So schafft man sich Feinde

Lara Stoll, die beste Schweizer Slam-Poetin, provoziert mit ihrer neuen Serie «Bild mit Ton».

Lara Stoll in ihrem Element.


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Eine Horde aufsässiger «Hurensöhne», die die Gegend unsicher macht, ein Innenarchitekt namens «Nigger», der stolz auf seinen Namen ist, die Blondine Stefanie, die auf einem LSD-Trip Penis-Halluzinationen erleidet: Die erste Folge der neuen Staffel «Bild mit Ton» von Slam-Poetin Lara Stoll ist eine total durchgedrehte, explizite Ladung Satire. Sie feiert am Montag auf dem Digitalsender Schweizer Sportszene-Fernsehen und auf bildmitton.tv Premiere. «Wir nennen es postmoderne Comedy. Aber eigentlich ist das Format unbeschreiblich», sagt Stoll, die nicht abstreitet, von Loriot, Monty Python und der Serie South Park inspiriert zu sein.

Die 27-Jährige hat das vergangene Jahr hauptsächlich in einer Wohnung im Zürcher Kreis 4 verbracht, wo sie mit ihren Freunden Cyrill Oberholzer, Dominik Wolfinger, Pia Meier und Benoit Barraud Tag und Nacht geschnitten, vertont und Drehbücher geschrieben hat. Das Team formierte sich teilweise an der Zürcher Hochschule der Künste. Dort absolviert Stoll, die bekannteste Slam-Poetin der Schweiz, den Studiengang Film und hat damit ihr kreatives Portfolio erweitert. «Ein Schulprojekt ist ‹Bild mit Ton› aber nicht. Es ist ein Hobby, ein 150-Prozent-Job, mein Leben.»

Was tun wir da eigentlich?

Die erste Staffel wurde 2013 ausgestrahlt. Das Sportszene-Fernsehen gab Stoll damals eine «Carte blanche für neuen Content». Das Team drehte die ersten Folgen einer wirren Satire-Collage, die aus alten Filmen, schrägen Moderationen und Slapstick-Einspielern bestand. Die Sendeverantwortlichen verstanden zwar «überhaupt nicht, was wir da machten», dennoch wurde «Bild mit Ton» gesendet und online fleissig geschaut.

Die zweite Staffel fährt eine etwas klarere Linie: Für die sechs Episoden haben die Satirefilmer sechs alte Filme ausgegraben. Im Anschluss haben sie diese gekürzt, mit selbst gedrehten Filmaufnahmen und aufgestöbertem Archivmaterial ergänzt und lippensynchron neu vertont – teilweise mit Stimmen von Beni Thurnheer oder Frank Baumann. So entsteht aus dem Zombiefilm «Night of the Living Dead» von 1968 der dadaistische Streifen «Das Haus, in dem man LSD konsumierte». Im Haus erlebt Stefanie, die wie die meisten Darsteller Schweizerdeutsch spricht, LSD-Trips, lernt den Innenarchitekten kennen und trifft auf allerlei mit Drogen zugedröhnte Personen.

Ueli Maurer als Kung-Fu-Held

Das alles ist sehr aufwendig, in einem kunstvollen Retro-Look professionell umgesetzt und bewusst grenzwertig. So thematisiert die «Bild mit Ton»-Crew Themen wie Rassismus und Glaubensfragen, rechnet mit der Schweizer Politik und dem Schweizer Fernsehen ab. In der ersten Folge der neuen Staffel etwa taucht ein Sex-Tape mit einer alten Frau auf, das mit «Meteo»-Musik untermalt ist; Moderator Rainer Maria Salzgeber, gespielt von einem alten Mann, segnet während des Moderierens das Zeitliche. In der zweiten Folge tritt Ueli Maurer als «weiser Kriegsherr» in einem Kung-Fu-Film auf. Gegen «Bild mit Ton» wirkt «Giacobbo Müller» wie das «Fenster zum Sonntag».

Stoll ist sich deshalb auch bewusst, dass sie sich mit der Sendung viele Feinde machen wird und dass diese auch nie am Schweizer Fernsehen laufen wird. «Es sei denn, ich sterbe bald. Dann zeigt SRF vermutlich jeden Lebensschnipsel und vielleicht sogar einen Ausschnitt unserer Satire-Show.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2015, 19:42 Uhr

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