«Helvetismen sind eine schwierige Angelegenheit»

Wie deutsch darf – oder muss – das Hochdeutsch eines Fernsehjournalisten sein? SF-Sprachtrainer Eberhard Wolf über Helvetismen, Aussprache und Füllwörter.

«Es stellt sich die Frage nach der Funktion eines Füllworts»: Katja Stauber, Peter Balzli, Susanne Wille, Adrian Arnold.

«Es stellt sich die Frage nach der Funktion eines Füllworts»: Katja Stauber, Peter Balzli, Susanne Wille, Adrian Arnold.

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Herr Wolf, im «Tages-Anzeiger» mokierte man sich kürzlich über SF-Korrespondenten, die auffällig oft zu Füllwörtern greifen. Zu Recht?
Da muss man unterscheiden. Während Moderatoren vom Teleprompter ablesen, sollte ein Korrespondent frei reden. Je nach Situation und Aufgabe sind seine Worte emotional oder analytisch gefärbt. Im ersten Fall können ihm Füllwörter zur Rhythmisierung der Sprache dienen, sie machen sie lebendiger. Bei Analysen ist es aber nicht sinnvoll, Füllwörter zu benutzen.

Der England-Korrespondent Peter Balzli zum Beispiel beginnt viele Antworten mit einem «Ja».
Mir ist das nicht aufgefallen, das müsste ich genauer anschauen. Es stellt sich die Frage nach der Funktion eines Füllworts: Verwendet ein Sprecher es, um ins Gespräch zu kommen? Oder braucht er es um Unsicherheit zu überbrücken? In diesen Fällen ist es sicher fehl am Platz. Doch selbst dann muss man sich überlegen, wie man damit umgeht. Denn wenn man ihm das Füllwort wegnimmt, erhöht man vielleicht seine Unsicherheit.

Greifen Sie auch bei gestandenen Moderatoren ein?
Ich bin kein Sprachobermeister, der auf jedes Wort in einem Beitrag achtet. Wenn mir oder jemand anderem wiederholt etwas auffällt, versucht man das aber zu verändern.

Gibt es Todsünden im Vokabular?
Unverständlichkeit ist eine Todsünde. Einzelne Wörter nicht.

Auch Helvetismen nicht?
Das ist eine schwierige Angelegenheit. Im deutschen Sprachraum gibt es offiziell Schweizer, österreichische, deutsche und luxemburgische Varietäten. Insofern sind Helvetismen wie etwa «für einmal» nicht der Weltuntergang. Das Ziel ist nicht das Bühnenhochdeutsch oder das reine Standarddeutsch des Dudens, sondern eben die schweizerische Varietät des «Hoch»deutschen – nicht zu verwechseln mit der Schweizer Mundart.

Wie steht es mit der Aussprache: Schreiben Sie den Moderatoren ein «Fernseh-Hochdeutsch» vor?
Wir wollen kein Bühnenhochdeutsch wie es noch in den 1960er-Jahren gesprochen wurde. Es gibt zwar Regelungen; wir unterscheiden etwa zwischen offenen und geschlossenen Vokalen. Im Vordergrund steht aber stets die Glaubwürdigkeit und Souveränität des Sprechers. Wenn ich zum Beispiel jemanden habe, der sich um ein deutsches, helles «a» bemüht und dabei so unglücklich aussieht, als ob er sich am liebsten das Leben nehmen würde, dann ist niemandem gedient. Auch beim «r» ist Verständlichkeit oberstes Prinzip. Es muss nicht vokalisiert sein, sondern kann auch gerollt werden.

Man hat allerdings den Eindruck, dass man beim SF zunehmend Wörter wie «zwanzich» hört. Woher kommt das?
Das ist eine norddeutsche Besonderheit. Als Sprechausbildner greife ich ein, wenn das gemacht wird. Wenn jemand zum Beispiel hamburgisch die Artikulation nach vorne verlagert, ahmt er einen Dialekt nach. Noch dazu einen, der auch in Deutschland unterschiedlich beliebt ist. Das muss nicht sein.

Moderatoren mit einem zu geschliffenen Deutsch – oder gar Deutsche – sind also nicht erwünscht?
Das entscheide nicht ich, das hängt vom Profil der Sendung ab. Die Sendungsmacher müssen entscheiden, welche akustische Anmutung sie haben möchten. Wobei hier die Nähe zum Publikum eine Rolle spielt. Die Zuschauer sollten sich im «Hoch»deutschen des Sprechers wiederfinden können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2010, 13:22 Uhr

Eberhard Wolf ist Deutscher und seit 1996 als Sprechausbilder beim Schweizer Fernsehen tätig. Er hat ausserdem einen Lehrauftrag in Medienrhetorik an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart. (Bild: SF DRS)

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