Interview

«Gute Meteorologen sind Freaks»

Heftige Stürme und ein anbrechender Winter: SRF-Chefmeteorologe Thomas Bucheli steht mal wieder im medialen Fokus. Zeit für ein Gespräch über den merkwürdigen Beruf des Wetterfroschs.

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Herr Bucheli, orkanartige Böen ziehen über das Land. Was ist da los?
Der Jetstream verschärft sich massiv im Verlauf des heutigen Tags. Morgen Freitag wird einiges abgehen: Wir müssen von Stürmen ausgehen, die fast an den Lothar-Sturm von 1999 heranreichen. Vor allem in Deutschland und Frankreich, aber auch im Norden der Schweiz muss mit grossen Schäden gerechnet werden.

Vor zwei Wochen haben Sie den Outdoor-Index in Ihrer Sendung eingeführt. Wie ist Ihre erste Zwischenbilanz?
Die Reaktionen der Zuschauer sind sehr positiv. Offenbar konnten wir den Vorwurf, wir seien zu plakativ, erfolgreich entschärfen.

Ihre Arbeit ist ja eine merkwürdige Mischung aus Wissenschaft und Showbusiness. Man könnte sich fragen: Weshalb braucht es überhaupt die Moderatoren? Reichen die Karten nicht aus?
Die Karten sind durchaus nicht selbst erklärend, zumal in ihrer Reihenfolge. Wir sind Erklärer, Einordner, wir gewichten, setzen Schwerpunkte. Wichtig ist auch, das Emotionale, das mit zum Wetter gehört, zu berücksichtigen. Das ist ja auch die Stärke der Muotathaler Wetterfrösche, die eine direkte, für alle nachvollziehbare Kausalität herstellen. Die Ameisen haben dieses Jahr dicke Schenkel, und das bedeutet... et cetera. Das ist wunderbare Folklore – hat mit wissenschaftlicher Meteorologie aber natürlich nichts zu tun.

Wie wichtig ist es, dass sich Ihre Leute gut darstellen können?
Fachkompetenz kommt zuerst, klar. Je nachdem, was unsere Partner, Radio und TV, brauchen, kann sich die Gewichtung aber etwas verschieben. Grundsätzlich muss jeder in unserem 12-köpfigen Team in der Lage sein, im TV Red und Antwort zu stehen. Ausserdem müssen sie unsere Informationen adäquat aufarbeiten können, für den Teletext oder unsere Webseite. Zugegeben, das ähnelt manchmal der Quadratur des Kreises.

Was zeichnet den guten TV-Wetterfrosch sonst noch aus?
Sie müssen eins wissen: Gute Meteorologen sind Freaks. Am Anfang steht die Faszination fürs Wetter; es ist etwas Unmittelbares, es beeinflusst das Wohlbefinden. Dazu kommt die Herausforderung der Prognose. Und wenn man sich leidenschaftlich und tiefgründig mit einer Sache beschäftigt, dann spricht man auch gerne darüber. Die Hauptsache ist, dass jeder Zuschauer merkt, dass der Moderator genau weiss, was Sache ist. Dann ist eine gewisse Abwechslung im Ton zuträglich, eine Dramaturgie im Vortrag. Und natürlich ein Gespür für die Bedürfnisse der Menschen. Ich erhalte ja täglich Mails von Zuschauern, und wenn der Sommer ausbleibt oder der Schnee nicht fällt, dann beschäftigt das die Leute offensichtlich stark. Wir müssen aber auch entsprechend vorsichtig sein: Wenn wir sagen, «morgen schneits», dann haben die Leute gleich einen Meter Pulverschnee vor Augen.

Ein Nebeneffekt Ihrer Medienpräsenz ist Prominenz. Damit haben Sie keine Mühe?
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Jeder wusste, wie ich heisse, und hat mich gegrüsst. Jetzt ist das Dorf halt etwas grösser.

Gibt es TV-Meteorologen, die für Sie Vorbilder sind?
Das nicht gerade. Aber manchmal beneide ich die amerikanischen Kollegen vom Weather Channel, die aus dem Vollen schöpfen können: Sie haben genügend Zeit, einen ganzen Kontinent zur Verfügung, und ständig läuft was – Hitzewellen, Frost, da ein Hurrikan, dort ein Blizzard, Küstenwetter, unmodifizierte Fronten. Nicht beneidenswert, aber interessant fand ich lange Zeit meine skandinavischen Kollegen, die extrem kühl moderierten, kein Lächeln, nix. Das war wirklich frappant. (lacht)

Sie sind seit über 25 Jahren Meteorologe. Wie haben Sie den Technologiefortschritt in der Meteorologie erlebt?
Die Modelle haben sich wahnsinnig verbessert. In meinen Anfängen mussten wir mit Karten arbeiten, die eine Auflösung von 125 Kilometer auf 125 Kilometer hatten, heute sind wir bei 11 auf 11. Jetzt können Feinheiten einer Region herausgearbeitet werden, von denen man früher nicht mal eine Ahnung hatte. Heute stimmt die Prognose des folgenden Tages praktisch 100-prozentig, das war vor zwanzig, dreissig Jahren noch keineswegs der Fall.

Gibt es denn Momente, in denen Sie vom Wetter noch immer überrascht werden?
Durchaus. So etwa Ende November, als wir für das Mittelland fortbestehenden Nebel – der weiterhin sehr diffizil zu berechnen ist – prognostizierten. Der Nebel verschwand dann aber unerwartet. Dann bleibt nur die nüchterne Analyse. Was lief falsch, was kann man verbessern?

Herr Bucheli, wie wird der Winter?
(Seufzt) Ach, jetzt sind wir wieder bei den Muotathalern. Das kann ich Ihnen nun wirklich nicht sagen, das wäre Mumpitz! Meine Prognose reicht maximal sechs Tage weit, sorry.

Erstellt: 15.12.2011, 14:42 Uhr

Thomas Bucheli

Thomas Bucheli (*1961) ist im Kanton Luzern aufgewachsen und hat an der ETH in Zürich Meteorologie, Klimatologie und Atmosphärenphysik studiert. Seit 1992 arbeitet er im Schweizer Fernsehen bei «Meteo», seit 1995 leitet er die Redaktion der Sendung. Bucheli ist verheiratet und hat einen Sohn.

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