Hungerspiele für Arbeitslose

In einer TV-Show treten Arbeitslose gegeneinander an – dem Gewinner winkt viel Geld. Nur: Die Macher von BBC werden jetzt ausgebuht.

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Who in Britain still knows how to graft? – wer in Grossbritannien kann noch so richtig chrampfen? Diese Frage will die BBC mit einer neuen Serie klären. «Britain’s Hardest Grafter» soll die fünfteilige Reihe heissen. Das Konzept: 25 Arbeitslose und Geringverdiener treten in einer Reihe von Wettkämpfen gegeneinander an. Nach jeder Runde scheidet aus, wer «am wenigsten effektiv» arbeitete, so die erste Skizze des Senders. Der Sieger streicht 15'000 Pfund ein.

Es gehe aber nicht allein um Unterhaltung, betont die BBC. Die Welt der Niedriglohnjobs wolle man auskundschaften, Unterschiede zwischen einheimischen Arbeitern und Immigranten untersuchen. Freilich half dem öffentlich-rechtlichen Sender dieser Versuch, der Serie eine soziologische Komponente zu verleihen, nicht viel. Die erste Kritik kam, da hatte gerade einmal das Casting begonnen.

Armutsporno und Hungerspiele

Auf der Petitionsplattform Change.org wurden umgehend die ersten Unterschriften gegen die Serie gesammelt: Über 26'000 Menschen unterschrieben innert zweier Wochen. Nichts weiter als Voyeurismus sei das, sagt Petitionsinitiant James Pauley – «Armutsporno».

Weitere Kritiker stimmten ein. Regelrechte Hungerspiele veranstalte die BBC, wie in «The Hunger Games» mit Jennifer Lawrence. In der dystopischen Trilogie lässt ein diktatorisches Regime jedes Jahr Jugendliche zwischen zwölf und achtzehn Jahren als Gladiatoren gegeneinander antreten. Es gewinnt, wer die Spiele überlebt.

Die Strasse der Sozialleistungsempfänger

Die BBC und die Produktionsfirma Twenty Twenty versuchen nun zu schlichten. Man solle doch warten, wie das fertige Produkt aussehe. Schliesslich gehe es ja gerade darum, in «Britain’s Hardest Grafter» mit den Mythen und Klischees um Arbeitslose aufzuräumen.

Neu ist eine solche Debatte nicht. Letztes Jahr gab es ähnliche Diskussionen um die Channel-4-Serie «Benefits Street». Die Reihe porträtierte sechs Familien aus der James Turner Street in Birmingham, die von Sozialleistungen leben. «Poverty porn», ging auch damals der Aufschrei durch Medien und Politik. Tatsächlich wurde die James Turner Street nach dem Ende der Serie kurzzeitig zur Touristenattraktion. Und Onlinekommentatoren wünschten den Anwohnern, sie mögen exekutiert werden.

Run auf Suppenküchen

Wie voyeuristisch Sendungen wie «Benefits Street» nun wirklich sind, darüber ist man sich in Grossbritannien nicht einig. Selbst John Bird, Gründer des Obdachlosenmagazins «Big Issue», verteidigte letztes Jahr Channel 4. Dass die Debatten über solche Sendungen dennoch mit viel Intensität geführt werden, fusst woanders: In Grossbritannien ist die Kluft zwischen den sozialen Schichten seit 2008 rasant gewachsen. Die Zahl der Briten, die unter der Armutsgrenze leben, liegt mittlerweile bei 13 Millionen. Die Einsparungen in der Sozialhilfe haben in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Run auf Suppenküchen und Tafeln geführt.

Gleichzeitig haben die Reichsten des Landes ihr gemeinsames Vermögen seit 2005 mehr als verdoppelt – die 1000 vermögendsten Personen und Familien besitzen heute rund 547 Milliarden Pfund.

Dämonisierung der Arbeiterklasse

Politische Kommentatoren wie der «Guardian»-Journalist Owen Jones sehen diese Entwicklung von einer zunehmenden Dämonisierung der Arbeiterklasse begleitet. Spätestens seit der Wirtschaftskrise, so Jones in seinem Buch «Chavs», sei es unter Tory-Politikern und konservativen Zeitungen salonfähig geworden, jene als faul und dumm zu bezeichnen, die eigentlich am stärksten unter der Wirtschaftslage leiden. Wer seinen Job verlor, werde für die schlechten Finanzen des Staates verantwortlich gemacht; die nächste Kürzung von Sozialgeldern sei somit gegenüber dem Volk bereits legitimiert.

Diese Spirale könnte «Britain’s Hardest Grafter» nun weiterdrehen, fürchten auch Labour-Politiker. Immerhin würden die Probleme der sozial Benachteiligten angesprochen, entgegnen derweil Verteidiger des Konzepts. Und fügen an, das Gegenphänomen des Armutspornos – der Posh porn – sei auch nicht besser. Tatsächlich glorifizierten letztes Jahr zahlreiche Sendungen wie «You Can’t Get the Staff» und «Life Is Toff» das Leben der britischen Oberschicht. Ein Leben, dass für den durchschnittlichen Zuschauer nie erreichbar sein wird. Egal, wie viel er arbeitet. Egal, wie hart er chrampft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 14:26 Uhr

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