Sind Frauenfreundschaften wirklich so schlimm?

Viele schimpfen, die Girls in «Girls» seien keine echten Freundinnen. Aber vielleicht ist das genau der Punkt.

Wollen werden, wer sie sind: Die «Girls».

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In der letzten Episode vor dem Finale von «Girls» sind Hannah, Marnie, Shoshanna und Jessa zusammen auf einer Party. Sie tanzen. Aber sie tanzen nicht zusammen, so wie man es in einer Serie über vier Freundinnen erwarten würde. Nein, jede tanzt für sich, die eine sexy, die andere ungelenk, in verschiedenen Ecken eines kleinen Apartments irgendwo in Brooklyn.

Diese Szene zeigt, worum es dieser grossen, hellsichtigen Serie ging, die jetzt mit ihrer sechsten Staffel zu Ende geht. Dieser Serie, die gerade deshalb so gross war, weil sie sich auf die Signifikanz des Kleinen konzentrierte. Indem «Girls» die unbezahlten Praktika, die scheiternden Beziehungen und egozentrischen Dialoge dieser vier jungen Frauen mikroskopgenau darstellte, machte die Serie sie zu vielschichtigen Figuren. Aber auch zu Verkörperungen eines hyperindividualistischen Zeitalters.

Wie die vier da tanzen, ohne dass eine Zusammengehörigkeit zwischen ihnen spürbar würde, zeigt die Einsamkeit, die dieses Zeitalter prägt. «Ich muss zu dem Menschen werden, der ich bin», dürfte einer der am häufigsten ausgesprochenen Sätze in dieser Serie sein. Die eigene Selbstverwirklichung steht über allem anderen. Die Freundinnen? Höchstens Vehikel, die ab und an bestätigen, dass man auf dem richtigen Weg ist, dieser Mensch zu werden.

Besser dran ohne einander

Wer in «Girls» Freundschaftsromantik sucht, wird enttäuscht. Das hier ist nicht «Hanni und Nanni», es ist auch nicht «Sex and the City». Gerade letzteres wollte Lena Dunhams Serie ganz bewusst nie sein. Zu der Party, auf der die vier tanzen, hat Shoshanna Hannah zum Beispiel nicht einmal eingeladen. Kurz vor der Tanz-Szene hält Shoshanna eine wütende letzte Rede im Badezimmer, in der sie die Freundschaft der vier für beendet erklärt, zumindest von ihrer Seite. Sie habe jetzt neue Freunde, welche mit «Jobs, Handtaschen und netten Charakteren». Überhaupt seien sie alle besser dran ohne einander.

Es hat in den vergangenen Jahren wohl kaum eine Serie gegeben, die so viel irrationalen Hass auf sich und ihre Figuren gezogen hat wie Lena Dunhams «Girls». Die Serie, deren letzte Staffel jetzt auch in Deutschland zu sehen ist, erregte die Gemüter von Zuschauern und Kritikern aus vielerlei Gründen. Die Sexszenen: zu viele, zu unangenehm. Die Nacktszenen von Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin Lena Dunham: zu viele, zu unästhetisch, weil Dunham nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Zu wenig Aufmerksamkeit für nicht-weisse Amerikaner warf man der Serie vor. Vor allem aber hiess es immer wieder, dass die vier Girls ja nicht nur unsympathisch, nicht nur nervig narzisstisch seien, sondern auch gar keine echten Freundinnen.

Für eine erklärte Feministin wie Dunham hätte es eine sehr unangenehme Kritik sein können: dass die vier Frauen aus «Sex and the City» zwar viel wohlhabender und noch einen Tick männerfixierter waren als ihre vier Millennial-Mädchen. Dass sie aber die besseren Freundinnen waren, weil: gemeinsames Weinen, gemeinsames Schuhekaufen, gemeinsames Törtchenessen.

Aber stimmt der Vorwurf? Bestätigt «Girls» das alte Klischee von der weiblichen Unfähigkeit zur Freundschaft? Von der ewigen Eifersucht unter Freundinnen, vom letztlich unvermeidlichen «bitch fight»?

Tatsächlich waren diese vier Mittzwanzigerinnen von Anfang an viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die klassischen Fernsehklischees von guter Freundschaft zu erfüllen. Hannah kultiviert jede ihrer Gefühlsregungen wie ein seltenes Pflänzchen, das irgendwann einmal als Stoff für einen Ich-Essay taugen könnte. Die perfektionistische Marnie bettelt mit kitschigen Indie-Folk-Songs um Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung, auch bei ihren Freundinnen. Jessa ist damit beschäftigt, ihr Bohème-Charisma und ihre Drogensüchte zu pflegen und braucht dafür nur hin und wieder Publikum. Und die exzessive Schnellsprecherin Shoshanna, die Jüngste der vier, versteht nicht, warum alle sie als naive Comicfigur wahrnehmen. Wenn sie sich unterhalten, dann kontert jede die Geschichte, die ihr gerade erzählt wird, umgehend mit einer halbwegs passenden Geschichte von sich selbst. Freundinnen als Stichwortgeber.

Wie sollen diese Figuren, die es kaum schaffen, für die Dauer eines einminütigen Dialogs von sich selbst abzusehen, ernsthaft für jemand anderen da sein? «Girls» war in dieser Hinsicht immer auch ein – verständnisvoller – Vorwurf an eine Generation, oder besser: an ein bestimmtes, nämlich einigermassen privilegiertes Milieu innerhalb einer Generation, das nichts dafür kann, dass es so nervt. Aber irgendwann sollen sie doch bitte mal über die Selbstverwirklichungsklischees hinwegkommen, die man ihnen eingebläut hat.

Dieses völlig ernst gemeinte Verständnis, bei aller Schonungslosigkeit, hat die Serie so rasend gut gemacht. Und die Art, wie sie Erwartungen unterläuft. In der zweiten Staffel telefoniert Hannah nachts mit Marnie. Hannah liegt im Bett, sie kommt aus Angst zu versagen nicht voran mit ihrem ersten Buch. Und Marnie sitzt in einem viel zu teuren Kleid im Neonlicht einer U-Bahn-Station. Sie hat gerade gemerkt, dass der erfolgreiche Nachwuchskünstler Booth Jonathan, den sie für ihren neuen Freund hielt, keinerlei ernsthafte Absichten mit ihr hat.

Was man jetzt erwartet sind Geständnisse, Tränen, Trost. Aber was Marnie und Hannah sagen, ist das hier:

Hannah: Hattest du einen schönen Abend?

Marnie: Es war wirklich schön, es war perfekt. Ich bin sehr glücklich.

Hannah: Toll. Wo bist du jetzt?

Marnie: Wir sind in Booths Garten und sehen den Glühwürmchen zu.

Hannah: Schön.

Marnie: Hast du viel geschrieben?

Hannah: Ja, irre viel. Es ist aufregend. Reden wir bald wieder?

Marnie: Klar.

Hannah: Ich hab dich lieb, tschüss!

Marnie: Ich hab dich lieb, tschüss!

Dann legt Hannah auf und haut ihr Handy in die Kissen. Das Schöne an dieser traurigen Szene ist, dass man sich als Zuschauer von ihr merkwürdig getröstet fühlt. Denn vielleicht hat man, ohne es zu wissen, selbst schonmal so ein Gespräch geführt. Eines, nach dem man sich noch schlechter fühlt, weil die anderen ihr Leben viel besser im Griff zu haben scheinen. «Girls» hat oft auf diese Weise getröstet – indem die Serie ihre Figuren leiden liess, sie narzisstisch und peinlich sein liess. Die Fremdscham macht die eigene, reale Lebensscham ein wenig erträglicher.

Freundschaften mit Verfallsdatum

Eine Abwertung der Frauenfreundschaft war «Girls» deshalb aber nie. Höchstens eine manchmal etwas überzeichnete Einordnung jener Freundschaften, die man in einem sehr spezifischen Lebensabschnitt hat: Man ist fertig mit dem Studium, hat im Wohnheim Freunde gefunden – die vier Mädchen kennen sich vom linksliberalen Oberlin College in Ohio –man ist aber noch längst nicht fertig mit dem Aufbau geschweige denn der Festigung einer erwachsenen Identität.

Mit den Wachstumsschmerzen, die diese Lebensphase mit sich bringt, muss letztlich jeder alleine fertig werden. Freunde, Freundinnen, Liebhaber, Eltern – sie alle sind im frühen Erwachsenenalter mehr Airbags und Spiegel als Partner. Zu den absolut herausragenden Episoden von «Girls» gehörten deshalb auch immer die, die sich auf eine der vier Frauen konzentrierten, während die anderen kurz zu schweigen hatten.

«Als ich ans College ging, hat mir jemand gesagt, dass die Freunde, die ich in der ersten Woche finden werde, nicht die sein werden, die ich behalte», hat Lena Dunham in einem Interview gesagt. «Das hat total gestimmt. Was man mir aber nicht gesagt hat, war, dass auch die Freunde, die man in den nächsten drei Jahren findet, nicht die sein werden, die bleiben. Es ist in Ordnung, sich irgendwann von diesen Freundschaften zu verabschieden.»

Manche Freundschaften haben ein Verfallsdatum. Vor solchen harten, realistischen Einsichten ist «Girls» nie zurückgeschreckt. Und genau so hart und mutig geht die Serie auch zu Ende. Die letzte Folge spielt ausserhalb von New York City, Hannah ist allein in einem Haus, in einer komplett neuen Lebenssituation. Als sie morgens aufwacht, liegt Marnie mit ihr im Bett. Sie will Hannah helfen in ihrem neuen Lebensabschnitt, aber Hannah ist eher genervt als dankbar. «Ist Jessa hier? Oder Shoshanna?», fragt Marnie, wie immer im Wettbewerb mit allen: «Nein. Ich bin hier. Ich bin deine beste Freundin. Ich gewinne.» Denn auch diese Sorte Freundin gibt es: Die, die nicht so richtig zu einem passt. Deren Schwächen man kennt und die weiss, was man selbst schon verbockt hat. Die aber trotzdem bleibt. Und die deshalb dann doch wieder passt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2017, 16:00 Uhr

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