Knallhartes Milliardengeschäft mit Milch

Bauern und Kühe sind am Anschlag, ausgequetscht von globalen Molkereikonzernen. «Das System Milch» lief gestern auf SRF.

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Eine Kuhherde tippelt über eine grüne europäische Wiese, Rinder stampfen über staubigen afrikanischen Boden. Dokumentarfilmer Andreas Pichler spannt den globalen Bogen gleich zu Beginn seines Films. Er erklärt uns «Das System Milch».

Als Kind hütete Pichler im Südtirol selbst Kühe. Als er älter wurde, begann er, Fragen zu stellen. Denn mittlerweile ist das Geschäft mit der Milch zu einem milliardenschweren Markt angewachsen. In Europa werden jährlich 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver produziert. Und auch die 1,3 Milliarden Chinesen wurden trotz verbreiteter Laktoseintoleranz auf den Geschmack gebracht. Milch ist ein gefragter Rohstoff, der Handel damit knallhart.

Was bedeutet diese Entwicklung der Milchproduktion für Tiere, Umwelt, Politik und uns, den Menschen?

Die Suche nach Antworten beginnt in Dänemark. Der Bauer zeigt seinen riesigen Kuhstall, ist ständig am Smartphone, erzählt von Optimierungszwang, der Liter Milch muss so günstig und gut wie möglich sein. Die Kühe müssen parieren. Sie sind Nummern. Die Kälber Abfallprodukte. Man sei nicht das Sozialamt. «Das ist ein Geschäft hier.»

In der Milchmachtzentrale

Der dänische Bauer liefert an die Molkerei Arla. Sie gehört zu den Top 5 der grössten Molkereikonzerne der Welt. Schnell wird klar: Mit den ursprünglich genossenschaftlich organisierten Molkereien haben diese Konzerne so gut wie gar nichts mehr zu tun. Der Marketingchef von Friesland Campina formuliert es so: «Wer sich nicht verändert, stirbt.» Das sei eben wie bei Darwin. Sein Konzern sei eine Raffinerie. Ein Milchstrom geht rein, eine breite Produktepalette kommt raus. In hübsch ausgeleuchteten Löchern einer Präsentationswand stehen die neusten Innovationen aus Milch. Der Marketingchef greift zu einer violetten Büchse: Milchpulver für Senioren.

Die Leidtragenden sind nicht nur Bauern, die mit ihren Familienbetrieben am Limit laufen, sondern vor allem die Kühe. Pichler besucht eine Leistungsshow der Turbokuhzüchter. Stolz werden die Tiere durch das Sägemehl vor die Jury geführt. Die prallen Euter scheinen demnächst zu platzen. Dabei sei nicht einmal klar, wie gesund Milch für den Menschen überhaupt sei, erklärt ein Professor.

Trotz der dramatischen Zustände in der Milchwirtschaft bleibt die Erzählweise des Films ruhig, ebenso die Musik. Punktuell wird die Dramatik unterstrichen. Aber nie plump. Ebenso verhält es sich mit den Bildern. Die knallharte Industrie sieht bei Pichler oft ästhetisch und symmetrisch aus, wenn Tausende Milchtüten im Takt über Fliessbänder holpern oder Kühe kreisrund in der Melkvorrichtung stehen.

Denn um die Kühe noch leistungsfähiger zu machen, muss Soja her. Dieses müssen die Bauern einkaufen, aus Südamerika. Dort stirbt der Regenwald. Trotzdem wird immer mehr Milch produziert. Die Subventionen fliessen. Die EU-Politiker in Brüssel sprechen viel Geld. Wohin bloss mit all der Milch und dem Milchpulver?

Nach China und Afrika. Eine Führung durch einen chinesischen Molkereibetrieb und chinesische Melkanlagen mutet an wie ein Science-Fiction-Film. Alles steril, entfremdet.

In Afrika das Gegenteil. Mit bescheidenen Mitteln kämpft ein Molkereibesitzer in Senegal gegen die Milchpulverschwemme aus Europa. Der Senegalese spricht Klartext: «Es sind auch die Söhne von Viehzüchtern, die aus dem Land fliehen.» Sie sind es, die beim Marsch durch die libysche Wüste oder später auf der Überfahrt auf dem Mittelmeer sterben, auf dem Weg nach Europa, von wo aus die afrikanische Milchwirtschaft mitzerstört wird.

Alternative: Bio

Doch es geht auch anders. Auf Biohöfen ticken die Uhren langsamer. Kühe fressen, was vor dem Stall wächst, aus dem Mist wird hochwertiger Dünger. Mit der Scheisse verdiene man bereits mehr Geld als mit der Milch, sagt ein Bauernpaar. Es stellt jetzt Biogas her.

Dann plötzlich geht es wieder um die Kannibalisierung des Sektors, Bauern, die sich aus Konkurrenzdruck gegenseitig den Krieg erklären. 600 französische Landwirte hätten sich letztes Jahr das Leben genommen. Am Ende steigt der Milchpreis doch noch um 2 Cent, und der Film ist zu Ende.

Ein abruptes Ende für einen ansonsten ausgezeichnet aufgebauten Film. Pichler springt gelungen zwischen den Schauplätzen hin und her. Vom Südtiroler Biohof in die anonyme Konzernzentrale, vom dänischen Grossbetrieb in die senegalesische Kleinmolkerei. Der globale Bogen, der am Anfang aufgespannt wurde, wird bis zum Schluss aufrechterhalten. Die Zusammenhänge, die dabei aufgezeigt werden, sind erhellend, die Konsequenzen für Mensch, Tier und Umwelt schauerlich.

Ruhig, aber bestimmt

Doch schafft es der Autor, Informationen ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln. Er habe sich nie gefragt, weshalb Kühe Milch geben. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass die Tiere dafür immer schwanger sein müssen. Damit erhebt er sich nicht über den Zuschauer.

Dass der stimmige Film unelegant endet, könnte daran liegen, dass die Originalfassung 90 Minuten dauert, SRF aber eine 50-minütige Version ausgestrahlt hat. Schade, denn «Das System Milch» vermag einen problemlos über eine Stunde in seinen Bann zu ziehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2018, 14:15 Uhr

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Der Film


Bild: Tiberius Film GmbH

«Das System Milch» von Andreas Pichler kann man auf SRF online schauen (in einer gekürzten Fassung). Hier der Link zum Film.

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