Tatort-Kritik

TV-Kritik: Strassencharme und eine Katze

Im «Tatort» war erstmals der zweite Hamburg-Kommissar im Einsatz. Der Mann ist besser als Til Schweiger.

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Wie viel Verrücktheit verträgt ein «Tatort»? In Saarbrücken ermittelt neu ein kiffender Yoga-Freak, in Hamburg ballerte sich Til Schweiger kürzlich wie Bruce Willis durch die Stadt und in Weimar stehen die Ulknudeln Nora Tschirner und Christian Ulmen in den Startlöchern. Man war gestern also gespannt, was für ein Typ der zweite Hamburg-Kommissar, gespielt von Edelmime Wotan Wilke Möhring, abgeben würde. Alkoholkrank? Bisexuell? Ein Bettnässer?

Nun, Kommissar Thorsten Falke ist wie Tschiller ein kantiger Blondschopf, hat ein Kind, das er nie sieht, dafür eine Katze, mit der er spricht. Weil sein ruppig-impulsives Wesen zwar attraktiv, aber nicht beziehungstauglich ist, lebt er alleine. «Du bist ein Scheissverräter!», herrschte er seinen Kripo-Partner an. Dieser hatte die Frechheit besessen, sich als Vater in spe in den Innendienst versetzen zu lassen. So stand dem Auftritt eines neuen Partners nichts im Weg. Und wie es das Krimigenre bzw. die Odd-Couple-Regel gebietet, ist der das schiere Gegenteil der Hauptfigur. Eine unerfahrene, korrekte Blondine – aber belesen. Katharina Lorenz ist ihr Name und auf Falkes Spruch «Das Sein bestimmt das Bewusstsein» antwortete sie: «Woher kennen Sie Karl Marx?» – «Stand heute im Kalender», brummte Falke.

Frustabfuhr des Prekariats

Der Fall, den die beiden zu lösen hatten, betraf einen Feuerteufel. Als der ein Auto abfackelte, starb eine Frau, die sich schlafend im Wagen befand. Das Szenario ist in der Realität verankert. Jedes Jahr gehen in deutschen Städten Hunderte Autos in Flammen auf (darunter auch kürzlich der Mini Cooper von Til Schweigers Lebensgefährtin). Sowieso ist Brandstiftung ein dankbares Thema für einen «Tatort», erlaubt es doch soziopolitische Deutungen – der brennende BMW als Frustabfuhr des Prekariats.

Der Täter kam denn auch aus dem Problemviertel Billstedt, wo sich arbeitslose Jugendliche mit Migrationshintergrund in trostlosen Hinterhöfen prügeln. Das Opfer stammte aus einer gehobenen Gegend. Kommissar Falke, aufgewachsen in Billstedt, mittlerweile aber aufgestiegen, fungierte also als eine Art Wanderer zwischen den Klassen. Als solcher nervte ihn eine Bürgerwehr und deren Kampagne «Mehr Sicherheit in Hamburg» ganz besonders. Sinnigerweise fiepte sein Handy-Klingelton immer wieder den Stones-Song «Sympathy for the Devil». Dass das Thema der zweigeteilten Stadt nicht sozialromantischen Klischees zum Opfer fiel, hatte übrigens viel mit dem Regisseur zu tun. Jungtalent Özgür Yildirim hat Hamburgs Problemviertel wie schon in seinem viel gerühmten Gangstermovie «Chiko» mit viel roher Authentizität inszeniert.

Gelungene Einführung

Weniger elegant war der Plot des Films. Weil der Täter von Beginn weg feststand, entwickelte sich kaum Spannung. Hätte man den Film konsequent auf Gesellschaftsporträt getrimmt, wäre das in Ordnung gewesen. Doch die Bürgerwehr- und Brandstiftungsthematik ging irgendwann vergessen und obendrein stellte sich der Ehemann des Opfers als Täter heraus. Er hatte die Tat beobachtet und seiner Frau, die ihn wegen einer chronischen Depression anwiderte, keine Nothilfe geleistet. Uneleganterweise wurde das alles durch eine Rückblende erzählt. Einerlei, die Folge hatte zum Ziel, den neuen Kommissar einzuführen, und das ist ihr gelungen. Falkes Street Credibility gefällt uns genauso wie seine feenhafte Partnerin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2013, 21:42 Uhr

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