Hintergrund

Hopp Mundart!

Skirennen sind emotionsgeladen und vermitteln Identität. Trotzdem werden sie hochdeutsch kommentiert. Wieso?

Zwei Moderatoren, zwei Sprachvarianten: Bernhard Russi, Matthias Hüppi.

Zwei Moderatoren, zwei Sprachvarianten: Bernhard Russi, Matthias Hüppi.

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Heute ist Kitzbühel, letztes Wochenende war Lauberhorn. Aus sportlicher Sicht sind das erfreuliche Ereignisse, zumal Beat Feuz im Hoch ist. Positiv ist auch die Berichterstattung bei SF. Das eingespielte Duo Hüppi/Russi berichtet wie jeden Winter kompetent von den Alpenhängen. Doch so bestechend die Analysen, so verwirrend ist die Sprachregelung, in der diese gehalten sind. Hüppi benutzt Hochdeutsch, Russi Mundart.

Nun entbrennt ja immer mal wieder eine Debatte, ob Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch unsere Muttersprache ist, oder welche Varietät am Auf- beziehungsweise Untergehen ist. Auch wegen des schlechten Abschneidens an der Pisa-Studie oder weil vermeintlich zu viele Deutsche ins Land kommen, ging die Mundart-Diskussion kürzlich los.

SRG-Konzession gibt Rahmen vor

Dahinter stecken oft politisches Kalkül oder diffuse Ängste. Natürlich soll an den Schulen und in offiziellen Situationen Hochdeutsch gesprochen werden. Und natürlich stirbt das Schweizerdeutsche wegen zugewanderten Deutschen nicht aus. Der hochdeutsch kommentierende Hüppi aber – dasselbe gilt für viele seiner Kollegen – ergibt schlichtweg keinen Sinn.

Erstens ist sein Hochdeutsch wohl wegen des seltenen Gebrauchs steif und grammatikalisch nicht über alle Zweifel erhaben. Vor allem aber verlangt eine Live-Übertragung – noch dazu bei einem identitätsstiftenden, emotionalen Ereignis wie einem Skirennen – doch nach jener Sprache, die einem am nächsten ist. Dass er seinen Co-Kommentator in Hochdeutsch anspricht, macht die Sache komplett absurd. Wenn zwei Schweizer miteinander plaudern, tun sie dies stets im Dialekt. Linguisten wissen: Historisch betrachtet hat man in der Schweiz nie Hochdeutsch miteinander gesprochen, in keiner sozialen Gruppe.

Wie sieht die gesetzliche Lage aus? Eine SRG-Konzession verlangt, dass «in wichtigen, über die Sprachgrenzen hinaus interessierenden Informationssendungen in der Regel die Hochsprache zu verwenden ist». In Fernsehen und Radio werden demnach Nachrichtensendungen sowie das gesamte Programm des Kulturkanals DRS 2 auf Hochdeutsch ausgestrahlt.

Ausnahme sind Schwingfeste

Ein internes Papier des Schweizer Fernsehens regelt den Mundartgebrauch konkreter. Darin steht, dass «Hochdeutsch vor allem bei Texten, die zuvor schriftlich festgehalten werden, mehr Präzision erlaubt». Schweizerdeutsch wiederum vermittle besser Emotionen, Identität und Nähe. Für Sportübertragungen heisst es in den Richtlinien: «Im Sport sprechen die Live-Kommentatoren die hochdeutsche Sprache. Einzige Ausnahme sind Schwingfeste. Co-Kommentatoren sprechen Schweizerdeutsch, weil sie ihr Fachwissen so glaubwürdiger auf den Punkt bringen können.» Ausnahmen gebe es bloss eine: Heinz Günthardt, der Tennis-Experte. Notker Ledergerber, Programmleiter Sport, erklärt Günthardts Sonderstellung: «Günthardt hat vor seinem Engagement bei SF jahrelang für Eurosport kommentiert und ist sich gewohnt, auf Hochdeutsch zu kommentieren.»

Doch fassen wir zusammen: Mündliches Hochdeutsch wird in der Schweiz bei Informationssendungen verwendet sowie in Schulen und bei Messen. Alles Anlässe also, bei denen die Hochsprache als Schriftsprache eingesetzt wird, ob nun abgelesen oder wie in der Schule zum Niederschreiben gedacht. Wieso aber bei einer emotionalen Angelegenheit wie einer Sportübertragung?

«Eine hervorragende Fahrt von Beat Feuz»

Vielleicht gibt es eine linguistische Erklärung. Das Debattieren über den Stellenwert von Dialekt und Hochdeutsch steht in unterschiedlichen Zeiten unter unterschiedlichen Vorzeichen. In den 1970er-Jahren plädierte die Linke für Dialekt in den Parlamenten – damit alle gleich gut argumentieren könnten. Für die Rechte war diese Forderung ein Angriff auf die Würde politischer Institutionen.

Kurz, Situationen, die mal als formell wahrgenommen wurden, werden zunehmend als informell betrachtet. Früher war eine Fernsehübertragung eines Skirennens ein nationales Ereignis, wenn nicht sogar ein internationales, man denke an die legendäre Eurovisionshymne. Doch ist das heute noch so? Kaum. Privatfernsehen und der Aufstieg des Breitensports haben aus Sportübertragungen Entertainment, sprich einen informellen Anlass gemacht. Das sollte sich auch sprachlich niederschlagen. Auch weil die Mundart, wie SF in seinen Richtlinien ja selber einräumt, mehr Emotionen vermittelt. Wenn also Beat Feuz morgen die Streif hinuntersaust, bei der Zwischenzeit zurückliegt und im Ziel eine Hundertstelsekunde vor dem führenden Österreicher zu liegen kommt, müsste es Matthias Hüppi vergönnt sein, nicht «eine hervorragende Fahrt von Beat Feuz» zu rufen, sondern: «Verreckte Cheib, Bravo Beat!»

Was finden Sie: Sollten Sportübertragungen in Mundart oder Hochdeutsch erfolgen? Meinungen bitte unten eintragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2012, 12:56 Uhr

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