«Ihr habt auch schon Sozialdemokratie in der Schweiz?»

Der deutsche Late-Night-Star Jan Böhmermann war zu Gast in der SRF-Sendung «Deville». Wir waren bei der Aufzeichnung dabei.

Ist er der Nachfolger von Christian Levrat? Jan Böhmermann bei der Aufzeichnung von «Deville» – flankiert von Lisa Eckhart, dem Sidekick Patrick Karpiczenko, genannt Karpi, und dem Host Dominic Deville. (Foto: Filmgerberei)

Ist er der Nachfolger von Christian Levrat? Jan Böhmermann bei der Aufzeichnung von «Deville» – flankiert von Lisa Eckhart, dem Sidekick Patrick Karpiczenko, genannt Karpi, und dem Host Dominic Deville. (Foto: Filmgerberei)

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Harald Schmidt meinte mal, er sehe es als sein Lebensziel, dass seine blosse Anwesenheit beklatscht werde. Jan Böhmermann – smarter Entertainer, moralische Instanz der jüngeren Generationen und Verursacher einer diplomatischen Krise zwischen Deutschland und der Türkei – hat das bereits mit Ende dreissig geschafft. Auch in der Schweiz, wo der Deutsche am Samstagabend zu Gast beim Late-Night-Format «Deville» war, das heute nach dem «Tatort» auf SRF ausgestrahlt wird. Denn immer, wenn Böhmermanns Name erwähnt wurde, ging ein kräftiger Applaus und Jubel durch die Reihen des «Foliums», einer Fabrikhalle in der Zürcher Sihlcity, wo «Deville» ab dieser Staffel in einem neuen Studio aufgezeichnet wird.


«Wir haben nicht so viel Material vorbereitet»: Late-Night-Host Dominic Deville (Foto: Filmgerberei)

«Wir haben nicht so viel Material vorbereitet», behauptete Dominic Deville beim Warm-up; wenn da zehn Minuten Sendezeit für Applaus und Jubel zugunsten von Böhmermann draufgingen, dann sei das natürlich gut.

Die «Helene Fischer der Politsatire»

Das erwies sich als Koketterie. Denn die «Deville»-Aufzeichnung war voll mit gutem Material. Da gab es unter anderem eine Zergliederung der Terrorübung, die in dieser Woche von der Schweizer Armee und dem Zivilschutz abgehalten wurde; ein Einspieler über eine junge Frau, die sich beim Besuch bei ihren Eltern als bürosexuell outet; Bundesrat Guy Parmelin mit Bondage-Maulkorb – und den Auftakt zu einem neuen Format, in dem Schweizer Politiker Witze übereinander machen. Bei der Premiere kriegten die Grünen ihr Fett weg. An Jacqueline Badran ist definitiv eine Komikerin verloren gegangen, so viel ist klar.

Und dann war da auch noch die österreichische Comedian Lisa Eckhart zu Gast, die in ihrem Stand-up zwei politische Grossthemen – Klimawandel und Flüchtlinge – miteinander verschnitt: «Ich bin gegen Abschiebung, weil jeder abgeschobene Flüchtling bedeutet bei einem Flug von hier nach Aleppo eine Tonne CO2. Da muss man ausnahmsweise sagen: Umweltschutz vor Fremdenhass.»


«Umweltschutz vor Fremdenhass»: Lisa Eckhart bei «Deville» (Foto: Filmgerberei)

Lisa Eckhart hat fraglos ihre Fans. Aber der Star des Abend war ganz klar Jan Böhmermann, den Dominic Deville als «Helene Fischer der Politsatire» anmoderierte – und der sich extrem entspannt zeigte. Es sei schön, mal so «richtig» im Ausland zu sein, sagte Böhmermann, also ausserhalb von Europa. «Ich nehme die Schweiz wahr, wie sie mich wahrnimmt: mit gewissem Respekt, aber auch mit einer gehörigen Portion Ekel», fügte er hinzu, als Deville ihn nach seiner Sicht der Schweiz befragte.

«Ich nehme die Schweiz wahr, wie sie mich wahrnimmt: mit gewissem Respekt, aber auch mit einer gehörigen Portion Ekel»Jan Böhmermann

Obwohl die beiden Late-Night-Hosts in den letzten Jahren wiederholt kooperierten und die Schweizer ihren ersten Klickerfolg einer Einladung Böhmermanns zu verdanken haben (lesen Sie dazu mehr hier), wurde es nicht allzu kuschlig. Sondern auch mal ein wenig schmutzig, als die beiden darüber spekulierten, was eigentlich die verpackte Säule im Raum darstelle – eine Faust in einem menschlichen Rektum, wie Böhmermann vermutete, oder doch eher Devilles aufgehängte Mutter? «Das ist auf jeden Fall ein Fall für den Ombudsmann», meinte Böhmermann. Der Deutsche ist also informiert, dass die hiesigen TV-Satiriker wiederholt mit dem Ombudsmann des Schweizer Fernsehens aneinandergeraten.


«Das ist auf jeden Fall ein Fall für den Ombudsmann»: Jan Böhmermann mit Dominic Deville (Foto: Filmgerberei)

Richtig Fahrt nahm der Talk auf, als Deville sich nach der Kandidatur für den Vorsitz der deutschen Sozialdemokraten erkundigte, die Böhmermann im August lanciert hatte: Er habe herausgefunden, dass es nicht erlaubt sei, sich aus einer öffentlich-rechtlichen Sendung für ein politisches Amt zu bewerben, erzählte Böhmermann – und habe sich darauf wieder in den «sozialdemokratischen Untergrund zurückgezogen». Worauf Deville seinem Gast die Nachfolge des SP-Präsidiums schmackhaft zu machen versuchte. Böhmermann zeigte sich erstaunt: «Ihr habt auch schon Sozialdemokratie in der Schweiz?»

Aber schliesslich war Böhmermann bereit, für die Levrat-Nachfolge zu kandidieren. «Auf jeden Fall», sagte Böhmermann, Schweizer finanzierten die AfD, «die NZZ sorgt dafür, dass der richtige politische Spin in Deutschland ankommt, da ist es nur fair, dass ich als Deutscher mich auch in der Schweizer Politik einmische».

«Hitlergruss geht, aber Ehe für alle nicht»

Böhmermanns eigene Show war bei «Deville» ebenfalls ein Thema: der anstehende Wechsel vom Digitalkanal ins ZDF-Hauptprogramm – und Böhmermanns jüngster Scoop, ein 28-minütiger Monolog über die Hohenzollern. Die Nachfahren des Kaisers fordern vom deutschen Staat mehrere Schlösser zurück, die ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden. Wegen Naziverstrickungen, die Böhmermann mit Rückgriff auf Bildmaterial und wissenschaftliche Studien in seiner Sendung deutlich machte. Er habe nun die Hoffnung, dass schon am Montag eine Klage der Hohenzollern bei ihm eintreffe, damit die Debatte richtig Tempo aufnehme. «Zur Not bleibe ich einfach hier», sagte Böhmermann. Sie wollten ja eh noch gemeinsam in den Zoo, fügte Deville hinzu. «Was ist denn in Schweizer Zoos ausgestellt? Österreicher? Leute aus dem Wallis?», fragte Böhmermann.

Auch sonst hatte Böhmermann ziemlich viele Fragen zur Schweiz. Ob man hier die AfD kritisieren oder wirklich den Hitlergruss zeigen dürfe, wie dies Deville gemacht hatte, als er mit gereckter Hand anzeigte, wie hoch die Terrorgefahr in Deutschland ist. «Ja, Hitlergruss geht», meinte Deville, «aber Ehe für alle nicht.»

Was eine Kandidatur für die Levrat-Nachfolge anbelangte, lehnte Böhmermann Devilles Angebot dann doch ab. All diese Abstimmungen und so, das sei ihm dann doch etwas zu anstrengend. Ausserdem hätte er auch Angst vor Terror in der Schweiz, nachdem er gesehen habe, wie dilettantisch sich das hiesige Militär bei seiner Übung verhielt. «Als wir wussten, dass du kommst, haben wir ganz tolle Bodyguards angestellt», sagte Deville, «alles Türken.» Gelächter im Publikum – und bei Böhmermann: «Den Witz habe ich verstanden, Dominic.»

Erstellt: 17.11.2019, 18:43 Uhr

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