Interview

«Ich bin halt ein Mann und also verführbar»

Am Montag startet Roger Schawinskis neue Sendung. Im Interview spricht er über die Anziehung der Mächtigen, Selbstdarstellung – und erklärt, weshalb er kaum Frauen interviewt.

«Meine Gäste sollen sich nicht zurücklehnen können»: Roger Schawinski.

«Meine Gäste sollen sich nicht zurücklehnen können»: Roger Schawinski.

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Ihre neue Sendung heisst «Schawinski». Halten Sie sich als Interviewer für die Hauptattraktion?
Fast alle Talksendungen heissen so wie ihre Gastgeber, das ist heute Standard. Und wenn an einem Gespräch nur der Gast interessiert, kommt zu wenig Spannung auf. Ich will, dass der Zuschauer entscheiden kann, welche Position ihn mehr überzeugt.

Sie wollen einfach im Mittelpunkt bleiben.
Ein gewisser Hang zur Selbstdarstellung gehört zum Berufsprofil. Ich sage gerne öffentlich, was ich denke.

Und drängen sich damit vor.
Ich bringe mich ein. Und zwar immer mit der Gegenposition meines jeweiligen Gastes.

Also werden Sie vor allem jene einladen, denen Sie möglichst spektakulär widersprechen können.
Meine zahllosen Interviews belegen das Gegenteil. Ich will von den Leuten nicht hören, was gut tönt, sondern was sie denken. Ihre Aussagen sollen kernig sein, müssen aber etwas bedeuten.

Mächtige Interviewpartner scheinen Sie mehr zu inspirieren als andere.
Je besser meine Gegenüber sind, desto besser bin wohl auch ich. Je weniger jemand zu bieten hat, desto schwieriger wird das Gespräch.

Mächtig heisst also besser. Und besser heisst: möglichst schnell, aggressiv und extrem.
Ich liebe den Schlagabtausch, und das Tempo soll hoch sein. Meine Gäste sollen sich nicht zurücklehnen und ihre Textbausteine aufsagen können.

Wer nuanciert, fällt bei Ihnen durch.
Natürlich muss ich es den Leuten ermöglichen, sich zu öffnen. Gleichzeitig wissen sie auch, worauf sie sich einlassen. Ich bin als Interviewer kein Streicheltherapeut. Davon gibt es schon genug im Fernsehen, auch bei der SRG.

Schwachen gegenüber geben Sie sich mitleidlos.
Das weise ich zurück; ich stelle bloss die Fragen, die man stellen muss.

Warum machen Sie kaum je Interviews mit Frauen?
Ich rede sehr gerne mit Frauen. Es hat bei uns einfach zu wenige mit Einfluss. Vor allem in der Wirtschaft.

Dafür neigen Sie bei Frauen zur Sentimentalität.
Ich bin halt ein Mann und also verführbar.

Was ist Ihnen wichtiger bei einem Gast, Einfluss oder Prominenz?
Mein erster Gast am nächsten Montag ist der Privatbanker Konrad Hummler. Der hat zwar Einfluss, aber keine besondere Prominenz.

Hummler ist ein reicher Unternehmer, der sich für rebellisch hält. Genau wie Sie.
Anders als ich stand er schon immer rechts. Ausserdem ist er gescheit, eloquent und vielseitig interessiert. Und vom Thema her sehr aktuell. Perfekt!

Man merkt Ihnen sofort an, ob Sie das Gegenüber mögen oder nicht. Sie sind parteiisch.
Ich bin ehrlich, weil ich sonst nicht authentisch wäre. Die Zuschauer können selber entscheiden, ob ich fair bleibe. Theaterspielen ist nicht mein Ding.

Warum interviewen Sie auch Leute, die Sie persönlich kennen?
Weil ich sonst nicht einmal die Hälfte der Gäste einladen könnte, die interessieren.

Sie sind ein weit vernetzter Medienmann, also sehr befangen.
Aber ich gehöre nicht zum Establishment. Ich habe auch kein politisches Netzwerk, was mir wiederholt geschadet hat. Dafür brauche ich auch nicht allen zu gefallen. Ich kann austeilen und stecke entsprechend ein.

Meinen Sie das im Ernst? Wir haben Sie schon mehrmals tobend am Telefon erlebt.
Ich reagierte früher auf Kritik, das stimmt. Aber das hat sich seit längerem gelegt.

Das letzte Wuttelefonat erhielt man vor drei Jahren. Und empfindlich sind Sie bis heute.
Ach was. Ich war drei Jahre lang Chef von Sat 1, und bei den deutschen Medien geht es sehr viel härter zu als bei uns. Trotzdem werden Sie keinen Journalisten finden, der mich als unsouverän erlebte. Als ich bei Sat 1 anfing, sagte RTL-Gründer Helmut Thoma, «der kann das mit Sicherheit nicht; er ist ja Schweizer.» Das hat mich bloss herausgefordert.

Sie sind süchtig nach Anerkennung.
Wenn das stimmte, würde ich mich nicht mit so vielen Leuten anlegen, sondern wäre harmoniesüchtig wie so viele andere.

Anerkennung suchen und Streit: Das braucht sich nicht auszuschliessen.
Ich war ein geliebtes Kind und muss daher nichts kompensieren. Deshalb scheue ich mich auch nicht, Leute gegen mich aufzubringen, solange es der Wahrheitsfindung dient.

Wen finden Sie als Interviewer sonst noch gut?
Charlie Rose von Bloomberg News, dem New Yorker Wirtschaftssender. Der interviewt Leute wie Warren Buffett, Jane Fonda oder Spitzenleute aus Wissenschaft und Politik. Als Interviewer geht er nicht konfrontativ vor, aber gründlich, ausserdem rhetorisch und fachlich brillant. Im deutschsprachigen Raum finde ich Frank Plasberg von «Hart, aber fair» grossartig.

Sie sind 66 Jahre alt. Wie viele Wochenstunden arbeiten Sie noch?
Die zähle ich nicht, weil ich mich als Bürger ebenso für Nachrichten interessiere wie als Journalist. Ich komme gerade aus Amerika zurück. Das waren eigentlich Ferien. Dennoch habe ich die Debatte zur drohenden Zahlungsunfähigkeit intensiv verfolgt. Da wird Geschichte gemacht, und das fasziniert mich.

In den USA wird der Parteienstreit extrem hart geführt. Ist in einem Wahlkampf alles erlaubt?
Das frage ich mich manchmal auch, wenn ich sehe, mit welchen Mitteln und Argumenten amerikanische Politik gemacht wird. Die Leute der Tea Party nehmen einen Staatsbankrott in Kauf, wenn sie damit dem Präsidenten schaden können.

Die amerikanische Politik irritiert, aber sie fasziniert auch. Kommen Ihnen Schweizer Politikerinnen und Politiker vergleichsweise öde vor?
So würde ich das nicht sagen. Nur gibt es bei uns wenige, die gut auftreten und reden können. Das ist in Amerika völlig anders. Auch ein unbekannter Republikaner aus Kentucky bringt seine Argumente am Fernsehen eloquent vor. Das gilt auch für viele der Leute auf der Strasse.

Erstellt: 20.08.2011, 08:55 Uhr

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