Idylle bis zum Brechreiz

Im neuen Köln-«Tatort» ermitteln Schenk und Ballauf in einer schmucken Siedlung von Einfamilienhäuschen. In der Nachbarschaft tun sich Abgründe auf.

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Wenn die Welt bedrohlich wird, weil Jobs verschwinden und Terroristen lauern, dann zieht sich der Mensch gerne in sein Heim zurück. Zu den schönen Möbeln, dem Garten, dem Hobby, in die kleine Welt, die nur er kontrolliert. In dieser vermeintlichen Überschaubarkeit ermitteln die «Tatort»-Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk in ihrem jüngsten Fall: eine Reihe schmucker Einfamilienhäuschen vor den Toren von Köln. Nur, taucht erst die Kriminalpolizei auf, ist es mit der Idylle wohl nicht mehr weit her.

Hausbesitzer und Einzelgänger Werner Holtkamp ist mitten in der Nacht von einer Brücke auf die Strasse gefallen und von einem Lastwagen überrollt worden. Schnell stellt sich heraus: Tot war Holtkamp schon Stunden zuvor, jemand hatte ihn im Bett erschlagen. War es einer seiner Nachbarn?

Nachbarschaft mit Abgründen

Genüsslich demontieren Autor Christoph Wortberg und Regisseur Thorsten C. Fischer in «Nachbarn» den Sehnsuchtsort Vorstadtsiedlung. Pharrell Williams trällert seinen Spassbefehl «Happy» zu schnell geschnittenen Bildern von winkenden Anwohnern, konfettischwangeren Geburtstagspartys und Gasgrills mit Geschenkschleifen. Verdächtig überdreht ist das alles, Brechreiz-auslösend perfekt scheint diese heile Welt, würden sich nicht die Nachbarn vielsagende Blicke zuwerfen. Später zeigt uns Fischer die Siedlung immer wieder aus der Vogelperspektive - hübsche Giebelhäuschen, saftiges Grün. Doch der bedrohlich wummernde Bass deutet an: Die wahren Abgründe zeigt der Google-Earth-Blick nicht. Holtkamp stritt sich mit Nachbar Leo Voigt über die Grundstücksgrenze; Voigts Frau ging schon vor 11 Jahren weg, Stieftochter Sandra scheint traumatisiert; Jens Scholte ist auch der Vater von Sandras Tochter; die Ehe von Anne und Frank Möbius ist am Ende.

Neu ist die Idee von der vermeintlich friedlichen Nachbarschaft mit den Abgründen nicht, die US-Serie «Desperate Housewives» funktionierte acht Staffeln lang nach diesem Konzept. Dennoch ist «Nachbarn» ein packender «Tatort», bis zum Schluss. Seine Macher setzen Ballauf und Schenk für einmal zurückhaltend ein. Klar, auch Schenk ficht seinen Nachbarschaftsstreit. Doch hauptsächlich graben sich die Kommissare beharrlich Schicht für Schicht unter die Oberfläche der Siedlung. «Lässt dich diese merkwürdige Nachbarschaft auch nicht mehr los?», fragt Schenk einmal den grübelnden Ballauf. Erleichtert werden die beiden am Ende zurück in die Stadt fahren. Und Köln wird ruhig und friedlich daliegen: Für einmal ist der Moloch das Idyll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2017, 21:53 Uhr

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