Oma spricht Klartext

In der SRF-Webserie «True Talk» wird jede Woche jemand mit Vorurteilen konfrontiert. Mit der Schlagfertigkeit einer 93-Jährigen hat niemand gerechnet.

Frau Hof-Meier sagt ungeniert, was Sache ist. Video: SRF


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«Nein, wir haben unsere Kinder nicht von einer Samenbank», sagt die Frau aus der Folge «Lesbische Mutter», verneint, «dass lesbische Frauen zwischendurch mal einen richtigen Schwanz brauchen». Und: «Schlechte Erfahrungen mit Männern waren definitiv nicht der Grund dafür, dass ich jetzt mit einer Frau zusammenlebe.» Hätten wir das also geklärt.

In der SRF-Virus-Webserie «True Talk» sitzt in jeder Folge eine Frau oder ein Mann auf dem heissen Stuhl und muss rund zweieinhalb Minuten lang Vorurteile kontern, die ihnen und ihresgleichen ständig unterstellt werden.

Die Protagonisten werden jeweils per Einblender vorgestellt, damit man weiss, um wen es sich handelt, und fast jedes Mal klingen diese Einblender wie Schimpfwörter: alter Mensch. Schwarzer. Flüchtling. Polizist. Ein solcher versucht unter anderem zu verklickern, dass sie das beschlagnahmte Gras nicht jeweils selber rauchten, sondern an die nächste Stelle weiterleiteten. Und nein, das beschlagnahmte Gras werde auch dort nicht geraucht.

Nicht alles ist klein bei Kleinwüchsigen

Der 1,42-Meter-Mann aus der Folge «Kleinwüchsiger Mensch» erzählt, er werde immer mal wieder für einen Hobbit, einen Zwerg, einen Liliputaner oder einen Zirkusmitarbeiter gehalten. Alles falsch. In einem Puppenhaus wohne er ebenfalls nicht. Korrekt hingegen: Beim Geradeausschauen blicke er auf Décolletés. Aber: «Dass an einem Kleinwüchsigen alles klein sein soll, widerlegt nur schon mein Kopfumfang, der eine sogenannte 60er-Hutgrösse hat, also XL ist.»

Seit November läuft die Webserie von SRF Virus, jede Woche gibt es auf Facebook oder auf dem «True Talk»-Youtube-Kanal eine neue Folge zu sehen. Bislang hat die Serie noch keine hohen Wellen geschlagen, obwohl die Idee eigentlich bestechend ist, gerade in der heutigen Zeit, in der man sich allerhand an den Kopf wirft, besonders am virtuellen Stammtisch. Auch jenen, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen wie die meisten der Protagonisten. Sie sind bloss Veganerin, Kopftuchträgerin, HIV-positiv oder berühmt. Wie absurd die Vorwürfe und Vorurteile an sie zuweilen sind, führt einem «True Talk» vor Augen.

93-Jährige verhilft Serie zum Durchbruch

Ausgerechnet eine 93-Jährige – sie kommentiert Vorurteile gegenüber alten Menschen – verhilft der Jugendserie nun zum Durchbruch. Ihr Video hat mit Abstand am meisten Klicks. Sie schlägt sogar die grossbusige Blondine aus der Folge «Pornodarstellerin». Frau Hof-Meier sitzt mit schneeweisser Bluse und frisierten Haaren vor schwarzem Hintergrund und plaudert vif drauflos. Zu jedem Vorwurf hat die 93-Jährige etwas zu sagen. Zum Beispiel zu jenem, dass alte Menschen stinken. «Was? Alte Menschen stinken? Also ich verkehre mit Leuten, von denen ich annehme, dass sie sich waschen. Ich kann jedenfalls nicht sagen, dass sie stinken. Es hat ja mittlerweile in jeder Wohnung eine Dusche.»

«Es gibt ja auch hässliche Junge. Manchmal katastrophal hässliche.»Frau Hof-Meier

Sie habe Runzeln, aber die störten sie nicht. Sie sei sozusagen schön gealtert. «Und es gibt ja auch hässliche Junge. Manchmal katastrophal hässliche.» Zum Thema Sex sagt sie: «Ui, Sie, ich habe keinen Sex mehr. Oje, wenn ich jetzt noch Sex haben müsste. Ich habe kein Verlangen danach. Sonst wäre ich wohl ziemlich anspruchsvoll.»

Warum viele ältere Leute trotz Kindern einsam seien, erklärt Frau Hof-Meier so: Das liege daran, dass es vielen zu mühsam sei, sich mit älteren Menschen abzugeben, weil dies Arbeit bedeute. Übers Sterben spricht die 93-Jährige auch. Sie wünsche sich, dass jemand da sei, der ihr die Hand halte. Aber das könne man sich halt nicht aussuchen. Das könne ja ganz plötzlich passieren, und dann sei man mause.

Völkerverständigung in zwei Minuten

Auch wenn die knapp zweieinhalb Minuten pro Folge viel zu kurz sind für Tiefgang, auch wenn die Vorurteile teilweise klischiert sind – «True Talk» ist ein lockeres Format, das ohne Moralfinger auskommt. Vielleicht schafft es auf diese Weise sogar, zu mehr Toleranz und einer besseren Völkerverständigung beizutragen. Das beste Beispiel ist Frau Hof-Meier, die viele der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer berührt und zu Onlinekommentaren animiert hat. Der Haken an der Sache: Frau Hof-Meier hat gar kein Internet. Also druckte ihr einer der Virus-Reporter ein paar Kommentare aus der virtuellen Welt aus und brachte sie ihr in die reale Welt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2017, 13:10 Uhr

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«True Talk»

In unserer Webserie «True Talk» werden Menschen, die aufgrund von bestimmten Merkmalen, Eigenschaften oder Vorlieben häufig mit Vorurteilen zu kämpfen haben, mit ebendiesen konfrontiert. Die Folgen sind auf Facebook oder auf dem «True Talk»-YouTube-Kanal zu sehen.

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