TV-Kritik

TV-Kritik: Abgehen «wie n’es Zäpfli»

Gut gemacht! Am Samstag startete auf SRF 1 die Castingshow «The Voice of Switzerland».

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Erfunden hats natürlich wieder einmal Endemol, also die Holländer, die der Welt schon «Big Brother» oder «Wer wird Millionär» bescherten. Jetzt heisst ihr Castingshow-Konzept also «The Voice», was bedeutet, dass zuerst kompetente Menschen und erst dann die Zuschauer für eine Stimme stimmen. Das ist eine gute Idee, das ist eine saubere Form der Castingshow, es geht da weniger um die zynisch präsentierte Zirkusvorführung als um die Lauterkeit der Leistung.

Schon 37 andere Nationen haben das Format «The Voice» in den letzten zwei Jahren bei den Niederländern eingekauft. Bei uns war bisher «The Voice of Germany» am präsentesten mit Nena und Xavier Naidoo in der Expertenjury, und seit Samstag gibt es nun also auch «The Voice of Switzerland» mit Stefanie Heinzmann, Stress, Marc Sway und Philipp Fankhauser.

Moderation, aber wozu?

Es sind an diesem ersten Abend nun zwei Seiten zu betrachten. Erstens die Seite der Macher, der Jury, der Moderation. Letztere war... also, wo war sie denn eigentlich? Sven Epiney, der Omnipräsente, war da, aber wozu? Es war diese erste (und voraufgezeichnete) Sendung, ja, eine der sogenannten «Blind Auditions», also dieses Ding, wo die Jury auf Drehstühlen sitzt und die Sänger zuerst im Rücken hat, und wem eine Stimme gefällt, der haut auf einen roten Knopf, der Stuhl dreht sich um – et voilà, es kommt da die gute oder böse Überraschung in Form der Optik.

Später, in den Live-Battles, entscheiden dann die Zuschauer mit, und da muss ein Moderator her, logisch, jemand muss ja die Telefonnummern aufsagen, aber jetzt ist das noch nicht nötig. Sven Epiney versuchte also, neben der Bühne im «Family Room» die Angehörigen zu betreuen, was ihn aber eigentlich nicht interessierte, und Viola Tami machte angeblich auch noch was «im Backstage-Bereich» und Social-Media-mässig, aber was, das erschloss sich in keinem Medium.

Das Emotionenbündel, der Entspannte und der Dandy

Alles andere: im vorgegebenen Rahmen perfekt, Stefanie Heinzmann war das herzig-fiebrige Emotionenbündel und sagte hübsche Sachen wie: «Dü hesch mis Härz eifach komplett igipackt», Marc Sway redete immer von der grossen «Liebi», die er spürte, Stress war viel entspannter als auf jedem blöden roten Teppich, und Philipp Fankhauser war ein vollendeter Dandy-Gentleman. Sprachlich passten sich alle den Kandidaten an, redeten Englisch, Französisch, Italienisch und Walliserdeutsch, und das legte eine angenehm weltläufige Aura über den Abend, man verstand sich ausgezeichnet, zumindest im Saal.

Die andere Seite gehört den Kandidaten. Sie haben es gut gemacht. Ganz besonders die ausländischen. Die Italienerin Marina, Ella aus Tel Aviv und der Pole Kamil, alle drei Profimusiker, die es in die Schweiz verschlagen hat, alle drei mit einer Geschichte und mit einem guten, künstlerischen Selbstbewusstsein. Fertige Musiker eigentlich, die eine Castingshow nicht wirklich brauchen, aber schliesslich kann man dem Menschen das mediale Selbstmarketing nicht verbieten, es gehört zu unserer Zeit.

Zurück nach Diepoldsau

Und die Schweizer? Ach, sie waren halt Schweizer. Sie sagten, nicht weiterzukommen wäre «für mi dr Wäutuntergang» (und kamen natürlich nicht weiter), sie sagten, sie würden auf der Bühne abgehen «wie n’es Zäpfli» (und kamen trotzdem nicht weiter), sie sagten, es sei ihr Lebensziel, Diepoldsau endlich hinter sich zu lassen (und mussten wieder dahin zurück). Die holdeste Schweizer Überraschung heisst Iandara (20) aus Wangen bei Olten und sang «La vie en rose» von Edith Piaf. Und weil sie Halbbrasilianerin ist, entschied sie sich für den Halbbrasilianer Marc Sway als Coach, und die beiden flirteten scheu auf Portugiesisch. Man verstand sich echt sehr gut.

«The Voice of Switzerland», nächste Folge: Mi, 30.1., SRF 1, 20.05 Uhr.

Erstellt: 27.01.2013, 10:26 Uhr

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