschauer einen wertfreien Einblick ins Freizeit- und Ausgehverhalten der heutigen Jugend ermöglichen. Wir zeigen, was wir mit der Kamera gefunden haben. Unser Eindruck war, dass sich die heutigen Jugendlichen gar nicht radikal anders verhalten als frühere Generationen. Mit einem Unterschied – sie sprechen viel offener über alles, was ihnen durch den Kopf geht.

Ist dieser «wertfreie Einblick» nicht ziemlich heikel? Gewisse Jungs und Mädchen wirken – mindestens zu Beginn der Sendung – ziemlich unsympathisch. Hätte man sie nicht vor sich selber und ihrem unvorteilhaften Auftreten schützen müssen?
Es ist nicht alles, was wir gedreht haben, in der Sendung zu sehen, gewisse Szenen haben wir extra weggelassen, um die Protagonisten vor sich selber zu schützen. Aber seien wir ehrlich – im Ausgang eine grosse Klappe zu führen, blöde Sprüche zu klopfen, eine blöde Anmache zu wagen, mal eins über den Durst zu trinken, das gehört doch dazu, das war bei früheren Generationen nicht wirklich anders. Was wir also zeigen, sind ganz normale Jugendliche in der freien Wildbahn.

Normale Jugendliche ist ein gutes Stichwort – die Aargauer wirken wie junge Bauern, die Luzerner und Churer wie klassische Landeier, die Basler wie Agglo-Machos, und die Zürcher sind eine schräge Mischung des Rests. Ist sie wirklich repräsentativ für die heutige Jugend?
(lacht). Ein hartes Urteil. Jedenfalls haben wir beim Casting absichtlich auf Extremfiguren wie Supercoole, Schlägertypen oder Saufbrüder verzichtet. Ich denke wirklich, dass unsere Protagonisten ganz normale Jugendliche sind.

Und wieso fehlen die Szenis?
Die Szenis machen einen sehr kleinen Teil der aktuellen Jugend aus, sie sind nicht repräsentativ. Zudem gefallen sie sich oft so sehr im Coolsein, dass das vor der Kamera rasch langweilig wird.

Will sich 3+ nach den eher harmlosen Sendungen über heiratswillige Bauern und Restauranttests mit «Jung, wild & sexy» ein wilderes, frecheres Image verleihen?
Wir zeigen Sendungen, von welchen wir glauben, dass sie ein breites Publikum interessieren könnten, und die in sich stets sehr stimmig sind. «Bauer, ledig, sucht» zum Beispiel ist eher romantisch und süss. Bumann muss als kritischer Restauranttester natürlich auch mal auf den Tisch hauen. Und die Jugendlichen sind halt ein bisschen wild und sexy, wies der Titel der Sendung bereits sagt. Zudem waren ähnliche Dokusoaps, die Jugendliche im Ausgang zeigen, in Holland und in den USA sehr erfolgreich.

3+ sucht also den Erfolg auf Kosten von jugendlichen Proleten?
Jeder neue Sendestart ist ein grosses Risiko; ob «Jung, wild & sexy» tatsächlich ein Erfolg wird, muss sich erst noch zeigen. Aber die Jugendlichen, die wir zeigen, sind aus meiner Sicht überhaupt keine Proleten. Die einen sind ein wenig rau, andere etwas machoid, wieder andere noch ein bisschen naiv. Alle sind aber sehr offen, und die meisten spätestens auf den zweiten Blick sympathisch. Unterstrichen wird das durch die Tatsache, dass im Ausland die Protagonisten von vergleichbaren Dokusoaps zu richtigen Helden wurden und mehr FacebookFreunde haben als mancher Promi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 16:18 Uhr

«Heutige Jugend ist extrovertierter»: «3+»-Chef Dominik Kaiser.
(Bild: Keystone )

Zur Sendung

Der Untertitel der neuen 3+-Sendung «Jung, wild & sexy» lautet «baggern, saufen, Party machen». Das ist nicht zu viel versprochen: Weibliche und männliche Jugendliche aus dem Aargau, aus Basel, Chur, Luzern und Zürich schmeissen im rund 60-minütigen Beitrag mit Obszönitäten um sich («Ich tue gern lang figge. Uf em Bürotisch ischs am geilschte»), krachen und betrinken sich, äussern eine Menge sinnentleerter Sätze, sind bisweilen aber auch fast ein bisschen herzig. Allerdings hat man bei vielen Protagonisten das Gefühl, sie würden angestrengt versuchen, eine möglichst coole und lässige Rolle zu spielen. (Ausführliche TV-Kritik siehe Link unten)

Nächste Sendungen: 27. 10. und 3. 11., jeweils 22 Uhr auf 3+.

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