Porträt

Seine Stimme ist sein Gesicht

Fast jeder weiss, wie er klingt, aber kaum einer, wie er heisst: Ernst Süss, der Fernsehsprecher und «Mister Sportpanorama» bei SRF.

Eine Marke ohne Namen: Ernst Süss in einer Sprechkabine des Schweizer Fernsehens.

Eine Marke ohne Namen: Ernst Süss in einer Sprechkabine des Schweizer Fernsehens. Bild: Sabina Bobst

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Ein Raum mit schallisolierten Wänden, ein Pültchen. Ernst Süss sitzt davor und wartet. «Als Sprecher ist man der Letzte auf der Baustelle», sagt er, und auf seiner Baustelle fehlt der Text. Am Abend wird seine Stimme die Wohnzimmer füllen. Kurz vor Mittag klingt sie noch zusammengefaltet wie ein Zirkuszelt. Was daran liegt, dass Süss in der Sprecherkabine Dialekt redet, Luzerner mit Zürcher Beiklängen, in die sich Betonungen einschleichen, die nach Bühne klingen – und der Stimme, die Abertausende kennen. Der Stimme, die bekannt ist wie Matthias Hüppi, weil Süss an Sonntagen «Mister Sportpanorama» ist. Ein Mister ohne Gesicht, eine Marke ohne Namen, weil das Schweizer Fernsehen die Verfasser der Beiträge nennt, nicht aber deren Sprecher. Was mitunter zur Situation führt, dass die Reportage einer Journalistin angekündigt wird, dann aber die Stimme eines Mannes zu hören ist. Doch heute ist Donnerstag, und an Donnerstagen gehört Süss’ Stimme «Einstein».

Das gesprochene Augenzwinkern

Stimmen sind wie Gerüche. Hört man sie, erkennt man sie sofort. Muss man sie beschreiben, fehlen schnell die Worte. Süss’ Stimme? Da müsse sie nachdenken, sagt die Redaktorin. Sie reicht dem Sprecher ihr Manuskript. Den Text über Frischhaltemethoden, «ein kurzer, nichts Kompliziertes» und gerne «mit einem «Augenzwinkern gesprochen.» Und das macht seine Stimme vielleicht aus: Sie zwinkert mit dem Auge, tönt bei Bedarf leicht ironisch, manchmal mit einem Anflug von Sarkasmus.

Germanistik hatte der 62-Jährige studiert. Danach wurde er Schauspieler, stand auf Bühnen im In- und Ausland und auf dem Set der TV-Serie «Motel». Seit 1991 ist er neben seinen Engagements fester Sprecher beim Fernsehen, das damals noch TV DRS hiess. Mit «Time out» hat er begonnen, «10 vor 10» und «Quer» kamen hinzu. Doks, der Sport und «Einstein» sind geblieben – und ein Merksatz aus der Schauspielschule: «Um zu überzeugen, muss man meinen, was man sagt.»

Um aber sagen zu können, was man meint, muss man verstehen, was man liest. Süss checkt Begriffe, deren Aussprache, was ihn bisweilen vor die Frage stellt: Soll er einen Begriff korrekt aussprechen, wenn es der Interviewte im Beitrag falsch tut? Kompromittiert man ihn damit? Wie ein Dirigent über die Partitur fliegt er über die Sätze auf dem Blatt. Locker soll sein Kommentar werden, die Wörter muss er trotzdem so setzen, dass sie auch die Seniorin vor dem Fernseher versteht. «Fernsehen ist nicht Zeitung lesen, man kann nicht umblättern.»

Artist im eigenen Sprachzirkus

Er legt den Stift beiseite. «Ein einfacher Text, und doch voll Technik.» Ihn nehme es wunder, wie dies ihm Beitrag visuell umgesetzt wird. Auf dem Monitor in der Kabine wird er ihn gleich sehen. Zum ersten Mal, mit einem Auge nur, denn seine Konzentration liegt auf dem Blatt – und den Zeiten, welche die «Einstein»-Redaktorin unter die Abschnitte notiert hat. Sie korrespondieren mit den Bildern. Die Crux ist nur: Wer einen Text für sich liest, liest ihn oft schneller. «Können wir?» Der Tonmeister gibt das Okay von der anderen Seite der Scheibe, wo er und die Redaktorin vor Bildschirmen und einem Wald voll Reglern sitzen.

Manege frei. Süss wird zum Artisten im eigenen Sprachzirkus. Er spricht, als ob er den Text tausendmal gelesen hätte, springt von Trapez zu Trapez, um mit einem Wort plötzlich dann doch in der Luft zu hängen wie die Trickfilmfigur über dem Abgrund. Der Satz ist für die Bildfolge zu kurz. Süss will ihn mit einer Pause dehnen, muss dafür aber die letzte Silbe vor der Pause nach unten betonen. Die Wiederholung sitzt. Bis auf das eine «a». Eine Nuance zu lang, findet Süss, wiederholt es kürzer – nächster Beitrag.

Während sich der Luzerner, der aus Liebe zur Natur noch immer in seinem Geburtskanton wohnt, dem neuen Text widmet, hat die «Einstein»-Redaktorin die Worte gefunden: «Ernst hat diese klassische Tiefe in der Stimme. Das gibt ihr etwas Beruhigendes», was sie an den Sprecher im Kino erinnere. An den Mann, der die Hollywoodfilme bewirbt. Auch dessen Stimme kennen viele, aber nur wenige seinen Namen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2013, 20:42 Uhr

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