Interview

«Im Dorf wurde es mir zu kleingeistig»

Der ehemalige MTV-Moderator Markus Kavka hat einen Roman geschrieben. In «Rottenegg» rechnet er mit dem Business ab – und mit dem Landleben.

Kein «handelsüblicher 43-Jähriger»: Markus Kavka.

Kein «handelsüblicher 43-Jähriger»: Markus Kavka. Bild: PD

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«Hamma wieder was gelernt»: Ihre Abmoderation bei den «MTV News» war legendär. Was lernt man heute, wenn man den Sender einschaltet?
Ich empfange den gar nicht mehr, seit man dafür bezahlen muss. Aber ganz ehrlich: Ich würd MTV auch nicht mehr gucken. Bestimmt gibts ein paar ganz nette Formate. Nur haben die nichts mit klassischem Musikfernsehen zu tun. Jetzt läuft halt so ein Jugendunterhaltungsvollprogramm.

Die Shows heissen «Disaster Date», «Teen Mum», «My Super Psycho Sweet 16». Mag man da noch «Berufsjugendlicher» sein?
Es sind Journalisten, die sich mit solchen Begriffen Überschriften zurechtbasteln. Mich hat noch nie ein Zuschauer als «Berufsjugendlichen» oder «Moderatoren-Opa» bezeichnet. Ich bin 43, denke aber überhaupt nicht über mein Alter nach. Nicht, weil ich jetzt ein Problem damit hätte. Ich bin einfach anders als der handelsübliche 43-Jährige.

Inwiefern?
Wahrscheinlich gibts wenig Leute, die sich in meinem Alter bis 8 oder 9 Uhr morgens in Clubs rumtreiben oder selbst auflegen. Ich bin nie in einen Jungbrunnen gefallen, sondern habe einfach Bock drauf. Andere Leute denken sich: Das ist zu laut, die Musik ist scheisse, ich bleib lieber zu Hause und geh um 1 Uhr ins Bett. Ich geh dann erst aus dem Haus.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren MTV-Kollegen? Zu Kristiane Backer oder Ray Cokes vielleicht?
Wir treffen uns jedenfalls nicht regelmässig am Stammtisch und schwelgen in Nostalgie. Rückblickend sind wir alle glücklich darüber, dass wir Teil dieser kleinen Bewegung waren, als das Musikfernsehen noch spannend war. Keiner weint dem aber eine Träne nach. Wir alle wissen, dass das nur in der Zeit so hat funktionieren können. Die Mittel waren da, das Interesse auch. Und wir konnten machen, was wir wollten.

Sie stehen politisch weit links. Was haben Sie am 1. Mai gemacht?
Ich war in Kreuzberg auf der Demo. Da hats immer 300 bis 400 Autonome dabei, die halt Rambazamba machen. Das ist immer ein bisschen heikel. Diesmal wars aber ziemlich friedlich. Es sind gar nicht so viele Steine geflogen.

Haben Sie auch schon randaliert?
In Wackersdorf war mal eine Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe geplant. Bei den Protesten dagegen hab ich einmal in meinem Leben einen ganz kleinen Stein geworfen. Es sollte ja niemand verletzt werden. Dafür habe ich dann ordentlich einen mit dem Wasserwerfer vor den Latz bekommen. Zwei Wochen lang prangte ein blauer Streifen über meiner Brust. Der Strahl trifft einen wie eine riesige Faust, das tut sauweh. Da hab ich verstanden und bin seither eher zurückhaltender geworden.

Sie bezeichnen sich als «Musikfaschist», weil Sie bei neuen Bekanntschaften immer erst das Plattenregal kritisch unter die Lupe nehmen. Was stand da bei Ihrer Freundin?
Anscheinend ahnte sie, dass sie mich irgendwann kennen lernen würde. Sie hatte nämlich gar nichts. Wie das oft so ist bei Mädchen, hatte sie nur ein paar selbst gebrannte CDs von Jungs. Ich habe sie in einem Club kennen gelernt, wo sie wegen der Musik war. Ich fand die auch gut, und so hatten wir schon mal eine Verbindung. Eine Zeit lang war ich sehr intolerant, was den Musikgeschmack angeht. Später habe ich Leuten, die beschissene Musik hörten, tonnenweise vernünftige Sachen untergejubelt. Oft ist was hängen geblieben. So bin ich heute wieder, altersmilde: Ich füll einen USB-Stick und sag: geschenkt.

Im Roman «Rottenegg» schreiben Sie, dass der Held Gregor Herzl rein fiktiv sei. Das ist doch geflunkert.
Ein bisschen ironisch zu verstehen ist das schon. Ich weiss natürlich, was für ein Grab ich mir da geschaufelt habe mit den auffälligen biografischen Übereinstimmungen. Der Typ moderiert beim Musikfernsehen, ist um die 40, ihm wird gekündigt, er kommt ursprünglich aus Bayern, lebt ihn Berlin.

Und sein Name setzt sich aus gleich vielen Buchstaben zusammen wie Markus Kavka.
Das ist wirklich Zufall. Trotzdem ist Markus Kavka nicht Gregor Herzl. Bei Erstlingen ist es nicht ungewöhnlich, dass man als Gerüst autobiografische Bezugspunkte verwendet, von da aus aber die Handlung komplett fiktiv weiterspinnt. Mir hat das den Einstieg in das Buch sehr erleichtert. Im letzten Drittel gibt es einen krassen Bruch in der Geschichte. Spätestens dann wird jedem Leser klar, dass Kavka nicht Herzl sein kann.

Die Leute sollen selber rausfinden, was Kavka ist und was nicht?
Ich hätte nie gedacht, dass das mit so einer Akribie gemacht wird. Natürlich werde ich den Teufel tun und Häkchen dahintersetzen: Das ist passiert, das bloss erfunden.

Herzl kommt aus Rottenegg, einem Nachbarsdorf von Manching, wo Sie aufgewachsen sind. «Rotten egg» heisst auf Englisch «faules Ei». Ist es so schlimm in Oberbayern?
Eigentlich nicht. Wenn man damit klarkommt, dass nicht so irre viel passiert. Ich hatte eine behütete Kindheit, doch war es auch kein Zufall, dass ich nach dem Abi sofort gegangen bin. Es wurde mir zu klein und zu kleingeistig. Ich war nicht im Einklang mit der Dorf-Community, sah anders aus, hörte andere Musik. Was mich interessierte, kam aus der Stadt. Wenn Herzl aufs Land flieht, ist erstmals alles kuschlig. Dann stellt er ganz schnell fest, dass vieles Fassade ist. Es geht darum, den Schein zu wahren, es gibt Lügen und Gewalt. Also genauso wie in der Stadt. Nur dass die Leute auf dem Land das nicht zeigen, weil sie alles unter den Teppich kehren.

Wenn Sie heute Ihr Heimatdorf besuchen, spüren Sie dann Bewunderung für einen «der Unsrigen» oder eher Skepsis?
Mittlerweise fast zu hundert Prozent Stolz. Das ist kurios. Früher hatte ich ja relativ viel Ärger, weil ich halt als Grufti rumgelaufen bin. Ohne Übertreibung habe ich jedes Wochenende in der Dorfdisco ein paar aufs Maul bekommen.

Und trotzdem gingen Sie immer hin?
Wenns nichts anderes gibt. Man setzt sich dem aus, fängt sich eine, legt sich auf den Boden und dann haben die auch keinen Bock mehr – bis es das nächste Mal scheppert. Das gehörte halt zu meinem Dorfalltag. Es hat mich geprägt. Man lernt da für Dinge einzustehen. Meine Eltern mochten meinen Look auch nicht, aber sie sagten: «Wenn du jedes Wochenende dafür Prügel beziehst, wie du aussiehst, muss es wichtig sein für dich. Also machs.»

Wie äussert sich dieser Stolz?
Bei einem Besuch sagte meine Mutter einmal: Du Markus, bei uns hat ein neuer Edeka-Supermarkt aufgemacht. Ich sagte: Was, ein neuer Edeka? Ist ja Wahnsinn! Ich ging mir also mit meinem Bruder den neuen Edeka anschauen. Die Frau an der Kasse: «Mei, der Kavka Markus!» Dann trommelte sie innerhalb von fünf Minuten den kompletten Edeka zusammen. Es wurden Fotos gemacht und Autogramme geschrieben. Das war schon merkwürdig. Der verlorene Sohn kommt ins Dorf heim und kriegt so eine Aufwartung. Ich fands rührend, aber war auch etwas verunsichert.

Zum Schluss zurück zur Musik. Was gehört zwingend auf den USB-Stick?
Das Album, das mich in den letzten Jahren am meisten umgehauen hat, ist das Debüt von The XX. Das war Musik, bei der ich nach langer Zeit wieder mal das Gefühl hatte, die ist für mich gemacht und für niemanden sonst.

Hört man traurige Sachen, wenn man sich mies fühlt. Oder wird man traurig, wenn man Trauriges hört?
Fröhliche Musik geht mir auf den Sack, wenn ich traurig bin. Ich neige schon dazu, etwas melancholisch zu sein. Besonders wenn ich an die Ostsee fahre und aufs Meer glotze. Wenn ich dann noch schwermütige Musik höre, kanns schon sein, dass sich die Schleusen öffnen. Das ist dann aber auch reinigend. Wenn Sie mich so fragen: Ich höre eigentlich überhaupt keine fröhliche Musik. Meine Lieblingsplaylist enthält keinen einzigen Song in der Tonart Dur. Alles ist Moll. Ich glaube, ich höre Jungsmusik.

Erstellt: 04.05.2011, 08:14 Uhr

Markus Kavka

Moderator, DJ, Autor

Markus Kavka (43) ist in Manching in Oberbayern aufgewachsen – einem Dorf ganz in der Nähe von Rottenegg. Nach dem Abitur studierte er Theater und Kommunikation und arbeitete als Journalist bei der Musikzeitschrift «Metal Hammer». Nach einigen Jahren bei den Musiksendern Viva und Viva 2 wechselte er 2000 zu MTV. Dort moderierte er unter anderem die News und das Alternative-Magazin «Spin». Kavka ist viel als DJ unterwegs, in Zürich oft im Hive. Im März erschien sein Roman «Rottenegg» bei Rowohlt. (pa)

Infobox

Markus Kavka liest «Rottenegg». Morgen Donnerstag, 20 Uhr im Komplex 457.

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