Rockstars und Latrinenschrubber

Jon Snow benimmt sich zum Anfang der neuen Staffel von «Game of Thrones» endlich königlich. Sansa auch, aber anders. Arya wäre dagegen wohl lieber James Bond.

Dezimierte die Familie Frey: Arya Stark, gespielt von Maisie Williams.

Dezimierte die Familie Frey: Arya Stark, gespielt von Maisie Williams.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Wartezeit war dieses Mal besonders lang: Mit Verspätung startete am Wochenende die siebte und vorletzte Staffel der HBO-Serie «Game of Thrones». Die Episoden sind immer in der Nacht von Sonntag auf Montag auf Sky erstmals zu sehen. Hier unsere Besprechung. Aber Achtung: Spoilergefahr!

Episode 1: Drachenstein

Was wir erwartet haben:
Dass es endlich losgeht mit diesem letzten Krieg, bei dem es endlich nicht mehr um die Eitelkeiten von ein paar Adligen und solchen, die es unbedingt werden wollen geht, sondern um die Zukunft der Menschheit. Klare Verhältnisse, Gut gegen Böse statt heimtückische Intrigen. Immerhin endete Staffel sechs damit, dass sich Königin Cersei so ziemlich alle ihrer Verbündeten zum Feind gemacht und sie in die Allianz mit Drachenmutter Daenerys getrieben hat. Achja, und Jon Snow sass als Nordkönig auch endlich ausreichend fest im Sattel, respektive Thron.

Was passiert ist:
Ganz so schnell geht es aber dann doch nicht. Denn wenn wir von «Game of Thrones» eines gelernt haben, dann dass erste Episoden einer Staffel immer wildes Schauplatzgehüpfe sind, um all die Zuschauer abzuholen, die nicht mehr ganz genau wissen, wie die letzte Staffel eigentlich ausging.

Also der Reihe nach. Erst einmal macht Arya genau da weiter, wo sie vor einem Jahr aufgehört hat: Beim Festessen und -trinken mit der Familie Frey, die einst per Roter Hochzeit das Adelshaus Stark dezimierte. Für Null Null Arya war der Walder nicht genug, also muss jetzt der Rest der Sippe dran glauben. Als hätte er das kollektive Röcheln gehört, hält ihr Halbbruder-Schrägstrich-Geheimcousin Jon Snow im fernen Winterfell eine königliche Ansprache, dass man Kinder nicht für die Verbrechen der Väter bestrafen sollte. Kann Jon dann ja Arya auch beibringen, falls er ihr irgendwann in dieser Serie wider Erwarten doch noch einmal über den Weg läuft.

Apropos Beibringen: Die dritte überlebende Stark, Sansa, ist offenbar heimlich bei Darth Cersei in die Manipulator-Ausbildung gegangen. Erst versaut sie Jon vor versammelter Adelsmannschaft dessen gutes Gewissen, dann vergleicht sie ihn mit Scheusalkönig Joffrey, um das sofort wieder zurückzunehmen und das Gegenteil zu behaupten. Ob sie ihre neuen Cersei-Superkräfte schlussendlich zum Guten oder zum Bösen einsetzen wird, dürfte wohl eine der bestimmenden Fragen von Staffel sieben werden. Möchtegern-Darth Littlefinger jedenfalls bekommt Sansas Fähigkeiten bereits zu spüren: «Kein Grund, das letzte Wort zu ergreifen, Lord Baelish. Ich nehme einfach an, es wäre etwas Cleveres gewesen.» So kalt kann der Westeros-Winter gar nicht sein, dass sich Baelish schnell von dieser Verbrennung erholen würde.

Apropos Winter: Der ist nämlich endlich da. Zwar noch nicht ganz im Süden angekommen, wo Cersei immer noch einigermassen sommerlich angezogen über eine frisch gemalte Landkarte stapft. Aber sonst hat das Wetter überall ordentlich zugezogen. Unbeirrt davon sind nur der Nachtkönig und die Weissen Wanderer, die mit einer Zombie-Armee so zielstrebig durch den Schnee stapfen, als ginge es zur Trauerfeier für den wenige Stunden vor Ausstrahlung der Episode verstorbenen Filmregisseur George A. Romero, der einst mit seinen grossen Filmen «Night of the Living Dead» und «Dawn of the Dead» dem Zombie überhaupt erst den schlurfenden und humpelnden Weg in Film und Fernsehen ebnete.

Apropos Trauer: Der geläuterte Haudrauf Sandor «The Hound» Clegane kehrt mit dem Gewohnheitsaufersteher Berric Dondarrion und dem roten Priester Thoros von Myr in einer Farm ein, dessen Bewohner sich angesichts ihres drohenden Hungertodes das Leben genommen haben. Für den Hound eine tragische Sache, war er es doch selbst, der sie vor ein paar Staffeln beklaute. «Wenn sie nicht umgebracht werden, dann verhungern sie eben», prophezeite der Berufsnihilist damals einer hilflos protestierenden Arya. Das anschliessende Begräbnis samt zweitschönstem Dialog der ohnehin dialogschönen Episode dürfte sein schlechtes Gewissen nur notdürftig lindern.

Was der Episodentitel bedeutet:
«Drachenstein» ist der Familiensitz von Haus Targaryen, zu dem Daenerys nach Jahrzehnten des Exils zurückkehrt. «Drachenglas» ist hingegen das Material, gegen das die Weissen Wanderer allergisch sind und von dem bislang niemand weiss, wo man es herbekommen könnte. Gottseidank gibt es Sam Tarly, der während seiner Maester-Grundausbildung - eine grandiose Montage aus Latrinenschrubben, Bücherschleppen und Nachttopfleeren im Stil der Filme von Edgar Wright - herausfindet, dass es unter Drachenstein Drachenglas gibt, eine ganze Mine davon. Wer etwas aufmerksamer zugehört hat als Sam und Jon Snow, der erinnert sich vielleicht daran, dass Stannis Baratheon - ehemaliger Drachenstein-Untermieter - vor ein paar Staffeln bereits davon berichtete. Aber schon damals ging es ja nur um eine Waffe zur Weltrettung, da kann man schon mal etwas abgelenkt sein.

So wird man sich an diese Episode erinnern:
Als die Episode, bei der man sich gar nicht für ein Lieblingszitat entscheiden kann. Neben der gescheiterten Begräbnisansprache des Hound und der wirklich knallharten Littlefinger-Abblitzerei von Sansa gibt es da noch: Jaime Lannister, der seine Schwester Cersei, Königin der sieben Königreiche, daran erinnert, dass es nur noch drei Königreiche sind - «höchstens»; Euron Greyjoy, der gerne die Bruderliebhaberin Cersei heiraten würde und deshalb sie und ihren handamputierten Bruder Jaime daran erinnert, dass er selbst noch «zwei gute Hände» hat; oder Ex-Hogwarts-Professor Jim Broadbent, der als Archmaester Marwyn den ehrgeizigen Zauberlehrling Sam wie einst schon Lord Voldemort höchstpersönlich davor warnt, bloss nicht in der verbotenen Sektion der Bibliothek zu stöbern.

Bester Auftritt:
Der singende Soldat Eddard vom Haus Sheeran. Zugegeben: Der Wald-Werbeauftritt für sein neues Album an sich war eher etwas albern. Die Szene mit ihm und seinen Lannister-Soldatenkollegen, die Arya einen Platz am Lagerfeuer anbieten, war dafür umso besser. Denn während die junge Frau mit der Lizenz zum Töten nämlich noch die Lage peilt und sich versichert, dass die Waffen der Soldaten ausser Reichweite liegen, entpuppen sich die Mordopfer-in-spe als ganz furchtbar nette Menschen. Der eine reicht das gebratene Spiesskaninchen herüber («Meine Mutter hat mir beigebracht, dass ich nett zu Fremden sein soll, dann sind Fremde auch nett zu mir»), der andere erzählt von seinem neugeborenen Kind, dessen Geschlecht er noch nicht einmal kennt. «Ich hoffe, es ist ein Mädchen. Mädchen kümmern sich um ihre Papas, wenn die Papas alt werden. Jungs hauen nur ab, um in den Kriegen anderer Leute zu kämpfen.» Und verhindert so, dass Arya, die erst als Mädchen, dann als Junge und jetzt wieder als Mädchen ihren ganz eigenen Krieg kämpft, weil sie ihrem alternden Papa beim Geköpftwerden zugeschaut hat, auf die dunkle Seite der Macht abrutscht.

Wir mochten Euron Greyjoy lieber, als er noch ...
... etwas weniger wie ein Nachwuchs-Rockstar der frühen 90er Jahre aussah. Auch wenn er in Staffel sechs nur etwa eine Liedlänge Bildschirmzeit hatte, erschien er immerhin als bedrohlich grössenwahnsinnige Gestalt, für deren Überheblichkeit es einen geheimen Grund geben muss. Der Euron, der jetzt vor Cerseis Thron stand, ist dagegen eher eine Mischung aus Johnny Depps Jack Sparrow und Nicolas Cages Ghost Rider: Diese spezielle Art Wahnsinn hat man einfach schon zu oft gesehen, als dass man noch Angst davor haben könnte.

Wen wir vermisst haben:
Den Dackelblick von Jorah Mormont, besser bekannt als Lord Freundschaftszone von Daenerys Targaryen. Nicht in dieser Episode, sondern über weite Strecken der vergangenen Staffel. Da schickte ihn nämlich seine Herzensdame in die Prärie, um ein Heilmittel für seine unheilbare Krankheit zu finden. Seine Suche, erfahren wir jetzt, hat ihn offenbar quer über den ganzen Kontinent geführt, allzu gesund sieht er aber immer noch nicht aus, im Gegenteil. Weil seine Geschichte aber eine so herzerweichende ist, hoffen wir, dass wir ihn in Staffel sieben weniger häufig vermissen werden.

Wie es weitergeht:
Romanzen überall: Jon Snow-Stark-Targaryen geht nach Drachenstein, um Drachenglas zu holen, und verliebt sich dort in Drachenmama Daenerys Targaryen. Weil er aus Winterfell gerade fünf Minuten zu früh aufgebrochen ist, um seinen Bruder/Cousin Bran noch in Empfang zu nehmen, der ihn vor den etwas komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen dieser Liebschaft hätte warnen können. Euron geht auf Shopping-Tour nach einem Brautgeschenk für Cersei. Zur Auswahl stehen der Kopf des verhassten Bruders Tyrion, eine Dorne-Rose oder ein leibhaftiger Drache. Und Wildling Tormund geht die Sache mit seiner Traumfrau Brienne endlich an, nachdem er schon ihren Knappen Podrick um dessen Tracht Prügel beneidete. Mit etwas Glück stimmen auch nicht alle dieser Vorhersagen. Wie sagte Daenerys so schön am Ende der Episode? «Sollen wir anfangen?» Ja, bitte. Endlich!

Alle Recaps von Staffel 7 zum Nachlesen:

-Folge 1
-Folge 2
-Folge 3
-Folge 4
-Folge 5
-Folge 6
-Folge 7


Erstellt: 19.07.2017, 10:05 Uhr

Artikel zum Thema

«Shakespeare wäre Fan gewesen» – «Brachial-Erotik!»

Pro & Kontra Muss man «Game of Thrones» gesehen haben? Am Sonntag startet die zweitletzte Staffel. Mehr...

Wer stirbt im «Thrones»-Endspiel?

Am Sonntag geht «Game of Thrones» in die zweitletzte Runde. Die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem Staffelstart. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Winzig: Die Hand des Babyschimpansen Quebo (geboren am 6. Oktober 2019) im Zoo Basel. (13. November 2019)
(Bild: Georgios Kefalas) Mehr...