Per Flatrate ins Pflegheim

Die Schweiz hat mit «Fässler-Kunz» eine neue Sitcom. Zielgruppe und Sendeplatz erstaunen.

Steamer oder Grill? Szene aus der Cablecom-Sitcom «Fässler-Kunz».


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Er ist Kommunikationsfachmann, sie Krankenschwester. Doch gesund miteinander reden können die beiden nicht. Dauernd streiten sie, sei es über die Kücheneinrichtung, Alterswohnungen oder Darmspiegelungen. Ausserdem ist da noch ein schwuler Sohn, der seinen Partner heiraten will, was dem Vater peinlich ist. Willkommen zur Sitcom «Fässler-Kunz».

Die Serie mit Esther Gemsch und Patrick Frey in den Hauptrollen ist ein Novum in der Schweizer TV-Landschaft. Sie ist ausschliesslich übers Internet zu sehen. Allerdings nicht per Browser wie Firefox oder Internet Explorer, sondern über den Streamingdienst MyPrime von Cablecom.

Pionier im Bereich der Streaming-Eigenproduktionen ist Netflix mit seinem Politdrama «House of Cards». Der US-Dienst, der die Serie ausschliesslich über das Internet vertreibt, hatte alle 13 Episoden (Kostenpunkt 50 Millionen Dollar) gleichzeitig veröffentlicht. Natürlich ist «Fässler-Kunz» kein zweites «House of Cards» – nur schon wegen des Budgets: 12 Episoden für ein halbe Million. Was vergleichbar ist: Die Macher waren unabhängig, sie mussten nicht auf die Meinung eines grossen Senders bzw. deren Redaktoren, Chefs und Subchefs hören. Das ist gerade in der Schweiz, wo SRF eine Quasi-Monopolstellung innehat, eine bemerkenswerte Ausgangslage.

Paarpsychologie und Beziehungsklamauk

Wurde die Chance genutzt? Nun, «Fässler-Kunz» ist bisweilen überraschend frech (etwa wenn Patrick Frey während eines Pflegekurses aufstöhnt: «Jesses, hört diese Rammelei nie auf!»). Allerdings kennt man die Masche von Soaps wie «Lüthi und Blanc» oder «Fascht e Familie»: allerlei Gezänke rund um harmlose Konflikte. Dazu kommt hier ein Schuss Paarpsychologie und Beziehungsklamauk.

Nichts gegen die (SRF-)erfahrenen Autoren Katja Früh und Patrick Frey. Doch ist eine Serie über die Freuden und Leiden der Generation 50+ auf einem Streamingdienst am richtigen Platz? Wieso eine frische Technologie nicht mit frischen Gesichtern und einer frischen Idee verbinden? Als Beispiel sei eine andere Web-Serie aus Amerika genannt: «High Maintenance». Die wurde von Newcomern geschrieben, kostete pro Episode noch weniger als «Fässler-Kunz», funktioniert aber besser. Es geht da um einen Grasdealer, der in jeder Folge einen Kunden beliefert: Junge, Alte, Gesunde, Kranke. So taucht der Zuschauer stets aufs Neue in eine andere Lebenswelt ab – zusammen ergibt das ein höchst unterhaltsames Sittenporträt New Yorks und seiner Einwohner. Hätte man so oder ähnlich auch auf die Schweiz anwenden können.

Erstellt: 27.11.2014, 16:50 Uhr

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«Fässler-Kunz» ist im Video-Flatrate-Angebot der Cablecom enthalten (9.95 Franken/Monat).

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