TV-Kritik

TV-Kritik: Ein Riesenbaby und sonst nix los

Ohne die «Knalltüte» von Kommissar wäre der «Tatort» aus Saarbrücken todlangweilig gewesen. Nicht einmal ein Mordopfer gabs.

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«Wasn los? Nix is los.» So lautete der erste Satz des «Tatorts» aus Saarbrücken. «Was war denn los? Nix war los.» Etwa so liesse sich der «Tatort» aus Saarbrücken zusammenfassen. Dabei begann alles einigermassen vielversprechend mit ein paar finsteren Rockertypen der Motorradgang Dark Dogs, die mit ihren Lederwesten und ein paar nuttigen Frauen am Lagerfeuer sassen.

Kurz darauf wurden von irgendwoher 53 Schüsse abgefeuert – Kommissar Jens Stellbrink zählte sie anschliessend einzeln – und tags darauf lag einer der Oberhäupter der Bande, Rüdiger «Rüde» Sutor, mit gebrochenem Genick, kaputter Kniescheibe und ohne Weste tot neben einer Landstrasse.

Schon bei der Schussszene hätte man ahnen müssen, dass das wohl nichts werden wird. Die Schauspieler bewegten sich so unbeholfen wie heutige Computergames-Kinder im Schulsport. Entweder hatte man an den Stuntleuten gespart oder man hatte bloss ebendiese 53 Patronen zur Verfügung und konnte die Szene daher nicht mehr wiederholen.

Ein Rockerboss namens «Mutti»

Leider zog sich die bescheidene schauspielerische Leistung durch die gesamte Folge, und auch die Dialoge waren oft alles andere als flüssig. Umso bedauerlicher, dass ausgerechnet der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph, der in «James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug» schon Hollywoodluft hatte schnuppern können, als «Rüde» schon nach wenigen Minuten das Zeitliche segnen musste. Fast niemand konnte wirklich überzeugen. Ermittlerin Lisa Marx beispielsweise tat die ganze Zeit über nicht viel, ausser sich über ihren Kollegen Stellbrink zu nerven. Der Boss der Rockerbande war alles andere als furchteinflössend; passend dazu sein Spitzname: «Mutti».

Dafür legte die Staatsanwältin Nicole Dubois eine so erstaunliche Skrupellosigkeit an den Tag, dass es Kommissar Stellbrink beinahe Tränen der Empörung in die grossen, blauen Babyaugen trieb. Als er sich beispielsweise darüber beschwerte, dass der V-Mann der Polizei seine Frau vermöbelt, entgegnete Dubois: «Hier geht es um eine der grössten Operationen des Landes. Da ist es mir egal, wenn einem Kollegen mal die Hand ausgerutscht ist!» Abgesehen davon blieb auch sie mehr oder weniger eine Statistin.

Castingfehler und mangelnde Glaubwürdigkeit

So lastete die gesamte Arbeit auf Jens Stellbrink, der «durchgedrehten Knalltüte», wie er bei seinem ersten Einsatz als «Tatort»-Ermittler Anfang dieses Jahres genannt worden war. Auch dieses Mal war auf ihn Verlass, als er den Rockertypen unerschrocken bis naiv auf die Pelle rückte, als er mitsamt Vespahelm der Lösung des Falls hinterherlief – im wahrsten Sinne des Wortes – und als er sich rührend um die verprügelte thailändische Freundin des V-Manns kümmerte. Apropos Freundin: In Asien waren die Castingverantwortlichen dieses «Tatorts» offenbar noch nie. Oder wer hat schon mal eine Thailänderin, pardon, einen Thailänder gesehen, der so aussieht wie Taja? Eben. Tatsächlich stammt die Schauspielerin Young-Shin Kim im richtigen Leben aus Südkorea.

Zumindest optisch gaben sich die Macher Mühe: Sie versuchten eine Cowboy-Atmosphäre zu erzeugen mit fast farblosen Einstellungen. Statt Pferden gab es Motorrad-PS, statt eines Strohknäuels rollte ein Autoreifen durchs Bild, statt Steppen gab es hügelige Felder. Das war ein hübsches Stilmittel, genau wie Stellbrinks rote alte Vespa inmitten der grossen, schwarzen Maschinen der Motorradgang. Das und die paar wenigen witzigen Szenen mit Stellbrink konnten die Spannungslosigkeit des Falls aber bei weitem nicht wettmachen.

Klar ist der «Tatort Saarbrücken» nicht darauf aus, ein klassischer Krimi zu sein, in dem die Polizeiarbeit im Zentrum steht. Aber zumindest ein bisschen Glaubwürdigkeit dürfte trotz allem Klamauk zu erwarten sein. Die Drogendealerstory war völlig aus der Luft gegriffen, besonders bei diesen fast durchwegs dümmlichen Rockertypen, denen man einen Deal in der Tragweite von «einer der grössten Operationen des Landes» niemals zutrauen würde. Zudem: Woher bitte schön hätten sie neben dem Motorradfahren, dem Biertrinken am Lagerfeuer und den Gangspielchen noch die Zeit nehmen sollen, um mit Drogen zu handeln? Eben. Und am Ende gab es nicht einmal mehr ein Mordopfer, sondern bloss ein Notwehropfer. Wie gesagt: «Nix war los.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2013, 21:45 Uhr

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