TV-Kritik

Nebenjob Callboy

Was bewegt einen Mann dazu, sich zu prostituieren? Ein SRF-Dokfilm kommt zu ganz unterschiedlichen Antworten.

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Es gibt frisch aus dem Internet beziehbar den Andi «für Frau und Mann», Nikolaj («jung und neu») oder Kevin («sehr attraktiver Schweiz-Asiat»). Es gibt auch Mystery, Mailo, Gigi oder Dallas, und über Dallas schreibt eine zufriedene Kundin auf Callboy-schweiz.ch: «Ohne Worte ging er voll auf meinen Körper ein und gab mir genau das, was ich brauchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das noch besser geht, und ich konnte seinen starken Körper voll geniessen.»

Finanziell lohnt sich so ein Callboy-Dasein. Bei Callboy-schweiz.ch ist es üblich, dass die erste Stunde 250 Franken und drei Stunden 600 Franken kosten; beim Escortservice Belle-donne.ch, der Damen wie Herren anbietet, kostet eine Stunde sogar zwischen 400 und 500 Franken. Dallas (37) ist Callboy, weil er sich und seiner Frau gelegentlich etwas Besonderes ermöglichen will, zum Beispiel, in der Businessclass nach Amerika zu fliegen. Es muss ja nicht alles Economy sein.

Verdrängung? Selbstschutz?

Von der «économie de l'amour» spricht der Genfer Alexandre (52), der Lehrer an einer Hotelfachschule ist. Er hat sich für ein Leben als Callboy entschieden, weil er sich vor der Liebe an sich fürchtet. Vor der Abhängigkeit, der Enttäuschung, dem Schmerz. Er will Frauen, gerne viele, er falle auch fast bei jeder in einen Verliebtheitsrausch. Aber er will auch, dass den Emotionen zwischen ihm und den Frauen klare Grenzen gesetzt sind. Und nichts ist so effizient ernüchternd wie ökonomische Grenzen. Der dritte Callboy, der in «Callboys – Männer für gewisse Stunden» Rede und Antwort steht, heisst Raul, ist 25 und kann (noch) nichts anderes. Nach der Matura war er Aufseher im Zürcher Museum Rietberg, eine Besucherin sprach ihn an, man trank Kaffee, er konnte wunderbar zuhören – und fand seine Berufung. Er nennt sich «Begleiter». Von Prostitution will er wie die anderen Callboys nicht sprechen, es sei schliesslich nicht er selbst, den er da verkaufe, sondern bloss eine «Dienstleistung». Verdrängung? Selbstschutz? Eine schlichte, sachliche Betrachtung seines Tuns? Wohl alles.

Hinter dem Film steht die Zürcher Produzentin und Regisseurin Gabriele Köstler-Kull. Sie hat den Alltag der heterosexuellen männlichen Prostituierten, von denen es in der Schweiz noch nicht allzu viele gibt – Köstler-Kull schätzt, dass sie in die Hunderte gehen –, unvoreingenommen und einfühlsam für das Schweizer Fernsehen dokumentiert. Und sie hat mit Dallas, Alexandre und Raul drei redselige Exemplare gefunden, die sich nicht scheuen, vor die Kamera zu treten. Was besonders bei Dallas und seiner Ehefrau erstaunt. Ja, es sei nicht immer einfach, gibt Dallas zu, aber am schlimmsten wäre es, wenn seine Frau plötzlich selbst die Dienste eines Callboys in Anspruch nehmen würde, dann wüsste er: Etwas ist falsch in der Ehe.

Die Kundinnen aber traten nur verfremdet oder gar nicht vor die Kamera, viele Szenen mussten mit Schauspielerinnen nachgestellt werden; verständlich in einem Geschäft, in dem Diskretion das Gütesiegel des Dienstleisters ist. Ihre Geschichten haben sie trotzdem erzählt, und oft sind sie ein bisschen traurig. Denn die Bedeutung, welche die Frauen ihren Callboys zumessen, besonders den regelmässigen, die dürfte doch ungleich höher sein als umgekehrt. Es lassen sich da die Emotionen nicht so einfach mit der Ökonomie bezwingen.

Erstellt: 01.10.2013, 14:42 Uhr

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«Callboys – Männer für gewisse Stunden»: Donnerstag, 3. 10., 20.05 Uhr, SRF 1; 23. 10., 20.05 Uhr, 3sat.

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