Hintergrund

SRF bei den Negern

Birgit Steinegger trat im Schweizer Fernsehen mit Blackface auf – ein Sketch in rassistischer Tradition.

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Eine schwarze Frau betritt ein Geschäft und sieht sich die ausgelegten Handtaschen an. Da die Frau ja vielleicht eine berühmte Talkshow leitet, bricht im ­Laden ein Aktionismus los, der bald dazu führt, dass sich auch der Bundesrat, die UNO und der russische Staat um die Sache kümmern. Der Sketch, den SRF am Sonntag in «Endspott» zeigte, dem «satirischen Jahresrückblick», befasste sich mit «Täschligate», jener Begebenheit also, im Zuge derer sich die US-Talkmasterin Oprah Winfrey in einer Zürcher Boutique für eine Krokodil­ledertasche interessierte, die man ihr dann angeblich nicht verkaufen wollte.

Im Nachhinein könnte der Sketch zu einer Pointe kommen, die er im Original nicht hat: Die knapp dreiminütige Szene, welche die Skandalisierung eines banalen Missverständnisses kommentiert, hat selber das Zeug zum Skandal, mehr noch als die dummdreisten Italienerwitze des Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät. Denn Birgit Steinegger spielte die Frau mit Blackface, als aufgeschminkte Karikatur einer «Negerin» mit krausem Haar, dicken Lippen, rollenden Augen und dickem Hintern. Sprechen konnte die Figur auch, nämlich ein rudimentäres, von gutturalen Lauten durchsetztes Französisch. SRF hat sich damit – wissend oder unbedarft – in eine rassistische Tradition gestellt, ohne dass diese im Sketch in irgendeiner Form konterkariert würde. Man hat zum Jahresende eine Minstrelshow gezeigt.

Fasnacht und Fernsehen

Die Minstrelsy war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA die beliebteste Unterhaltungsform. Auf Variétébühnen oder in wandernden Zeltshows karikierten weisse, aber schwarz geschminkte Entertainer die Sprache und die Bewegungen der Afro-Amerikaner. Das rassistische Stereotyp des ­«Negers» wurde unter anderem hier ­geprägt. In den USA verschwand die Minstrelsy im frühen 20. Jahrhundert aus dem Unterhaltungsgeschäft, auch wenn der Vorwurf, in ihrem Geiste zu performen, ­immer wieder (schwarze und weisse) ­Entertainer getroffen hat – darunter Stars wie Louis Armstrong, Elvis Presley, Jimi Hendrix oder Eminem.

Dass es sich beim Blackfacing um eine rassistische Praxis handelt, wenn sie von Weissen aufgeführt wird, ist in den USA unbestritten: Wer sich schwarz schminkt, verwirkt seine Karriere in den Medien oder in der Politik. Im deutschsprachigen Raum ist der Umgang mit dieser Tradition recht nonchalant: Nicht nur an der Fasnacht sieht man Black­faces, auch deutsche Theater fanden bis vor kurzem nichts dabei, ihre Schauspieler schwarz geschminkt auf die Bühne zu schicken: 2009 erlebte die Theaterszene deswegen eine intensive Debatte, die unter anderem dazu führte, dass manche Theater jetzt Schauspieler mit Migrationshintergrund beschäftigen.

Beim Schweizer Fernsehen und der daran angeschlossenen Humorszene hat man davon offenbar nichts mitbekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2013, 18:51 Uhr

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