TV-Kritik

Hang zum Absonderlichen

Die SF-Sendung «Reporter» machte sich an die grösste Schweizer Esoterikmesse und präsentierte sie als Freakshow, ohne den Hokuspokus wirklich zu hinterfragen.

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Geben wir es doch zu: Wir alle erhaschen gerne einen Blick auf unsere Zukunft und lesen zuweilen verschämt das Horoskop in Zeitungen und Zeitschriften. Einige machen das allerdings ganz ohne Scham; und im Gegensatz zu den meisten, die das Gelesene gleich wieder weglächeln, glauben sie auch ernsthaft daran. Solche Menschen pilgern begeistert an die Esoterikmesse «Lebenskraft», die das Zürcher Kongresshaus für sie jeweils im März zu einem magischen Ort macht. Dieses Jahr waren es wieder 8000 Besucher und vor allem Besucherinnen, die sich durch den mehrtägigen Anlass angezogen fühlten.

Nun ist es ein Leichtes, sich über die Veranstalter und das Publikum lustig zu machen. Es ist aber auch nicht schwer, sich von den redseligen Esoterikern einlullen zu lassen. Richtig schwierig wird die Aufgabe, wenn man sich ernsthaft dem Gegenstand nähert, ihn aber auch kritisch hinterfragt. Welchen Weg würde Regina Buol für ihre Reportage des Schweizer Fernsehens einschlagen? Man durfte gespannt sein.

«So warm wie zwischen zwei Händen»

«Von Hoffnung, Hellsehern und Heilsversprechen – Unterwegs an der grössten Esoterikmesse der Schweiz» lautete der lautmalerische Titel der Sendung von gestern Abend. «Ich bin bodenständig bis ins Mark, doch ich habe einen Hang zum Absonderlichen und Schrulligen», outete sich die Reporterin gleich zu Beginn. Damit legte sie offen, was die Zuschauer zu erwarten hatten: Eine neugierige Fragerin, die auch einen kräftigen Tritt ins Fettnäpfchen nicht scheuen würde.

Regina Buol eilte von Stand zu Stand, stellte teils erfrischende, teils ironische Fragen und hielt zwischendurch auch Messebesuchern das Mikrofon vor den Kopf. «Was haben wir denn da?», fragte sie mit spitzer Zunge und Stimme den Heiler Mirko Kaczenski und bat den Handaufleger, ihr ein bisschen Energie zu geben. Ob sie die Wärme spüre, erkundigte er sich beflissen, worauf Buol lakonisch antwortete: «So warm, wie es eben ist, wenn die Hand zwischen zwei Händen eingeklemmt ist.»

Messeleiterin bekräftigt Zweifel

Die Antwort sollte zeigen: Man muss an die Esoterik glauben, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Insofern waren die meisten Messebesucher gar keine Suchenden, wie im Beitrag angekündigt wurde, sondern Eingeweihte. Zu denen gehörte natürlich auch die Messeleiterin Angelika Meier, die seit ihrer Jugend ein «inneres Wissen» haben will. Für den TV-Beitrag legte sie sich auf den Schragen der paranormalen Chirurgin Tatjana Lackmann und liess sich von ihr nur mit Handgriffen die Gallensteine entfernen.

Dass sie sich am Schluss der Sendung von ihrem Hausarzt die Wirkungslosigkeit des esoterischen Eingriffs aufzeigen liess, verdient Respekt, denn dadurch bekräftigt Meier die Zweifel an solchem Hokuspokus. Ihren eigenen Glauben an innere Kräfte hatte das freilich nicht erschüttert, denn noch immer will sie ihren Gallenstein ohne Blutvergiessen entfernen. Vielleicht hilft ihr ja ein anderer Heiler.

Das Medium Fernsehen

Natürlich kamen auch Kritiker der Esoterikszene zu Wort. Der Sektenspezialist Hugo Stamm sieht die Problematik vor allem dort, wo es um Zukunftsvorhersagen geht. Doch gerade die waren der Messerenner: Der Saal bei der Veranstaltung von Endzeitbeschwörer Bruno Würtenberger war voll, im Publikum auch der Religionsexperte Georg Otto Schmid. Er hörte mit, wie Würtenberger allen Ernstes behauptete, dass im Dezember 2012 die Welt untergehe – nächstes Jahr gebe es noch einmal die Messe «Lebenskraft», dann nie mehr. Schmid findet solche Aussagen äusserst problematisch: «Damit schürt er Ängste.»

Gerne hätte man seiner Argumentation noch ein bisschen zugehört, doch die Reporterin wollte es lieber lustig haben und setzte die Freakshow fort. Die humorvolle russische Heilerin Galina Merson-Lanskaja schien es Buol besonders angetan zu haben. Und die Heilerin wusste die Präsenz des Fernsehens zu nutzen: Am zweiten Tag verkündigte sie, dass sie in der Nacht eine Vision gehabt hatte: «Kachelmann wird den Prozess gewinnen.» Das Fernsehen wurde so zum esoterischen Medium – eine neue Erfahrung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2011, 10:42 Uhr

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