Hintergrund

Klassenkampf im Mädchenheim

Heute Nacht läuft am Fernsehen der lange verbotene Film «Bambule» von Ulrike Meinhof. Ein bizarres Stück Zeitgeschichte.

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Terroristin, 68er-Ikone und Journalistin – in dieser Reihenfolge ist Ulrike Meinhof bis heute bekannt. Dass sie auch ein Drehbuch verfasst hat, weiss kaum einer. Dabei hat es der Film «Bambule», der heute um Mitternacht auf Arte zu sehen ist, in sich. Das Fernsehspiel, ein gesellschaftskritisches Stück gegen autoritäre Heimerziehung, sollte 1970 ausgestrahlt werden – landete aber für 24 Jahre im Giftschrank des Südwestfunks, da Meinhof kurz vor der geplanten Ausstrahlung an der Befreiung von Andreas Baader beteiligt war.

«Bambule» des Theater- und Fernsehregisseurs Eberhard Itzenplitz ist mit seinem betonten Realismus und der unverhüllten Sozialkritik ein Kind seiner Zeit. Die Handlung spielt in West-Berlin in den 60er-Jahren: Irene, Monika und Iv leben in einem geschlossenen Mädchenheim, wo ein autoritäres Regime herrscht. Tagsüber müssen die Mädchen für einen Hungerlohn Fabrikarbeiten verrichten.

Eines Morgens unternehmen Irene und Monika einen Fluchtversuch, der für Irene draussen, für Monika jedoch in der Arrestzelle endet. Die aufmüpfige Iv lässt derweil keine Gelegenheit aus, um im Heim einen Aufstand anzuzetteln. In der Nacht gelingt es ihr schliesslich, auch die anderen Heiminsassinnen anzustacheln: Die Nachtwächterin bekommt es mit einer handfesten «Bambule» (Gangsterslang für «Aufstand») zu tun.

Verschärfte Form des Klassenkampfes

Was den Film heute noch sehenswert macht, ist weniger der Inhalt, als die Machart. Denn «Bambule» nimmt sich im Vergleich zu modernen Produktionen seltsam sperrig und unsentimental an. Wie eine erfundene Dokumentation, Sympathien für die Mädchen mögen kaum aufkommen. Sieht man den Film heute, ertappt man sich dabei, eher nach ersten Anzeichen für Meinhofs Tat zu suchen, als sich mit dem eigentlichen Filmthema zu beschäftigen. Zumal man die Filmhandlung durchaus als Parabel auf die gesellschaftlichen Missstände der 70er-Jahre verstehen kann - inklusive Verschärfung des Klassenkampfs.

Rückblickend spannender ist jedoch, dass Meinhofs Radikalisierung ganz konkret mit der Entstehung des Films einherging. In einem Drehbericht an den Leiter der Produktionsgruppe Fernsehspiel schien sie 1969 noch mit produktionstechnischen Details beschäftigt: «Bei einigen Liedern kann ich die Herkunft der Melodie nicht angeben, kann sie nur vorsingen. Jedenfalls sind alle Melodien vorhanden.» Im März 1970 hingegen – die Dreharbeiten zu «Bambule» waren gerade abgeschlossen – schreibt sie: «Ich habe keine Lust mehr, ein Autor zu sein, der die Probleme der Basis, z. B. der proletarischen Jugendlichen in den Heimen, in den Überbau hievt, womit sie nur zur Schau gestellt werden, dass sich andere daran ergötzen, zu meinem Ruhm.» Meinhofs Fazit: «Ich finde den Film scheisse. Das ist wirklich mein Problem.»

Zwei Monate nach Versenden dieser Zeilen war Ulrike Meinhof eine gesuchte RAF-Terroristin. Später wurde sie zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt und beging am 9. Mai 1976 in ihrer Haftzelle in Stuttgart-Stammheim Selbstmord. (phz)

Erstellt: 12.03.2012, 14:49 Uhr

Bambule (Ausschnitt)

Film

«Bambule», Fernsehfilm Deutschland 1970. Von Eberhard Itzenplitz, nach einem Drehbuch von Ulrike Meinhof. 0.05 Uhr Arte.

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