Hintergrund

«Mein Favorit ist Fijrhüssgänterli»

Radio SRF 1 beschäftigt sich in zwei neuen Sendungen mit der Mundart. Wieso der Dialekt im Trend ist, erklärt SRF-Mundartexperte Markus Gasser.

«Beat, chumm»: Live-Kommentar vom Lauberhorn von Matthias Hüppi und Bernhard Russi.


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Mundart liege im Trend, heisst es bei Ihnen auf der Website. Was sind die Gründe dafür?
Die Mundart hat sich in den letzten Jahren in der alltäglichen Schriftlichkeit eingenistet, beispielsweise in Mails, Foren, SMS, Chats etc. Die Mundartkultur in Literatur, Slam Poetry, Spoken-Word und Musik boomt wie nie. Die Mundart steht für Regionalität und markiert so auch einen Gegentrend zur Globalisierung.

Birgt der Mundart-Boom die Gefahr einer kulturellen Provinzialisierung?
Nein. Hochdeutsch und Englisch, hoffentlich weiterhin auch Französisch, gehören zu unserer Grundausstattung – und damit meine ich nicht literaturtaugliche Sprech- und Schreibkompetenz, sondern Kommunikationskompetenz. Nicht zu sprechen von den Muttersprachen der Zuwanderer. Wir sind alle Global Players, da ändert Mundart als unsere Verkehrssprache wenig daran.

Wen wollen Sie mit den neuen Mundartsendungen erreichen?
Das Tagespublikum von Radio SRF 1, Menschen, die das Radio als Begleitmedium nutzen und Zeit für einen kurzen Sprachbeitrag, nicht aber für eine Hintergrundsendung haben. Aber auch sprachlich interessierte, jüngere Menschen.

Haben Sie das Gefühl, dass Mundart für junge Leute wichtiger ist als früher?
Als gesprochene Sprache: nein. Mundart ist die Umgangssprache in der Deutschschweiz und somit immer noch gleich wichtig wie früher. Als geschriebene Sprache: ja. Mundart in der Schriftlichkeit ist gleich frei wie in der Mündlichkeit. Es gibt keine Normen, keine Sanktionen, die einzige Begrenzung ist die Grenze zur Unverständlichkeit. Das lässt viel Freiraum, und der wird ausgenutzt.

Was halten Sie von der Verschriftlichung von Mundart? Sollte dies auf Social Media beschränkt sein – oder sehen Sie auch andere Einsatzgebiete?
Viel. Das vornehmste Einsatzgebiet verschriftlichter Mundart ist die Mundartliteratur. Sachtexte sehe ich nicht zwingend in Mundart formuliert, da wird man die Anlehnung an das Hochdeutsche auch kaum los. Aber alle Arten von künstlerisch-literarischen Texten, auch von Gebrauchstexten wie Notizen, dürfen durchaus Mundart sein.

Hat diese Verschriftlichung eine Verkümmerung des Hochdeutschen zur Folge?
Das ist bisher nicht nachgewiesen, soviel ich weiss. Genauso, wie es bisher keine gesicherten Erkenntnisse darüber gibt, dass Hochdeutsch im Kindergarten die Standardkompetenz erhöht. Die Rechtschreibkompetenz scheint abzunehmen – aber das hat komplexe Gründe, unter anderem die Individualisierung insgesamt seit den 68er-Jahren: Das Verweigern und die abnehmende Relevanz von Normen. Es braucht keine perfekte Rechtschreibung mehr, um Karriere machen zu können. Individualität, Kreativität, flache Hierarchien haben heute einen höheren Stellenwert als mechanisches Beherrschen von Regeln.

Wenn ein Moderator bei Ihnen Mundart spricht, hat er dann den Text eigentlich in Mundart niedergeschrieben vor sich?
Das machen nicht alle gleich. Grundsätzlich wird das Gesprochene vorher verschriftlicht, sei es in Stichworten oder ausformuliert.

Auf Radio SRF 2 hält man durchs Band am Hochdeutschen fest. Wieso? Ist es nicht etwas elitär, wenn Schweizer untereinander Hochdeutsch sprechen?
Für mich als Mundartexperte wirkt dies nicht elitär. Denn Hochdeutsch an sich ist nicht elitär, sondern die Sprache, die uns mit dem gesamten deutschen Kulturraum verbindet.

Auch die Skirennen sind auf SRF auf Hochdeutsch gehalten. Wie finden Sie das?
Ich bin es gewohnt. Aber der Bernhard Russi darf ja immer Mundart reden. Und das wiederum finde ich bemerkenswert: dass Mundart und Hochdeutsch nebeneinander stehen können. Ein wunderbares Bild für unsere mehrsprachige Realität.

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Was ist unter den Mundartwörtern Ihr absoluter Dialektfavorit?
Aus dem Gurinertitsch: Va Höt cheni = von Haupt kennen = auswendig kennen. Und Fijrhüssgänterli = Feuerhauskästchen = Chuchichäschtli. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.05.2015, 10:41 Uhr

Markus Gasser ist SRF-Mundartexperte. Der 49-jährige Sprachwissenschaftler arbeitete bis vor drei Jahren als Dialektologe und Flurnamenspezialist an der Universität Basel.

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