Stress-Test für Jonas Projer

Knatsch um Rigozzi, vier Kinder: Wirds langsam etwas viel? Unterwegs mit dem «Arena»-Mann.

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Ob man jetzt eigentlich über Koks rede, fragt Jonas Projer. Er öffnet eine Dose Red Bull, in der anderen Hand hält er einen Gipfel, den er mit wenigen Bissen verschwinden lässt. Es ist Freitagmorgen, 10.15 Uhr, Projer ist eben in seinem Büro angekommen. Auf seinem Pult ist Chaos, aus dem Gewühl von Papieren ragt die Kante eines Buchs hervor. Ausserhalb der Ferien komme er nicht mehr zum Bücherlesen – leider keine Zeit mehr, sagt er, der studierte Germanist. Mit Sport habe er ganz aufgehört. Sein bisheriges Arbeitspensum schätzt Projer auf 120 Prozent, nun kommt die neue Sendung mit Christa Rigozzi dazu. Am kommenden Sonntag moderiert der 35-Jährige erstmals die Show, in der jeweils über eine TV-Reportage debattiert wird. Rigozzis Wahl sorgt für Aufregung, ihre Kenntnisse werden angezweifelt, die Werbeauftritte kritisiert. Es gehe letztlich immer darum, möglichst viele Menschen für Politik zu interessieren, sagt Projer. Wenn Rigozzi dabei helfe, sei das doch eine prima Sache.

Eine Ex-Miss als populärer Sidekick, das war Projers Idee. Jetzt muss er sich verteidigen, den ganzen Tag über klingelt das Handy. Journalisten rufen an, die Produzenten der Show wollen Details besprechen. Das sei vielleicht gerade die härteste Woche seiner Karriere, sagt der Stadtzürcher, der die «Arena» seit drei Jahren leitet. Schlaf ist knapp, der Tag des vierfachen Vaters hat wegen Kindergeschrei vorzeitig begonnen. «Ich bin ziemlich übermüdet.» Ob er schon an Doping gedacht habe, bei dieser Pace? «Über was reden wir jetzt eigentlich? Koks? Ich habe zu viel Angst davor, dass es funktioniert. Ganz abgesehen von der Illegalität der Sache.»

In Brüssel – Projer arbeitete dort zwischen 2011 und 2014 als SRF-Korrespondent –, habe er einen Kollegen kennen gelernt, der vor Liveschaltungen Betablocker genommen habe. «Bald gings nicht mehr ohne, weil er sich daran gewöhnt hatte.» Projer holt seine Moderationskärtchen hervor, auf denen simple Mundartsätze stehen, teils rot eingefärbt für effektvolle Betonungen. Seine Sprache müsse so einfach wie möglich sein, sagt Projer. «Keine Nebensätze, jeder Fachbegriff wird erklärt.» Um 18.30 Uhr wird er eine «Arena» über Kampfjets leiten. Es ist kurz vor Mittag, der Moderator gibt sich munter: «Wir sind bestens vorbereitet.» Noch sieben Stunden bis zur Aufzeichnung.

Das Problem der roten Krawatte

Projer, der hagere, noch junge Mann mit den Geheimratsecken, hat seinen eigenen Drive. Stellt er eine «Arena»-Runde vor, wirkt er wie ein eifriger Junglehrer beim Verteilen der Prüfungsblätter. Wenn er mit dem Mikro umherläuft, Statements sammelt und Phrasen abklemmt, gleicht er einem Spediteur, der seine Ware abwickelt. Jonas Projer ist ein Pedant in Eile, und das nicht nur am Freitagabend: Rastlos wirft er Konzepte durcheinander und experimentiert mit der wichtigsten Politshow des Schweizer Fernsehens. Er liess Zuschauerfragen per Facebook einfliessen, baute die Video-Einspieler aus und setzte auf unkonventionelle Gäste wie Bendrit Bajra oder Daniele Ganser.

Vor allem aber bewährte sich Projers fokussierter Stil vor der Kamera, er ist der bisher überzeugendste «Arena»-Moderator. Seine Vorgänger hatten politische Vorlieben (Filippo Leutenegger), sahen die «Arena» als Kommunikationsjob unter anderen (Patrick Rohr), wollten höher hinaus (Urs Leuthard). Für Projer dagegen ist die «Arena» eine Leidenschaft, Neutralität eine Obsession. Schon bei der Frage nach den drei wichtigsten Politthemen der Schweiz blockt er ab: «Dazu sage ich nichts. Das wäre eine politische Stellungnahme.» Projer beachtet die kleinsten Signale. Gehts in einer Sendung etwa um ein soziales Thema, lässt er die rote Krawatte im Schrank. Geld für externe Moderationen nimmt er aus Prinzip keines mehr an.

In seinem Computer pflegt er eine Excel-Tabelle, die die Wähleranteile aufs Komma genau in «Arena»-Auftritte umwandelt. Projer scrollt über den Bildschirm, gleicht die Gäste des Jahres ab. «Schauen Sie, diese Partei hier werden wir in den nächsten Wochen wieder einladen. Sie ist leicht unter dem Soll.» Wenn sich ein Politiker über Nichtbeachtung beklage oder eine Partei Druck aufbaue – «das gibt es jede Woche» –, hole er als Erstes diese Tabelle hervor.

Darum kommen die Politiker

Projer hat nicht sehr viele Helfer. Seine «Arena»-Crew besteht aus neun Frauen und Männern mit insgesamt 520 Stellenprozenten. Die meisten Mitarbeiter sind jünger als der Chef. Um 13 Uhr bespricht die Redaktion die Details der Sendung. Ein Video–Einspieler muss überarbeitet werden: Ein animierter Pilot salutiert mit der linken Hand. «Das müssen wir ändern. Sonst heissts: Der Projer hat halt keine Ahnung, ist sicher untauglich», sagt ein Redaktor. Eine Kollegin schlägt vor, man könne die Politiker doch Papierflieger basteln und in die Kamera werfen lassen. Projer wirkt unschlüssig. Ist das eine gute Idee? Nur knapp entscheidet sich die Gruppe gegen die hochpeinliche Bastelübung; der Grat zwischen Innovation und Blamage ist schmal für Projer und sein Team (wie auch die Kontroverse um Christian Kast diese Woche zeigte). Schliesslich werden nochmals die Argumente der Befürworter und Gegner abgespult, ein letztes Verbal-Sparring für den Moderator. Ein Redaktor imitiert den Grünen Balthasar Glättli: «Wir sind umzingelt von Freunden.»

Glättli wird später mit SP-Frau Chantal Galladé, dem SVPler Thomas Hurter und dem konservativen Militärfreund Willi Vollenweider im Ring stehen. Projer weiss genau, warum die Politiker in seine Sendung kommen. «Am liebsten würden sie natürlich 70 Minuten lang alleine in die Kamera reden. Die Stimmbürger vor dem Fernseher sind die eigentlichen Adressaten. Grundsätzlich sind Gäste in Talks am echten Austausch mit anderen Gästen eher wenig interessiert.» Seine Aufgabe sei es, die Politiker trotzdem miteinander ins Gespräch zu bringen und ihre Argumente gegenüberzustellen. Noch fünf Stunden bis zur Sendung.

Etwas muss schiefgegangen sein

Später Nachmittag, Projer macht sich auf den Weg zur Garderobe und läuft im Gang an einem grossen Foto vorbei. Es zeigt Christoph Blocher und Eveline Widmer-Schlumpf, die sich in einer «Arena» die Hand geben. Am Bildrand beobachtet Reto Brennwald die Szene, der Moderator zwischen 2008 und 2010. Es ist ein Bild aus fernen, ruhigen Zeiten: In Projers zweitem «Arena»-Jahr kam der RTVG–Schock, 2018 dürfte die K.O.-Abstimmung «No Billag» anstehen. Jonas Projer macht Karriere in einem Haus, das unter Druck steht wie nie zuvor. Er ist der grosse Hoffnungsträger, soll helfen, die Beziehung zwischen Volk und Fernsehen zu kitten. Projer enttäuscht seine Chefs nicht: Beharrlich bittet er die Zuschauer um Feedback, in den sozialen Medien ist er präsent. Und die Quote seiner Sendung ist 2016 im Vergleich zu 2015 leicht gestiegen – dem allgemeinen TV-Negativtrend zum Trotz.

Projer tippt auf dem Handy, bevor er die Garderobe betritt. Als er ein paar Minuten später im frischen Anzug wieder heraustritt, wirkt er genervt. Etwas muss schiefgegangen sein da drin, Projer möchte lieber nicht darüber reden. Ein Schub Extrastress für den ohnehin angespannten Moderator. Noch zwei Stunden bis zur Sendung.

Furcht verwandelt sich in Energie

Live-TV ist gnadenlos. Jede Peinlichkeit dehnt sich im Weitwinkelobjektiv zur Übergrösse, jeder Lapsus wird dokumentiert. Als Moderator müsse er in einer halben Sekunde entscheiden, ob er einen Satz sage oder nicht, sagt Projer. «Danach ist es zu spät.» Hat er Angst vor dem kolossalen Scheitern? Einem freudschen Versprecher vor 150'000 oder 200'000 Zeugen? «Klar, ein Absturz ist immer möglich», sagt Projer. Dann lächelt er. «Ich hoffe, mein Unterbewusstsein hat keine Angst vor mir.»

Jede Arena hat ihren Thrill; sie zieht den Matador, den Boxer und den Akrobat auch deshalb an, weil sich hier Furcht in Energie und Euphorie verwandelt. Bei Jonas Projer und seiner «Arena» scheint das nicht anders zu sein. «Jetzt sind die Gedanken wieder klar», sagt er, als er die noch leere, aber bereits beleuchtete «Arena»-Bühne betritt. Wie tote Puppenstuben stehen daneben die Kulissen des «Clubs» und der «Sternstunde Philosophie».

Um 19.45 Uhr hat Projer die Sendung bewältigt. Er hatte die Arme ausgebreitet, wenn er einen Disput lancieren wollte. Hatte in die Kamera genickt, wenn er dem Gespräch mit einem Ein­spieler eine neue Wendung geben wollte. War an schweigende Gäste herangepirscht, wenn er die Runde mit frischen Stimmen beleben wollte. Die Politiker verstanden sich blendend, Galladé und Hurter schienen ein wenig zu flirten. Militärfreund Vollenweider bat die Runde, bitte ernst zu bleiben; es wurde auch danach viel gelacht. Irgendwann sagte Glättli: «Wir sind umzingelt von Freunden.»

Die Barriere tief halten

Das war mässiges Polit-TV, das gibt auch Projer zu. Die Dringlichkeit einer Abstimmung habe gefehlt. An seinem Glauben an die «Arena» hat die Sendung nichts geändert. «In der Ära der Filterblase braucht es Formate, die Meinungen kollidieren lassen.» Und für Projer bedeutet Interesse an seiner Sendung Interesse an der Politik – das Elixier jeder Demokratie. «Wer keine Zeitungen liest und dann auch noch aufhört, die ‹Arena› zu schauen, hat danach vielleicht gar keinen Bezug mehr zur Politik. Wir müssen die Barrieren tief halten, uns um die Leute bemühen.»

Nach der Sendung kommt ein beleibter Schnauzträger um die 60 auf den Moderator zu. «Ich habe im Dezember eine Beschwerde geschickt.» Projer sagt, er werde sich darum kümmern. «Ich habe schon eine Antwort bekommen. Aber sie war nicht befriedigend.» Projer sagt, er werde sich darum kümmern. «Es geht nicht um die ‹Arena›. Es geht um die ‹Tagesschau›.» Projer stutzt, sagt dann: «Meine Mailadresse ist...» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2017, 17:25 Uhr

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