Krawall und Kawaii!

Christine Haruka zog kurz vor der Matura allein von Zürich nach Tokio. Jetzt schauen ihr Millionen Japaner zu, wenn sie im TV Witze reisst.

«Schau mal, diese Muskeln!»: Harukas erster Auftritt im japanischen TV. Quelle: Youtube


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Aus aschgrau wird jetzt grellbunt, und seien Sie willkommen in der chaotischen Welt der Christine Haruka: Überall im TV-Studio blinken Lichter, und ständig klingelt irgendwas, alle Gäste schwatzen durcheinander. Mittendrin steht Haruka und zählt auf Deutsch bis zwölf: «Eiiins, zwäiiiii…» Bei jeder Zahl verzieht sie ihr Gesicht zur Grimasse, alle im Studio kringeln sich vor Lachen.

Plötzlich brüllt Haruka: «Schau mal, diese Muskeln!», und spannt ihren Bizeps. Jetzt kann hier keiner mehr, Schnappatmung und Bauchkrämpfe überall. Dann vollführt Haruka einen Knicks und bedankt sich sehr artig beim Publikum: «Arigatou gozaimasu.»

Sie lacht leise und kurz

Kein Zweifel, Haruka ist gross in Japan. Fast täglich ist die gebürtige Zürcherin im TV zu sehen oder im Radio zu hören, auf staatlichen und auf privaten Stationen. Die Spezialität der 22-Jährigen ist das Format der «Variety Show», in dem sich Comedy-Sketches, Quizfragen, Action-Stunts und Musikauftritte wild abwechseln. Millionen Japaner verfolgen Harukas krawalliges Jekyll-und-Hyde-Spiel: Erst gibt sie die kultivierte Europäerin – häufig in Schweizer Tracht oder im bayrischen Dirndl –, und in der nächsten Sekunde verwandelt sie sich in eine schreiende Berserkerin.

Dass sie ausserdem gerne ältere Komödianten veräppelt, macht sie noch beliebter. Haruka wohnt heute in Shinjuku, einem geschäftigen und edlen Viertel im Zentrum Tokios. «Ja, Geld verdiene ich für mein Alter sicher mehr als genug», sagt sie am Telefon. Sie lacht leise und kurz.

Sie wollte ihre Wurzeln entdecken

Haruka hat eine Schweizer Mutter und einen japanischen Vater, die in Zürich leben. Ihren ersten Tokiobesuch mit 9 Jahren hat sie als überwältigendes Erlebnis in Erinnerung. Als Teenager sei der Wunsch immer drängender geworden, zurückzukehren. «Ich wollte nebst meinen schweizerischen endlich auch meine japanischen Wurzeln kennen lernen», sagt sie. «An jedem Abendessen habe ich gequengelt, dass ich wieder nach Tokio reisen wolle.» Ihre Freizeit verbrachte Haruka vor allem damit, per Satellit japanische Shows zu schauen. Sie habe sich damals in Zürich als Aussenseiterin gefühlt, sagt sie.

2009 wars so weit, die Eltern gaben nach. Haruka, die damals noch das Literargymnasium am Rämibühl besuchte und ein Jahr vor der Matura stand, zog von Zürich nach Tokio. Die Eltern organisierten ihr einen Schulplatz und eine kleine Wohnung, in der sie für die Aufnahmeprüfung einer Uni in Tokio lernte. Haruka wollte Journalismus studieren.

Auch wenn sich das Leben in der Hauptstadt als weniger glamourös erwies als erträumt, war Harukas Faszination fürs japanische TV ungebrochen. Und so habe sie sich halt irgendwann angemeldet für eine der in Tokio verstreuten Vorsprechbühnen, sagt sie. «Zufälligerweise» habe sie bald eine Agentur unter Vertrag genommen. Und so trat die junge Japanschweizerin in das sehr merkwürdige Showbusiness des Inselstaats ein.

Der Jubelschrei Hundertausender

Der amerikanischen Besatzung und einer boomenden Wirtschaft wegen entwickelte sich Japans Unterhaltungsindustrie nach 1945 zu einer komplexen Marketingmaschine, in der Inhalt und künstlerische Vision je länger, je nebensächlicher wurden.

«Kawaii» heisst heute das Zauberwort. «Kawaii» kann mit «Niedlichkeit» übersetzt werden; es ist der Jubelschrei Hunderttausender junger Mädchen in Schuluniformen und steht für eine Weltsicht, die nach allem Jungen, Hübschen und Heiteren strebt. Ihre wichtigsten Repräsentanten sind die sogenannten Idole – junge, hübsche, heitere Menschen, die moderieren, schauspielern, singen, tanzen oder wie Haruka Witze reissen. Ausfindig gemacht und vermarktet werden die Idole von Agenturen, die in den Grossstädten standardisierte Castings veranstalten. Von der grössten dieser Agenturen, Horipro, wurde 2011 auch Christine Haruka geprüft und ausgewählt.

Erfolgreiche Idole verbringen viel Zeit damit, Konsumartikel zu bewerben. Und so werden sie heute nicht mehr reich mit Alben oder Filmen, sondern als Botschafter potenter Marken. Durch ihre Präsenz in den Medien, auf Etiketten und auf T-Shirts, auf Plakaten und auf grossen Video-Screens an den wichtigen Kreuzungen sind sie tagtägliche Begleiter des Durchschnittsjapaners.

Den Skandal gut überlebt

Politische Aussagen von Idolen sind sehr ungewöhnlich und deswegen heikel, wie auch Haruka erfahren musste. Nachdem sie bereits für Diskussionen gesorgt hatte mit einem Büchlein, das die Japaner zu mehr politischem Engagement auffordert, provozierte sie in einem TV-Interview im Dezember 2013 einen echten Skandal. Haruka hatte erklärt, der Besuch des Yasukuni-Schreins durch Premier Abe könne Ausländern wie ein Besuch am Todesort Hitlers erscheinen. Die Possenreisserin wurde so innert Sekunden zum Hassobjekt der Rechtskonservativen, deren Zorn sich in den Onlineforen entlud. Seither bewilligt Harukas Managerin Interviews nur mit der Auflage, dass nicht über Politik gesprochen werden dürfe.

Die öffentlichen Attacken hätten wohl für die meisten anderen Idole das berufliche Aus bedeutet, wie weit geringere Verstösse gegen Japans rigide gesellschaftliche Normen zeigten (den Mitgliedern der sehr populären Girl-Group AKB48 etwa sind Liebesbeziehungen mittlerweile vertraglich verboten). Nicht so für Haruka, die mit ihren Attributen exotisch und kultiviert, hübsch und kess eine goldige Nische im japanischen Unterhaltungsuniversum zu besetzen scheint. Als bisher prominentester Job konnte sie jüngst eine Moderatorenstelle im staatlichen Fernsehen NHK ergattern: In «Kool Kabuki» erklärt sie Laien das traditionelle japanische Theater.

Arbeit von Montag bis Sonntag

Sie würde gerne mal wieder in die Schweiz reisen, sagt Haruka. Aber seit ihrem Flug nach Tokio vor fünf Jahren komme sie einfach nicht dazu, zu turbulent sei ihr Leben und so voller Arbeit. «Momentan arbeite ich von Montag bis Sonntag.» Das sei wohl der grösste Unterschied zwischen Japanern und Schweizern, sagt sie nachdenklich: dass Schweizer Ferien bräuchten.

Doch dann wird Haruka aus den Gedanken gerissen vom schrillenden Alarm eines Weckers, mit dem sie die Länge des Interviews exakt terminiert hat. Als Nächstes steht eine Moderation in einem Shoppingcenter an. Es ist jetzt halb zehn Uhr abends in Tokio. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2014, 19:23 Uhr

Etablierte sich rasch in der japanischen Showszene: Christine Haruka. (Bild: PD)

Video

«Verstehen Sie Spass?» auf Japanisch: Haruka wird von einer Dino-Attrappe überrascht. Quelle: Youtube

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