Gib Krieg eine Chance

ZDF neo versuchte in einer neuen Reality-Show, Kandidaten gegeneinander aufzuhetzen und in einen Kriegszustand zu versetzen. Das Experiment gelang.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwölf Kandidaten – abgeschottet von der Aussenwelt –, ein Haus, verschiedene Challenges und 26 Kameras. «Das ist wie ‹Big Brother›», sagt eine der Frauen beim Einzug in das Gebäude, das während der kommenden fünf Tage ihr Daheim sein sollte – kein Container, sondern ein ehemaliges Stasi-Spital.

Sie ist aber nicht bei «Big Brother», sondern bei «Plötzlich Krieg? – Das Experiment». Die Versuchsanlage lautete: «Wie schnell lassen sich zwei Gruppen in kriegerische Zustände versetzen?» Vorbild war das Robbers-Cave-Experiment aus dem Jahr 1954, in dem der Psychologie-Professor Muzafer Sherif testete, wie man Jugendgruppen gegeneinander aufhetzen kann.

ZDF neo, der Sender der Sozialexperimente

«Plötzlich Krieg? – Das Experiment» ist der neuste von diversen Versuchen, die ZDF neo mit verschiedenen Kandidaten unternommen hat; Social Factual wird das Ganze genannt. Die Formate hiessen «Der Rassist in uns», «Ausgekokst – mein Drogentrip» oder «Auf der Flucht – Das Experiment», das bislang aufsehenerregendste Format.

Darin wurden sechs Kandidaten auf Routen geschickt, über die Flüchtlinge nach Deutschland fliehen: Sie sassen auf einem Schlepperboot – nicht eingepfercht wie die echten Flüchtlinge, sondern komfortabel –, übernachteten auf der Ladefläche eines Lastwagens und wurden in Kriegsgebiete kutschiert. Trotz dieses zynisch anmutenden Konzepts entwickelte die Sendung von Folge zu Folge eine sonderbare Wirkung, und man begann, sich mit den deutschen Showflüchtlingen in die echten Flüchtlinge hineinzuversetzen und eine Ahnung davon zu erhalten, weshalb jemand aus seiner Heimat fliehen muss.

Drei Voraussetzungen für Krieg

Mit «Plötzlich Krieg? – Ein Experiment» geht ZDF neo nun einen Schritt weiter beziehungsweise zurück, denn vor der Flucht ist häufig Krieg. In einer Mischung aus Sozialexperiment und Spielshow wollten die Verantwortlichen zeigen, wie schnell man sich manipulieren lässt und wie Menschen innerhalb weniger Tage so viele Aggressionen aufbauen können, dass sie sich in einen kriegsähnlichen Zustand hineinsteigern können.

«Krieg ist simpel», sagte der Konflikt-Experte Christopher Lesko, der das Experiment im Hintergrund steuerte, unter anderem, indem er die beiden Maulwürfe in den Teams instruierte. Nur drei Voraussetzungen seien nötig, damit aus Konflikten Kriege würden, sagte Lesko: Erstens: eine gemeinsame Identität mit seiner Gruppe und die Überzeugung «Wir sind die Guten». Zweitens: «Die anderen sind die Bösen.» Drittens: «Die Bösen nehmen uns etwas weg: Ressourcen wie Essen, Öl oder Land oder Werte wie Freiheit oder Demokratie.»

Krieg spielen in der Showarena

In der Show wurden dazu zwei Gruppen à sechs Personen zwei Tage lang separiert, damit sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten. Erst am dritten Tag erfuhren sie, dass es noch eine zweite Gruppe gibt, gegen die sie in der Showarena in – teils manipulierten – Spielen gegeneinander antreten mussten. Diese trugen Namen wie «Kräftemessen», «Wasserschlacht» oder «Gemetzel» und sollten auf reale Konflikte in Kriegen abzielen, bei denen Territorien, Ressourcen oder das eigene Leben verteidigt werden.

Das war zwar gut gemeint, funktionierte jedoch nicht: Die Konfliktsituationen in der poppigen Showarena erinnerten eher an den heiteren «Superzehnkampf» mit Schweizer Sportpromis als an einen ernsten Krieg, und so fiel es schwer, einen Bezug zu realen Konflikten zu erkennen. Zwar liessen sich die Kandidaten tatsächlich mit simplen Methoden gegeneinander aufhetzen (der einen Gruppe wurde beispielsweise weisgemacht, die andere habe ihr das Frühstück weggegessen), sodass sie am Ende aufeinander losgingen, allerdings nicht spontan motiviert, sondern kontrolliert im Spiel «Gemetzel», bei dem es sich um eine vereinfachte Version von Rugby handelte, eine klassische Sportsituation mit Körpereinsatz also, in der es selbst im Spasswettkampf zu blauen Flecken, Blessuren und lauten Worten kommt – auch ohne vorherige Aufhetzung.

«Plötzlich Krieg? – Ein Experiment» vermochte denn auch nicht annähernd die Wirkung der Flüchtlingsshow «Auf der Flucht – Das Experiment» zu erzielen. Die Kandidaten gaben sich zwar erstaunt, wie schnell sie sich hatten manipulieren lassen, wie unkritisch sie Informationen über «den Feind» annahmen, wie schnell sie sich als Teil ihrer eigenen Gruppe fühlten bis hin zum Gruppenzwang und welch starke Aggressionen sie in so kurzer Zeit zu entwickeln vermochten. Aber die Showspiele mit Krieg in Verbindung zu bringen, wirkte in diesem Fall tatsächlich zynisch.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2015, 10:35 Uhr

Dokushow

«Plötzlich Krieg? – Das Experiment» ist eine Mischung aus Spielshow und Sozialexperiment und wird am 27. und 28. Oktober ab 21.45 Uhr auf ZDF neo ausgestrahlt. Dazu gibt es einen Expertenchat. www.zdfneo.de

Artikel zum Thema

Gyllenhaal und Franco drehen Pornoserie

Heute auf dem Boulevard: +++ Schlägerei im «Big Brother»-Container +++ Baccarin und McKenzie offenbaren Liebe und Elternglück +++ Simpson zeigt erstes Foto von ihrer Tochter Mehr...

Ein braves Ehepaar geht fremd

TV-Kritik Die Mini-Doku-Soap «Experiment Schneuwly» ist so etwas wie die durchgeknallte Schwester von «SRF bi de Lüt». Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...