Lebendige Tote

Der Dokumentarfilm «Winna – Weg der Seelen» machte sich im Oberwallis auf die Suche nach Verstorbenen, die manchmal lebhafter sind, als einem lieb ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manche Dinge sind nicht immer ganz einfach zu verstehen. Beim Dokumentarfilm «Winna – Weg der Seelen», der gestern im Schweizer Fernsehen lief, sind es gleich zwei davon: erstens der Inhalt. Es geht um Seelen von Verstorbenen, die mal still in Prozessionen über einen Friedhof, Berggrat oder Gletscher durch die Nacht wandeln oder sich bemerkbar zu machen versuchen, beispielsweise durch Klopfen, Gepolter oder Betätigung von Lichtschaltern.

Der Glaube, dass manche Verstorbene beim Tod nicht für immer verschwinden, sondern manchmal noch eine ganze Weile unter uns weilen, besonders, wenn sie noch etwas zu büssen haben, ist bei vielen Menschen im katholischen Oberwallis noch heute stark verankert. Einige von ihnen versuchen im Film der Walliser Regisseurin und Psychotherapeutin Fabienne Mathier, das Unbegreifliche in Worte zu fassen. Und damit wären wir bei der zweiten Sache, die nicht immer ganz einfach zu verstehen ist: das Walliserdeutsch, das bei manchen der älteren Protagonisten im Film so urtümlich war, dass man selbst als Walliserdeutschprofi gut hinhören musste. Zumindest dieses Verständnisproblem wurde jedoch gelöst – dank hochdeutschen Untertiteln.

Sagen waren wie TV-Serien

Früher, als es noch keinen Fernseher und kein Radio gab, waren Sagen quasi die TV-Serien von heute. Am Abend trafen sich die Menschen zum «Abusitz» und erzählten einander die abenteuerlichsten Geschichten, am liebsten von Verstorbenen. Zu jener Zeit verliess niemand zwischen Mitternacht und ein Uhr freiwillig das Haus, niemand wollte schliesslich versehentlich in einen Gratzug, also die Prozession aus Seelen in Leichengewändern, geraten und sich eine «Winna» einholen, also eine Berührung mit einem verstorbenen Wesen, die im besten Fall kurzzeitig für dicke «Cervelat-Lippen» sorgt und im schlechtesten Fall zum eigenen Ableben innert vierzehn Tagen.

Dies erzählte einer der Oberwalliser, die Fabienne Mathier für «Winna» vor die Kamera geholt hat. Einige berichteten von Geschichten, die ihnen ihre Grossväter überliefert hatten, andere von eigenen Erlebnissen. Eine der Protagonistinnen hatte es an ihrer Tür klopfen gehört, als ihr Vater viele Kilometer entfernt unerwartet starb, und nimmt seither regelmässig Zeichen wahr von anderen frisch Verstorbenen. Eine andere Frau berichtete verschmitzt, sie habe einst mithilfe ihres verstorbenen Mannes einen Holzofen verschoben, und eine dritte berichtete von einem plötzlichen Schmerz in ihrer Schulter, genau dann, als ihr Sohn in den Bergen abstürzte. Dieser macht sich noch heute bemerkbar, indem er gelegentlich Lampen im Daheim der Eltern anknipst.

Am Laptop kommen keine arme Seelen vorbei

Alle Oberwalliser im Film sprachen in einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Dies war erstaunlich, da allesamt nicht Typ Esoteriker waren, sondern eher Typ Mensch, der solche Erlebnisse normalerweise lieber für sich behält, um nicht als Spinner abgestempelt zu werden. Gratzüge wurden aber schon lange keine mehr gesehen. Heute hätten viele Menschen nicht mehr dieselbe Beziehung zur Natur wie früher, entsprechend fehle der Bezug zu solchen Erfahrungen. «Im Laptop oder am Computer kommt kein Gratzug vorbei», sagte die eine Witwe schmunzelnd, bei der es nachts gelegentlich poltert.

Überhaupt ist «Winna» trotz des Todesthemas ein Film mit vergnüglichen Passagen. Wenn etwa Conny Giammarresi, die seit ihrem vierten Lebensjahr Seelen sieht, erzählt, dass sie oft grinsen müsse, wenn ihr etwa wie gerade vorhin die Seele eines alten Mannes aufmunternd zuzwinkere und sie zurückzwinkere, im Wissen, dass sie vielleicht jemand dabei beobachte. Oder wenn die Mutter des verunglückten Bergsteigers strahlend berichtet, ihr verstorbener Schwager hätte ihr via Medium Komplimente gemacht. Oder wenn die Witwe, in deren Wohnung es poltert und deren Bett sich manchmal so anfühle, als ob jemand drinliege, sich beschwert: «Wenn ich schon niemanden neben mir im Bett haben will, den man sehen kann, dann brauche ich sonst keinen.»

Mehr Kinozuschauer als «Hunger Games»

Solche Erzählungen vermochten zu unterhalten und die seltenen Längen im Film zu verzeihen. Bei den Oberwallisern kam «Winna» gar so gut an, dass er im Briger Kino laut Mathier der Kassenschlager des Jahres 2014 wurde und selbst erfolgreiche Hollywoodstreifen à la «The Hunger Games» hinter sich liess. Wer schon mal bei flackerndem Kerzenschein alten Sagen gelauscht hat, weiss, dass Geschichten über den Tod und die Seelen von Verstorbenen manchmal mehr fesseln als ein Actionstreifen mit Millionenbudget.

«Winna» gibt einen faszinierenden Einblick in eine Welt, in der man nicht immer alles versteht. Aber das ist auch nicht nötig. «Es ist wichtig, dass jeder das glaubt, was für ihn stimmt», sagte Giammarresi. Das war kurz vor Ende des Films, als beim Interview mit der Mutter des abgestürzten Bergsteigers, der gerne mit dem Lichtschalter spielt, plötzlich das Licht des Kameramanns ausging. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2015, 09:45 Uhr

Infobox

«Winna» wurde am Sonntag, 8. November um 10 Uhr in der «Sternstunde Religion» erstmals ausgestrahlt und ist noch diese Woche auf der SRF-Website zu sehen.

Artikel zum Thema

Die Königsdisziplinen der Esoterik

Hugo Stamm Lichtarbeit und Channeling heissen Methoden, die zu Erleuchtung führen sollen. Kaum überraschend: Der Aufstieg in die kosmischen Sphären geht nicht ohne Sex. Zum Blog

Esoterik als Ersatzdroge

Hugo Stamm Rückführungen, Reiki, Kraftorte und Engel-Channeling: Die Esoterikbranche boomt. Spirituelle Heilslehren haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant ausgebreitet. Wie kam es dazu? Zum Blog

Tourismus heisst Esoterik

Glosse Früher lagen in Schweizer Hotels Bibeln in der Nachttischschublade. Heute immer öfter Ratgeberbücher. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bildung gegen die Macht der Maras

In den grösseren Städten El Salvadors kontrollieren Gangs, die sogenannten Maras, ganze Quartiere. Die Banden nutzen die tristen Zustände im Land, um Kinder und Jugendliche zu rekrutieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...