TV-Kritik: Bünzlige Rentner und nette Ausländer

Spielfilm statt «Tatort» – das war die einzig wirkliche Überraschung am Sonntagabend. «Das alte Haus» setzte auf ein altbekanntes Rezept. Der gealterten Zielgruppe dürfte es jedoch gefallen haben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Man muss ja nicht alles auf den Kopf stellen, um etwas zu verändern!», empört sich der bünzlige Senior Joseph Ernst gegenüber seiner temperamentvollen Jugendliebe Lilly. Während sie die Welt gesehen hat, scheint er in einem früheren Jahrzehnt stecken geblieben zu sein. Täglich versucht er als Fotograf die Zeit festzuhalten, täglich kauft er dasselbe Pfünderli in der Bäckerei, und noch immer lebt er in der Zürcher Wohnung, in der er aufgewachsen ist.

Aber nicht mehr lange. Der renovationsbedürftige Altbau soll einem modernen Neubau mit Aquariumfenstern weichen. Joseph Ernsts Welt wird von einem Moment auf den nächsten auf den Kopf gestellt; alles verändert sich, ob er will oder nicht. Ein bisschen so erging es auch dem Schweizer Fernsehpublikum. Ob sie wollten oder nicht: Gestern lief nicht wie gewohnt der «Tatort», sondern der Schweizer Spielfilm «Das alte Haus».

Ein Fotografen-Hund namens Leica

Mit allzu viel weiteren Überraschungen wurden die Zuschauer aber dennoch nicht geplagt. Das Thema war zwar nett, das Filmset in Zürich-Wiedikon äusserst attraktiv und fast schon gewagt für einen Schweizer Film, und auch die Seniorenschauspieler waren überzeugend – allen voran die charismatische Heidi Maria Glössner. Aber von Anfang an war voraussehbar, wie das Ganze enden würde. Besonders die Dreiecksgeschichte zwischen Lilly, Joseph und der Bäckerin Marlen, die heimlich in Joseph verliebt war. Wobei: In Hollywood tun sie das bei romantischen Komödien ja auch nicht anders. Hie und da etwas zum Schmunzeln, und das Zielpublikum ist meist trotzdem zufrieden.

«Das alte Haus» schaffte dies zwischenzeitlich auch: Der Hund des alten Fotografen beispielsweise hiess Leica, wie die Kameramarke also. In der Studenten-WG schien es Platz für eine halbe Uni-Klasse zu haben, und Gilles Tschudi durfte als skrupelloser Architekt erneut den Bösewicht spielen, unweit von der Calvados-Bar, in der er während «Lüthi und Blanc» verkehrte. All dies löste ein kurzes Schmunzeln aus, doch der Duft der Klischees hing auch hier in der Luft.

Klischees und ein Sujet für Business

Davon gab es in «Das alte Haus» zuhauf. Senior Joseph ist – klar – ein Bünzli und wohnt umgeben von lauter Möbeln und Elektrogeräten, für die Zürcher Hipster in überteuerten Brockenstuben fast so viel Geld ausgeben wie für ein Designerstück. Die Immobilienhaie sind skrupellos, die alleinerziehende Frau hat zwei hyperaktive Jungs und einen Ex mit Alkoholproblem, und das äusserst sympathische Ausländerpaar vom Gemüselädeli türkte sein Hochzeitsfoto und liess sich vor einem Matterhorn-Poster ablichten. Sogar der Prime Tower musste für ein Klischee herhalten – und es wird wohl nicht das letzte Mal sein. Denn endlich haben auch die Schweizer Filmemacher ein imposantes Sujet für das Thema Business. Dazu noch ein bisschen Gehupe von einem Auto, und schon riecht es nach Geld und Grossstadt.

Passend zu diesen Klischees wurde ein romantisches, fast schon kitschiges Bild vermittelt – wie in Hollywood eben. Der türkische Gemüsehändler verkauft seine Auslage an bester Lage, sympathisch wie in den Ferien. In der Bäckerei kann man sich die Einkäufe noch anschreiben lassen, und die Hausparteien sitzen am Abend gemütlich beisammen im lauschigen Hof. Dazu noch drei gealterte Hauptdarsteller, nach denen das in die Jahre gekommene Publikum seit «Die Herbstzeitlosen» lechzt, und fertig ist der Sonntagabendfilm à la Hollywood.

Obwohl romantische Komödien immer ihr Zielpublikum finden, das hell begeistert ist (bei «Das alte Haus» dürften es die Senioren gewesen sein), richtig gut sind nur die wenigsten. Um auch alle anderen Zuschauer ausserhalb der Zielgruppe überzeugen zu können, braucht es mehr als die herkömmlichen Zutaten; dazu braucht es etwas Innovatives. Das sah auch Joseph Ernst am Ende ein: «Damit etwas Neues Platz hat, muss etwas Altes verschwinden.» Dann nahm er seinen Koffer, liess sein Leben in Zürich hinter sich und fuhr an ein idyllisches Örtchen, das nur mit dem Postauto zu erreichen ist. Dort wartete schon die attraktive Version der vormals leicht verschupften Bäckerin auf ihn. Schade, verharrte auch «Das alte Haus» beim Bewährten. Damit hat sicher niemand etwas falsch gemacht. Aber leider auch nicht richtig gut. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2013, 10:26 Uhr

Artikel zum Thema

TV-Kritik: Horrorshow nach Schweizer Art

TV-Kritik Gestern strahlte SF die Eigenproduktion «Der Teufel von Mailand» aus. Sie hatte ihre Fehler, war aber dennoch famos – denn sie jagte Schrecken ein bis zum Schluss. Mehr...

Das Kajal-Sennentuntschi

Filmkritik Lange erwartet, so blutig wie erhofft: Im ersten Schweizer Horrorfilm «One Way Trip 3-D» dezimiert Melanie Winiger eine Gruppe Jugendlicher. Mehr...

TV-Kritik: Leben und Sterben im Aargau

TV-Kritik Es war die böse Schwiegermutter: Mike Müller hat in der neuen SRF-Serie «Der Bestatter» seinen ersten Fall gelöst. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...