TV-Kritik

«Machen Sie doch einen Zaun um die Schweiz»

In der deutschen Talkshow «Anne Will» hat Christoph Mörgeli den Botschafter der Schweiz gegeben. Dem Image des Landes tat er mit seinem Auftritt keinen Gefallen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweizer Woche im deutschen Fernsehen geht in die zweite Runde: Nachdem Roger Köppel den Zuschauern im Nachbarland bereits die direkte Demokratie nahegebracht hatte, übernahmen gestern Christoph Mörgeli und NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann in der Polit-Talkshow «Anne Will» diesen Auftrag (hier geht es zur Sendung). Die Sendung trug zwar den verheissungsvollen Titel «Schweizer machen die Schotten dicht – Aufschwung für Rechtspopulisten?». Eine Antwort auf die Frage gab es allerdings nicht – dafür war die Gesprächsrunde emotional überladen und auch Klischees durften nicht fehlen. Nicht zuletzt weil etwa ein Einspielfilm über die Zuwanderungsinitiative die Schweiz auf Alpen und Uhren reduzierte.

Dabei war der Anfang der Sendung durchaus vielversprechend. «Ohne Ausländer wäre Ihre Nationalmannschaft nur noch vier Mann stark. Das wär ja nichts, Herr Mörgeli?» lautete die erste Frage von Moderatorin Anne Will. «Wir lieben unsere Fussballer», konterte der Nationalrat – gefolgt von einem perfekt einstudierten, aber wenig überzeugenden Versuch, das Schweizer Ja zur Zuwanderungsinitiative zu rechtfertigen und den Willen des Volkes zu bekräftigen. Bereits an diesem Punkt schien die Richtung klar, fast wünschte man sich, Roger Köppel möge auch auf dieser Bühne auftreten.

Möglicherweise verfolgte den SVP-Politiker aber einfach nur das Pech: In den Diskussionen mit den anderen Gesprächsteilnehmern konnte er nur verlieren – und auch das Publikum hatte er meist nicht auf seiner Seite. Gelächter bescherte ihm etwa der Hinweis, die Personenfreizügigkeit hätte zu mehr Kriminalität und höheren Preisen bei den Hausratsversicherungen geführt. Für seine Kritik an der EU und die Anmerkung, dort hätte man ähnlich abgestimmt, bekam Mörgeli zwar Applaus. Aber als er Luxemburgs Aussenminister Jean Asselborn einen «Funktionär» nannte, brachte ihm das kaum Sympathiepunkte.

Nur ein Entwurf

Glücklicherweise werden die beiden Politiker in naher Zukunft sowieso keine Freunde. Asselborn wurde nicht müde, die Personenfreizügigkeit als oberste Tugend der Europäischen Union zu loben und deren Vorzüge für die Schweiz zu betonen. Lobende Worte fand er auch für den hohen Ausländeranteil seines Landes. «45 Prozent – ohne sie würden wir gar nicht mehr existieren.» Als der Umgangston zunehmend rauer wurde, platzte ihm offenbar der Kragen. «Machen Sie doch einen Zaun um die Schweiz und leben Sie in Ruhe», war schliesslich der Vorschlag an den Nationalrat, einen «liebevollen Aufwiegler», wie er ihn nannte. Es lohne sich nicht, mit ihm «Zeit zu verlieren», war schliesslich das Fazit des Luxemburgers – ein Satz, der auch das Fazit der gesamten Sendung sein könnte.

Verliererin des Abends war aber auch Frauke Petry von der eurokritischen Partei Alternative für Deutschland (AFD). Unbeholfen hielt sie den bohrenden Fragen der Moderatorin nicht stand, ihre Aussagen blieben stets schwammig. Als eine Passage aus dem Parteiprogramm eingeblendet wurde, in der es um die Rückkehr von EU-Bürgern «ohne ausreichendes Einkommen »in ihre Heimat ging, gelang es Petry nicht, zu entkräften. Es sei nur ein «Entwurf», bemühte sich die Parteisprecherin zu erklären. Doch da hatte man sich schon ein Bild gemacht. Dass AFD-Parteichef Bernd Lucke es besser kann, hatte er am Montag noch in der Sendung «Hart, aber fair» zum gleichen Thema bewiesen.

Seine Partei wünschte sich nach dem heutigen Abend sicher, er hätte die euroskeptische Position auch diesmal vertreten. Auch, weil Christoph Mörgeli die Unterstützung aus dem rechten Lager offenbar gut gebrauchen konnte. Zu einfach gelang es Anne Will, den Nationalrat in die ideologische Ecke zu treiben. Mörgeli fand unterdessen lobende Worte für die SVP-Abstimmungsplakate und betonte die Notwendigkeit von Landesgrenzen als Definitionspunkt. Sonst löse sich die Schweiz auf «wie ein Stück Zucker im Tee». Der Schublade, in der er zu diesem Zeitpunkt schon lange steckte, konnte er nicht mehr entkommen.

«Es gibt auch eine andere Schweiz»

Die Debatte kam unterdessen nicht vom Fleck. Bis das eigentliche Thema der Sendung – die Folgen der Initiative für Europas Rechtspopulisten – angesprochen wurde, war bereits knapp eine Stunde vergangen. Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, das linke Gewissen der Sendung, gab sich redlich Mühe, die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken. Extremismus sei unter denjenigen verbreitet, die als soziale Gruppe keine Perspektive hätten, lieferte die studierte Politologin wissenschaftliche Thesen zu später Stunde. Die Stadt-Land-Schere bei der Abstimmung wurde von ihr mit dem Einwurf kommentiert, der Antisemitismus sei schliesslich dort am höchsten, wo es keine Juden gebe.

Ob die deutschen Zuschauer nach dieser Debatte die Entscheidung von Sonntag eher nachvollziehen können, ist fraglich – taugte Christoph Mörgeli doch nur bedingt als Erklärer der direkten Demokratie. NZZ-Chefredaktor Spillmann, der stellenweise leider etwas blass blieb, schaffte es aber mit seiner unaufgeregt sachlichen Haltung, ein differenzierteres Bild zu zeichnen. «Es gibt auch eine andere Schweiz, die nicht von Herrn Mörgeli repräsentiert wird», erklärte der Journalist. Was vielleicht auf den ersten Blick banal klingt, war an diesem Abend ein überaus wichtiger Satz. Denn die Rollen schienen sonst nur allzu klar verteilt.

Erstellt: 13.02.2014, 08:28 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Hart, aber direktdemokratisch

Analyse Dieses Mal hatte Roger Köppel in der Sendung «Hart, aber fair» die besseren Argumente. Scharf und zu Recht wies er die Hoheitsansprüche deutscher Politiker zurück. Mehr...

Köppels Auftritte in Deutschland sorgen für Ärger

Die Aussenpolitiker des Nationalrats haben erstmals über die Folgen des SVP-Siegs diskutiert. Zu reden gab Roger Köppels Präsenz im deutschen TV. Mehr...

TV-Kritik: Mittendrin statt dabei

TV-Kritik Die Mittelklasse ist, das zeigt das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, verunsichert. Wieso eigentlich? Der «Club» suchte nach Antworten und Heilmitteln. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...