TV-Kritik

TV-Kritik: Raub der Kindheit

Nach der Sommerpause eröffneten die Luzerner Kommissare die neue «Tatort»-Saison. Das Sekten-Drama war der bisher stärkste Beitrag aus der Schweiz.

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Wie schon vor einem Jahr durften die Luzerner Kommissare Flückiger und Ritschard die Tatort-Saison eröffnen. Eine Ehre, die verpflichtet – und vergütet wurde: Es war der bisher stärkste Beitrag aus der Schweiz.

Ganz klassisch machte eine Leiche im Wald den Auftakt. Die 14-jährige Amina, mit einem Stein erschlagen, war im dritten Monat schwanger. Kurz vor ihrem Tod wollte sie bei der Opferhilfe einen Missbrauch melden. Schnell fiel der Verdacht auf ihren Vater, ein kauziger Ex-Junkie, der auf einem Campingplatz hauste und Flückiger herausfordernd duzte. Aber auch ihr Stiefvater war eine dubiose Gestalt; als Mitglied der christlichen Glaubensgemeinschaft «Kreis der Gnade» hatte er Amina, ihre Schwester und die Mutter vor Jahren von der Strasse geholt und bei sich aufgenommen. Seither schleppte er sie an Veranstaltungen der Freikirche.

Es war eine traurige Wahrheit, die der Tatort gestern zeigte. Kinder, die sich in einem Sektenumfeld bewegen, sind psychisch oft beschädigt. Sie wachsen in Abgrenzung von der Aussenwelt auf und was sich ausserhalb der Sektengemeinde abspielt, gilt als verdorben, allem voran sexuelle Kontakte zu anderen Teenagern. Amina aber akzeptierte die Regeln der Frömmler nicht und hatte ein Verhältnis mit dem Lehrling ihres Stiefvaters. Von ihm war das Kind in ihrem Bauch.

Auflösung spielte keine Rolle

Um religiösen Fanatismus ging es also, aber auch um Väter, die sich selbst mehr lieben, als ihre Kinder. Denn auch ihr leiblicher Vater, von Scham und Eifersucht getrieben, versuchte sich ihre Zuneigung, wenn er sie ausnahmsweise brauchte, zu erzwingen. Letztlich entpuppte sich der Stiefvater als Mörder – er wollte Aminas «Seele retten». Doch eigentlich spielte die Auflösung keine Rolle. Die Folge war einer jener seltenen Krimis, die nicht am Täter interessiert sind, sondern am Opfer.

Bemerkenswert waren auch die Schauspieler, die bis in die Nebenrollen mit knapp gehaltenen Dialogen authentisch aufspielten. Es scheint, als ob die Schweizer Ermittler ein Händchen für die stillen, aber starken Tatorte haben, für jene Geschichten, die die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade erforschen. Das war bereits bei den Folgen um die Zwitter und die Fasnächtler der Fall, und auch gestern war man froh, dass der Autor die Finger von grossen Themen wie Immobilienspekulation oder der Finanzbranche gelassen hatte. Deren dunkle Seiten sezieren die Medien tagtäglich und sie überschreiten in ihrer Komplexität wohl auch die Möglichkeiten des Gefässes. Diese Folge jedenfalls war ein feiner Auftakt ins neue Tatort-Jahr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2013, 21:48 Uhr

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