Lustige Terroristin

Lara Stoll dreht zur Zeit ­anarchistische Videos. Sie trainiere sich gerade an, grösser zu denken, sagt sie.

Die Satiriker Lara Stoll und Cyrill Oberholzer sind die Schweizer Terrorzelle Suisis. Teil 1 der Video-Satire.

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In der Lounge der Marsbar hockt die wortmächtige Lara Stoll ganz still im Sofa versunken, den Kopf hat sie zurückgelehnt, neben ihr sitzt ihr Freund Cyrill Oberholzer. Über ihren giftgrünen Turnschuhen blitzen getigerte Socken hervor, dazu trägt Stoll ein langes schwarzes Kleid und schwarze Strümpfe.

So sieht es aus, wenn sich die 28-Jährige an einem frühen Abend unter der Woche in der Bar entspannt, die nur ­wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt liegt. «Jetzt habe ich wieder etwas Freizeit», sagt sie, nachdem sie von der Zigarettenpause zurückkehrt. Eben hat sie ihr Bachelorstudium Film und Regie an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen. Stoll bestellt ein Panaché und setzt sich wieder aufs Sofa. Oberholzer streckt noch kurz den Kopf hinein und verabschiedet sich.

Mit dem Traktor zum EM-Sieg

Die gebürtige Thurgauerin, die mit 20 nach Winterthur zog und jetzt in Zürich an der Langstrasse wohnt, dürfte der Schweiz vor allem als Slampoetin bekannt sein: Sie gewann 2010 die erste Schweizer Meisterschaft in Slam-Poetry. Im gleichen Jahr entschied sie mit dem Text «Weshalb ich manchmal gerne ein John-Deere-Traktor 7810 wäre!» die ersten Europameisterschaften für sich. Sie trat mehrere Male in der Show von Viktor Giacobbo und Mike Müller auf. 2011 gewann sie den Thurgauer Kulturpreis «für ihre unermüdliche Energie und ihr literarisches Talent», mit denen sie «neue Impulse in die Literatur- und Kabarettszene» bringe. 2013 erhielt sie den Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz für ihre literarische Arbeit.

Zwischen 22 und 24 lebte Stoll ausschliesslich von ihren Slam-Auftritten. Seit bald zehn Jahren schreibt sie Slam-Poetry-Texte. Das Interesse an ihren Beiträgen reisse nach wie vor nicht ab, sagt Stoll, auch wenn sie inzwischen etwas kürzertrete und nur noch ein- bis zweimal pro Woche auf der Bühne stehe. Das ständige Reisen habe sie müde gemacht. Und allmählich habe sie sich gelangweilt, weil sie mit dem «Texte schreiben und anschliessend vortragen» an die Grenzen des Formats Slam-Poetry gestossen sei. Um diese aufzubrechen und sich «anderen Künsten gegenüber zu öffnen», nimmt Stoll hin und wieder ihre Gitarre an ihre Auftritte mit. Irgendwann mal wolle sie eine Punkband gründen, in der sie auch singe. Sie könne nicht gut singen, aber: «Ich machs einfach. Wichtig ist allein, selbstsicher aufzutreten und es mit Eiern zu tun.»

Stoll spricht ausgesprochen höflich und unaufgeregt, manchmal sogar scheu. Aber immer dann, wenn sie eine Pointe setzt, schnellt wie zur Unterstreichung ihr rechter Arm hervor, angewinkelt, unter Spannung. Dann wird auch ihre Stimme etwas tiefer und kräftiger. Etwa wenn sie sagt, man lebe schliesslich nur einmal – «yolo», fügt sie sarkastisch an.

Abstimmungs-Sabotage: Die zweite Folge der Satireserie «Langweilige Terroristen».

Satireshow fürs Sportfernsehen

Als Stoll zwei ihrer Slam-Poetry-Texte verfilmte, merkte sie, dass ihr das Filmen gefiel. Sie bewarb sich kurzerhand für den Studiengang Film in Zürich. Sie genoss, dass sie eigentlich nichts vom Filmen wusste und ganz bei null anfangen musste. In die gleiche Klasse ging Oberholzer. Die beiden wurden ein Paar, arbeiten auch in ihrer Freizeit an Projekten und «hängen ständig miteinander rum». Zusammen mit Dominik Wolfinger haben Stoll und Oberholzer die Satire­show «Bild mit Ton» auf die Beine gestellt. Das Winterthurer Sportszene-Fernsehen SSF belieferten sie mit Videos, deren Titel beispielsweise so lauten: «Das ultratolerante Schwingfest 3000. Wichtige Info: Es ist, was es ist» oder «Das Haus, in dem man LSD konsumierte. Wichtige Info: Der Schluss ist das Beste». Die einzelnen Folgen dauern im Schnitt 50 Minuten und sind eigentliche Filme. In der Folge «Fritzliwitz» der zweiten Staffel wird über 50-mal die gleiche Ausgangssituation gezeigt: Ein kleinwüchsiger Mann und eine knapp bekleidete Frau sitzen in einem Restaurant, wo sie ein tamilischer Kellner bedient. Dann fliegt dem Gast eine Fliege in die Suppe. 52-mal wird die Szene anders und immer extremer ausgestaltet: Der Mann verwandelt sich in einen deutschen übergewichtigen Juden, die Frau wird zur Behinderten, die sich nicht mehr artikulieren kann und bei Tisch selbst befriedigt, während sie ihre Beine epiliert. Stoll nimmt sich die Freiheit, über jeden und jede Witze zu machen.

Null Privatsphäre

Bei der ersten Staffel von «Bild mit Ton» orientierten sich Stoll, Oberholzer und Wolfinger an Vorbildern wie Loriot, Monty Python und Charlie Chaplin. Für die Folgestaffel, die sie Anfang Jahr fertig produziert haben, wollten sie etwas anderes ausprobieren, weil sie das Feld bereits ausgelotet sahen. Nachdem sie den Sender während sieben Monate vertröstet hatten, setzte dieser eine Deadline für die zweite Staffel.

Null Privatsphäre, maximaler Druck: Monatelang verharrten die drei im vergangenen Jahr in Stolls Wohnung, die gleichzeitig die Produktionsstätte war. Teilweise kreuzten über 30 Leute auf, um eine einzige Episode fertigzustellen. Tag und Nacht schrieben Stoll, Oberholzer und Wolfinger nun ihre Scripts, drehten einzelne Szenen und liessen Schauspieler ihre Texte sprechen, die dann über die Filmausschnitte gespielt wurden. Sie schliefen und assen kaum, tranken viel Bier und Schnaps. Sie stritten sich, weil sie keine Zeit mehr gehabt hätten, anständig miteinander zu kommunizieren. «Es war das Geilste und Schlimmste zugleich, das ich je in meinem Leben gemacht habe», sagt Stoll. Rückblickend sei das eine «punky» Zeit gewesen.

Stoll wäre nicht Stoll, wenn sie sich nun ausruhen würde. Ihr neuestes Projekt «Langweilige Terroristen» produziert sie zusammen mit Oberholzer für Tagesanzeiger.ch in einer sechsteiligen Videoserie. Die beiden sind dort als Terroristen der Suisis zu sehen, die in der Schweiz Anschläge zu verüben versuchen. «Man sollte sich die Ziele viel zu hoch stecken», findet Stoll. Sie wolle so weit gehen, bis sie ihre Grenzen finde und anstehe. «In dieser kleinen Schweiz haben immer alle Angst, dass jemandem etwas nicht passen könnte.» Sie orientiert sich an Charlie Chaplin, der Filme für die ganze Welt gemacht habe. Stoll sagt, dass sie sich gerade antrainiere, grösser zu denken. Da wird ihre Stimme wieder tiefer, und der gespannte Arm schnellt von unten hoch.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.06.2015, 22:37 Uhr)

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